Hitchcocks „Foreign Correspondent“ zählt heute nicht eben zu seinen absoluten Klassikern, hängt ihm doch ein wenig der Ruf an, eine heute nicht mehr sonderlich interessante Mischung aus frühem Action- und Propagandafilm zu Kriegszeiten zu sein.
Entstanden als Hitchcocks zweiter amerikanischer Film nach dem außerordentlich erfolgreichen „Rebecca“, wurde „Mord“ (wie er in Deutschland etwas irreführend auch genannt wird) als eine Art B-Film verkauft.
Anders als in vielen kommenden US-Filmen schlägt er sich mit dem (eigentlich unwichtigen) Kreuz herum, keinen namhaften Hauptdarsteller vorweisen zu können, sondern mit Joel McCrea einen typischen Westerndarsteller.
Das ist jedoch ein wenig unfair, denn im Wesentlichen ist der Film eine kongeniale Weiterentwicklung der erfolgreichen britischen Phase des Regisseurs, von „39 Steps“ und „The Man who knew to much“ bis „Young and innocent“.
Auch hier gerät ein Unschuldiger in eine politische Affäre: ein Sensationjournalist wird zum seriösen Auslandkorrespondenten in der Zeit des drohenden zweiten Weltkriegs und in Holland dann Zeuge eines Mordanschlags auf einen niederländischen Politikers. Das alles entpuppt sich jedoch nach und nach als deutsche Verschwörung, bei der der Mann ausgetauscht wurde, um an Regierungsgeheimnisse heranzukommen – die eigentlichen Verbrecher sind schlußendlich die Vertreter einer amerikanischen Pro-Nazi-Gruppe, die sich als Friedensorganisation tarnt. Während der Held als mehrfach in die Enge getrieben wird, lernt er (wie so oft) ein hübsches Mädchen kennen, das jedoch die Tochter des Oberverbrechers ist.
Mit heutigen Actionfilmen ist der Film nicht mehr zu vergleichen, aber er hat durchaus ein paar außerordentlich visuell bestechende Momente, vor allem der Mordanschlag inmitten einer regenschirmüberspannten Menge und einer Verfolgungsjagd bis zu einer Gruppe von Windmühlen, von denen sich eine gegen den Wind dreht.
Hitchcock ist bemüht, soviel Suspense wie nur möglich aus dieser Geschichte herauszupressen, die allerdings umständlich konstruiert wirkt – letztendlich wird ein langwieriger Gehirnwäscheprozess durch den Einsatz von Gewalt so sehr abgekürzt, daß man sich wundert, wieso überhaupt so lange auf diese Möglichkeit verzichtet wurde.
Figurentechnisch ist „Mord“ relativ uneinhaltlich konzipiert, die Hauptrolle teilt sich im Filmverlauf auch noch auf, zu Joel McCreas US-Reporter gesellt sich baldigst noch George Sanders als schottischer Kollege, der nach etwa einem Drittel zunehmend die Aktionen dominiert und auch am Ende für den Hauptteil an Action zuständig ist. Nicht ganz so überzeugend, sondern eher blaß kommt Laraine Day als „love interest“ daher, doch ihre Rolle ist auch nach ansehnlichem Beginn nicht sonderlich gut ausgearbeitet. Interessant ist die Besetzung des großen deutschen Theatermimen Albert Bassermann als das Objekt der Nazi-Begierde.
Generell relativ flüssig und vielleicht etwas zu überfrachtet manchmal, um den Charakteren ausreichend Platz zu lassen, besticht vor allem das (etwas haarsträubende) Ende, wenn das Flugzeug der Beteiligten von einem deutschen Zerstörer „versehentlich“ abgeschossen wird, was Hitchcock Gelegenheit zu einem technisch bestechend getricksten Absturz gibt, bei dem nicht viele überleben. Obwohl offensichtlich im Studio gefilmt, ist die Sequenz nicht nur überzeugend, sondern auch graphisch ernst und sehr beklemmend gemacht.
In Erinnerung bleibt ferner eine Sequenz, die McCrea zusammen mit einem angeheuerten Mörder zeigt, der vorgibt, eine Stadtführung durch London machen zu wollen, um ihn vom Turm einer Kathedrale zu stoßen; ein Suspensecoup, der schon auf der Straße vorbereitet wird und von dem die Kameraarbeit und der Schnitt im Gedächtnis bleiben.
Doch das zeigt schon, daß die technische und visuelle Seite wesentlich ausgeprägter rüberkommt, als das sonst so geschickte Verweben der charakterlichen Abhängigkeiten, die ist ebenso statisch wie die patriotische Grundbotschaft, die dem Ende hintenan geklatscht wurde und nur zu Kriegszeiten wirklich goutiert werden konnte. Dennoch ist „Der Auslandskorrespondent“ einer der unterschätzteren Hitchcocks und wie der bald darauf folgende „Saboteur“ ein beredtes filmisches Zeugnis der Kriegszeit – spannend und historisch gesehen interessant. (7/10)