Kurze Vorbemerkung :
Ich konzentriere mich bei meiner Kritik an "24" ausschließlich auf die Systematik, innere Logik und sonstige Qualitäten, erwähne inhaltliche Details nur grob und im Ausnahmefall, um Spoiler zu vermeiden, denn gerade das Nichtwissen über die kommenden Ereignisse macht einen Großteil der Faszination aus, die "24" vermittelt...
Und genau darin liegt auch die Problematik dieser Fernsehserie, deren Grundkonzept darauf basiert, Vorgänge die in genau 24 Stunden geschehen an Hand von 24 einstündigen Folgen in " Echtzeit " darzustellen. So beginnt dieser Ablauf immer mit einem Ereignis, daß das zukünftige Geschehen erst ermöglicht, im Fall von "24" natürlich immer mit einer überdimensionalen Bedrohung, die zusätzlich geknüpft ist an eine sehr kurze Frist.
Jack Bauer (Kiefer Sutherland) erfährt innerhalb der ersten ca.15 Minuten von einer großen Gefahr ,z.B.von einem Anschlag auf einen wichtigen Politiker ,die durch irgendeinen Geheimdienst an die CTU, der Behörde für die Jack arbeitet, weitergeleitet wurde. Er hat jetzt die Aufgabe nicht nur die Hintermänner und deren Beweggründe, sondern auch noch den Zeitpunkt, wann das Ganze stattfinden soll, herauszufinden - und das möglichst schnell. Die "Echtzeit" ermöglicht dabei zum ersten Mal in der Fernsehgeschichte, einem solchen Unterfangen ständig beizuwohnen. Man verfolgt jeden einzelnen Schritt und ist so natürlich auch in sämtliche Erkenntnisse und plötzliche Wendungen hautnah eingebunden...
Dieses Konzept galt lange Zeit als nicht für das Fernsehen geeignet, weil hier ja keine in sich abgeschlossenen Episoden erzählt werden, sondern im Grunde ein 24-stündiger Langzeit-Film in Häppchen angeboten wird. Und man muß deutlich sagen - ein späteres Einsteigen oder nur teilweises Sehen von einzelnen Folgen verringert den Unterhaltungswert erheblich, deshalb ist die Ansicht einer kompletten Season mittels DVD das wirklich geeignete Medium für dieses faszinierende Konzept.
Doch man merkt den Machern eben auch an, daß sie zu Kompromissen bereit sein mußten. Nicht nur, daß es Werbepausen geben muß, die immer wieder zu kurzen Zeitsprüngen führen, während deren wir Zuschauer nicht am Geschehen teilnehmen können, sondern vor allem der Zwang den Zuschauer bei der Stange halten zu müssen, führt dazu, daß es zum Ende einer jeden Folge einen sogenannten "Cliffhanger" geben muß, der dazu animiert, die nächste Folge auf keinen Fall zu verpassen. Liest man dazu diverse Internet-Kritiken, in denen unlogischerweise trotz des klaren Konzeptes jede Folge einzeln kritisiert wird, kann man sie sogar verstehen - es ist wirklich schwer einen 24-stündigen Spannungsbogen zu vermitteln und deutlich zu machen, daß dazu eben auch ruhigere Phasen gehören.
Dazu hat das "Echtzeit" - Konzept auch immanente Zwänge. So kommt es selbst bei der dichtesten Abfolge von Ereignissen immer wieder zu Momenten, in denen wenig passiert, sei es einfach während irgendwelcher Autofahrten zu einem anderen Ort oder bei notwendigen Wartezeiten bis eine gesuchte Person erscheint und ähnliches. Um diese Zeiten zu überbrücken wählten die Macher mehrere parallele Erzähl-Stränge, zum Einen in der Zentrale der CTU, von wo aus Jack Bauer unterstützt wird, aber auch seine Familie, die jeweiligen Terrorgegner oder die Entscheidungsträger im "Weißen Haus" können von uns minutiös beobachtet werden.
Dadurch entsteht insgesamt ein dichtes Bild und die Drehbuchautoren können fiktiv immer an den Ort blenden, der gerade für die Story am interessantesten und spannendsten ist, wobei sie natürlich auch die Freiheit haben, Momente der Privatheit zu zeigen, während man als Zuseher lieber einen anderen Erzählstrang verfolgen möchte - das kann durchaus die Spannung erhöhen, aber natürlich auch nerven.
Überträgt man dieses komplexe Konzept auf einen Gesamtzeitraum von 24 Stunden und ebenso vielen Folgen, wird im Grunde deutlich, warum das kaum mit durchgehender Perfektion gelingen kann.
So wäre es zum Beispiel unrealistisch, wenn das zu erwartende Ereignis, welches Jack Bauer zu verhindern versucht, immer erst kurz vor dem Ende der 24 Stunden geschehe , auch können die Ermittlungsarbeiten nicht ewig in die Länge gezogen werden (wie es in der Realität wahrscheinlich meist geschieht) und so müssen natürlich eine Vielzahl von Hindernissen und Erkenntnissen aufgebaut werden, um trotz des hohen Tempos Bauers Weg zur Lösung möglichst auf 24 Stunden zu strecken...und das führt beinahe automatisch auch zu konstruierten Spannungsaufbauten.
Man muß aber den Autoren zu gute halten, daß sie oft über lange Zeiträume ein erstaunlich hohes Niveau halten, in denen sie genau die oben geschilderten Vorgaben kongenial umsetzen. Da paßt einfach alles : eine ständig steigende Spannung ,die immer wieder von neuen Erkenntnissen und Wendungen gefüttert wird und ein sehr gutes Zusammenspiel der verschiedenen Erzähl-Stränge, die auch kurzzeitig zusammen geführt werden und dann wieder eigene Wege gehen. In diesen Momenten hat diese Fernsehserie ein Qualität, die auch kein Film leisten kann - eine solch dichte Beteiligung an den Ereignissen, ein solch direktes Mitfiebern mit den Beteiligten über so einen langen Zeitraum läßt sich nur mit diesem Konzept umsetzen - es entsteht ein körperlich spürbares Abhängigkeitsverhältnis.
Doch gerade dieser Adrenalinschub beim Zuschauer läßt ihn noch stärker die mittelmäßigen Momente spüren, die dann leicht zu enttäuschten Reaktionen führen können, obwohl die Serie auch in diesen Momenten immer noch ein ordentliches Niveau hat.
Allerdings hat das auch einen positiven Aspekt, denn man merkt ,daß die Macher sich ihrer Aufgabenstellung sehr bewußt sind und ständig daran arbeiten, eine möglichst hohe Perfektion zu erlangen.
Natürlich bleibt die erste Season etwas Besonderes, denn man kann bei den späteren Folgen das erste Erleben dieses Konzeptes nicht mehr simulieren.
Aber sonst hat die Serie durchaus noch Potential zu einer Steigerung und so verwundert es nicht, daß in den USA Season 6 und 7 schon beschlossene Sache sind und man darf gespannt sein, welche erzählerische Varianten in Zukunft ausgedacht werden...
Im Weiteren gehe ich auf die einzelnen Seasons ein und kritisiere diese an Hand der zuvor beschriebenen Kriterien. Obwohl es dabei natürlich zu unterschiedlichen Beurteilungen kommt, wird dadurch das Konzept an sich nicht in Frage gestellt. Auch werde ich hier nur in Ausnahmefällen auf die schauspielerischen Leistungen eingehen, denn diese sind durchgehend auf einem hervorragenden Niveau.
SEASON 1 :
So griffig und werbewirksam das "24 Stunden Konzept" ist, so sehr ist es auch ein starrer Rahmen. Bei der ersten Season trauten die Produzenten der Grundidee nicht so recht, so daß erst einmal ein 13-stündiger "Film" in Auftrag gegeben wurde und erst im Nachhinein die Story auf 24 Stunden aufgebläht wurde.
Und das merkt man dem "ersten Tag" des Jack Bauer in positiver wie negativer Hinsicht an. Vielleicht sind 13 Stunden auch angemessener zu bewältigen, denn diese Dichtheit und Spannung, die in den ersten 13 Stunden hier erreicht werden, sind kaum zu überbieten. Allerdings bieten die dann noch folgenden 11 Stunden ein ziemliches Kontrastprogramm - hier werden viele Elemente der ersten Stunden nur noch leicht verändert wiederholt und schlimmer, so manche Überraschung quasi aus dem Hut gezaubert.
Wo zu Beginn die Wendungen für den Zuschauer geradezu frappierend überraschend und doch nachvollziehbar sind und eine paranoide Atmosphäre schaffen, der man sich nicht entziehen kann, so wird dieses Gefühl zum Ende hin zu oft mißbraucht und so weit gesteigert, daß eine Gewöhnung und damit eine Egalhaltung beim Zuseher erzeugt wird. Trotzdem ist auch dieser Teil der "Ersten Season" bezüglich der vielen internen Geschehnisse und Dialoge, gerade im Hause des Präsidentschaftskandidaten, unterhaltend und spannend, kommt aber nicht mehr an die Intensität der ersten Hälfte heran.
Fazit : Eindrucksvolle Ersterfahrung der genialen Grundidee und in den ersten 13 Stunden eine Erzeugung eines adrenalingeschwängerten Suchtverhaltens - leider ähnelt die zweite Hälfte ein wenig dem Kater am nächsten Morgen, allerdings immer noch sehr unterhaltend. Was bleibt ist die Begeisterung über ein solches Konzept und die Hoffnung, daß es die Macher beim nächsten mal noch konsequenter durchziehen (7/10).
SEASON 2 :
Die Ausrede für einen Intensitätsabfall zum Schluß kann man bei Jacks "Zweitem Tag" nicht gelten lassen, hier waren die 24 Stunden schon von vornherein eingeplant. Fragt sich nur ,ob das dargestellte Ereignis diese Länge auch rechtfertigt.
Äußerlich auf jeden Fall, denn die Macher dachten sich " think big" und haben den wahrscheinlich schlimmstmöglichen Anschlag in Szene gesetzt. Doch genau darin liegt auch das Problem - denn einerseits muß ein solch verheerender Angriff auch irgendwie durch die dahinter stehende Motivation gerechtfertigt sein, zum Anderen nimmt man sich die Möglichkeit in Zukunft noch Steigerungen einzubauen. Dabei lehrt die Realität, daß solch eine Denkweise gar nicht nötig ist, denn gerade der Angriff auf das "World Trade Center" oder - noch deutlich kleiner - der Bombenanschlag in Oklahoma City durch Rechtsradikale, verdeutlich, wie sehr man ein ganzes Land mit solchen Angriffen treffen kann, obwohl die Zahl der Toten nicht gleich in die Millionen geht...
Wie das Ganze hier in Szene gesetzt ist, ist allerdings sehr überzeugend. Sehr detailliert können wir Jacks Weg verfolgen ,die Attentäter ausfindig zu machen und auch die spätere politische Dimension ist sehr spannend. Insgesamt gelingt es der "zweiten Season" deutlich besser die Spannungskurve über die gesamte Laufzeit hochzuhalten, auch wenn man in den letzten Stunden spürt, wie sehr die Macher sich zwingen müssen, die 24 Stunden durchzuhalten, ein wenig kürzer wäre hier ein Gewinn gewesen.
Allerdings gibt es einen wesentlichen Schwachpunkt :
Während Jacks Privatleben in "Season 1" logisch in das Gesamtgeschehen eingebaut wurde, so spielt es hier keine Rolle. Das wäre ja gar nicht weiter schlimm, denn man muß kein Hellseher sein, um zu vermuten, daß ein "Special Agent" bei besonderen Anlässen sein Privatleben mal für 24 Stunden ruhen läßt. Doch so viel Realität wollte man dem Zuschauer dann trotz "Echtzeit" doch nicht zumuten - ein bißchen was fürs Herz muß eben doch sein . Da spürt man die Gesamtaufgabenstellung, die an eine Fernsehserie gebunden ist.
Und so läuft - nahezu unberührt von den sonstigen Geschehnissen - eine private Handlung parallel ab, die an Unlogik kaum zu überbieten ist. Aber selbst wenn man mal die innere Qualität beiseite läßt, stellt sich doch die Frage, warum das ausgerechnet an diesem Tag geschieht. Während Jack Bauers Einsatz auf einen Angriff beruht, der von den Hintermännern schon monatelang vorausgeplant wurde, und eben an einem bestimmten Tag stattfinden muß, so sind die "familiären Abenteuer" ausgerechnet am selben Tag ein völlig konstruierter und damit nicht zur Serie passender Drehbuch-"coup".
Fazit : Steigerung der Drehbuchvorlage bezüglich der Spannungskurve über den Gesamtzeitraum, allerdings nicht mehr so intensiv wie in den ersten Stunden der "Season 1". Schwach ist die "private Parallelhandlung", aber zeitlich nimmt sie glücklicherweise nur wenig Raum ein, so daß sie den Gesamteindruck kaum trübt.
Insgesamt ist Season 2 actionlastiger und brutaler als der erste Teil und für mich ist es angesichts der häufigen und deutlich dargestellten Folterszenen schwer nachvollziehbar, daß die Serie ab 16 freigegeben ist.
Das Schreckensszenario, daß hier die Grundlage bildet, ist meiner Meinung nach etwas übertrieben und soll ein wenig die zuschauertypische Sensationsgier befriedigen - auch ist die dahinter stehende Intention der Terroristen nicht wirklich angemessen. Dagegen sind die sich daraus ergebenden politischen Konsequenzen sehr real und beeindruckend dargestellt.
Insgesamt noch ein wenig besser als Teil 1 ,aber durchaus noch steigerungsfähig (8/10).
SEASON 3
Betreffend des Schreckensszenarios wurde in Season 2 ein schon früher Höhepunkt erreicht, zumindest betreffend der Erwartungshaltung des Publikums. Tatsächlich ist die Bedrohung, die in Season 3 aufgebaut wird noch furchtbarer, aber gleichzeitig auch irgendwie abstrakter, weniger direkt (man hat theoretisch immer eine Chance davon zu kommen) - vielleicht liegt es daran, daß Nr. 3 in der Gesamtbeurteilung immer ein wenig schlechter wegkommt.
Denn am Aufbau der Story kann es nicht liegen - hier wird zum ersten Mal ein Durchhänger vermieden, einfach dadurch, daß man das ganze Geschehen ruhiger angehen läßt. Außerdem gibt es hier keinen peinlichen Nebenerzählstrang, der mit der Sache an sich nichts zu tun hat - Bauers Privatleben findet im Grunde nicht statt oder ist direkt mir dem eigentlichen Geschehen verwoben.
Neben den logischerweise immer wieder vorkommenden Cliffhangern, die aber ordentlich entwickelt werden und nicht krampfhaft daher kommen, wird der erste Höhepunkt etwa in der Mitte der Staffel erreicht und dann lange auf einem hohen Level gehalten - erst zum Schluß spürt man ein wenig wieder den Zwang, noch etwas nachlegen zu müssen, um die 24 Stunden eben voll zu bekommen.
Insgesamt ist Season 3 weniger actionlastig als Nummer 2 und setzt stärker auf psychologische Momente auch einiger der Nebendarsteller - nicht nur Jack Bauer hat Zweifel und zwiespältige Entscheidungen zu treffen...
Fazit : weitere Steigerung des "24"-Levels bezüglich des Storytellings, daß hier nur äußerst selten die Bodenhaftigkeit "normaler Fernsehserien" aufweist. Trotzdem spürt man einen gewissen Verschleiß der handelnden Figuren und des ähnlichen Aufbaues, der ja die Protagonisten immer dazu zwingt eine große Bedrohung abzuwenden - auch wenn er hier geschickter und konsequenter verwendet wurde. In Zukunft ist sicherlich ein gewisses Umdenken vorgesehen, was man auch daran erkennt, daß in Nummer 3 einige Lebensläufe nicht zur Fortsetzung mehr gedacht sind...
Interessant ist auch hier wieder der Aspekt, daß man sich als Zuseher immer wieder fragt, warum die "Terroristen" für die Umsetzung ihrer Intentionen immer so viele Menschenleben opfern wollen. Wenn man sie in "24" erlebt, so als normale, keineswegs wahnsinnige Typen, stellt man sich diese Frage erst recht. Ich halte das für eine besondere Qualität dieser Serie, daß die Hintermänner hier nicht als übermenschliche Monster gezeigt werden. Ihre übertriebene Vorgehensweise läßt sich nie durch logische Zusammenhänge nachweisen und ist auch in der Realität niemals angemessen (8.5/10).
SEASON 4 :
Während bei Fortsetzungen oder Sequels von Filmen in der Regel eine Abschwächung der Qualität die Regel ist, so merkt man bei "24", daß die eigentliche Qualität im Grundkonzept liegt und die Macher dadurch von Season zu Season dazu lernen.
Wie schon in Season 3 angedeutet, wird die Darstellerriege hier komplett neu gemischt, so daß schon mal Spannung darin liegt, die neuen Charaktere kennenzulernen. Trotzdem verzichtet auch der 4.Tag nicht auf viele in den vorherigen Folgen entstandene unbewältigte persönliche Krisen, getreu dem Motto "was du nicht wirklich löst, fällt dir immer wieder auf die Füße".
Ansonsten geht Season 4 neue Wege, in dem es zum Einen nicht mehr "den einen terroristischen Super-Gau" in den Mittelpunkt stellt, zum anderen auf das doch recht ausgereizte Stilmittel verzichtet, immer wieder eine überraschende Wendung aus dem Hut zu zaubern. Hier war man als erfahrener Seher schon gewohnt, daß immer der unwahrscheinlichste Fall eintreten würde - auch abseits jeder Logik.
In der 4.Season hat alles eine überzeugende innere Dynamik - man kann oft schon spätere Konflikte voraus sehen. Dadurch verliert die Serie aber nicht an Spannung, sondern gewinnt an innerer Überzeugungskraft - abgesehen davon das man den Ausgang eines Konfliktes keineswegs voraussagen kann.
Zusätzlich interessant ist der immer facettenreicher angelegte Charakter des Jack Bauer. Wurde er in den ersten 3 Folgen meistens mit den selben Menschen konfrontiert, so erkennt man an diversen inneren Konflikten dieser Season noch deutlicher, wie er funktioniert und wo seine innere Hemmschwelle liegt.
Auch die Thematik der Folter wird hier nochmals vertieft und kontrovers dargestellt. Während in den ersten Seasons ausschließlich das Motto galt "wenn nötig, wird gefoltert" , so gibt es hier auch einige Fälle, bei denen klar ist, daß zu unrecht gefoltert wird. Zwar wird der Anwalt von "Amnesty International" (hier "Amnesty Global" genannt) ins Lächerliche gezogen, aber das wäre eine unzureichende Sichtweise auf "24". Gerade in Season 4 gibt es einige Szenen, die deutlich machen, wie schrecklich und ungerechtfertigt Folter ist und damit eine Abkehr des Mottos der "Bush Doktrin".
Trotzdem vertritt "24" insgesamt eine konservative Sichtweise auf die Terrorismus-Bekämpfung. So wird die Totalüberwachung, die schon durch unzählige Kameras in den Straßen und Satelliten im All ständig gewährleistet ist, nie in Frage gestellt oder negative Aspekte dabei aufgezeigt. Auch sieht man, wie jede Person sofort auf den Computer geholt werden kann - egal ob es sich um eine harmlose Hausfrau handelt oder einen Top-Terroristen.
Da diese Anwendungen immer in einen besonders schweren und realen Gefährdungs-Kontext eingebunden sind, wirken diese Möglichkeiten natürlich gerechtfertigt, aber jeder halbwegs aufgeklärte Mensch weiß, was dieses Handwerkzeug in den Händen von weniger kompetenten und selbstlosen Menschen verursachen kann - und selbst in "24" wimmelt es von solchen Typen.
Genau darin liegt wiederum auch die Qualität der Serie, denn sie zeigt, daß alle technischen Verbesserungen, die zur Verfügung stehen, auch der Gegner nutzen kann und so fallen einige technische Neuerungen den Ermittlern in Season 4 in den Rücken - letzlich kommt es eben nur auf die Personen an, die dahinter stehen.
Man kann "24" aus dieser Sicht - gerade weil sie im Endeffekt immer nur in der Person des "Jack Bauer" kulminiert - auch als Kritik an diesem System ansehen. Was zählt ist der individuelle Charakter und dessen innere Konsequenz, klassische schon aus dem Western bekannte Ideale, die nur wenig gemein haben mit riesigen technisch aufgerüsteten Apparaten. Ohne Jack Bauer (und wenige sonstige Einzelkämpfer) - und das macht "24" sehr deutlcih - würde auch der Laden CTU nur wirkungslos verpuffen.
Jetzt könnte man noch anfügen, daß die Amis sich selbst dafür loben, über welch "geniale Typen" sie doch in ihrem Land verfügen. Aber "24" zeigt eben auch gleichzeitig, daß ein so eigenwilliger Charakter wie "Jack Bauer" kaum Chancen hat, sich in die Gesellschaft einzugliedern - außer an Orten wie der "CTU" gibt es keinen Platz für ihn. Und da Bauer jeglichen Hurra-Patriotismus ,geschweige denn Obrigkeitsgläubigkeit vermeidet, wirkt er eben auch überzeugend als Identifikationsfigur für Nicht-Amerikaner.
Fazit : nochmalige Steigerung der Umsetzung des Konzeptes. In Season 4 wird auf jegliche Nebenstränge verzichtet, die nicht unmittelbar mit dem Konflikt in Zusammenhang stehen. Die Ereignisse werden stärker gestreut, so das nie Leerlauf entsteht, gleichzeitig werden übertriebene und damit unlogische Cliffhanger vermieden.
Dadurch steigert die Serie noch stärker ihre innere Überzeugungskraft, die Spannung entsteht aus sorgfältig aufgebauten Konflikten und man fragt sich langsam, ob und wie die Macher dieses hohe Niveau noch toppen können. Das Schöne an Season 4 ist außerdem, daß man sie auch als Einstiegsseason zum Kennenlernen nehmen kann, sie ist etwas unabhängiger von den früheren Folgen (9/10).
(wird fortgesetzt)
Gesamtfazit : die detaillierten Kritikpunkte, die ich im Zusammenhang mit den einzelnen Seasons beschreibe sollen nicht die Qualität der wirklich genialen Grundidee und der Leistung der Beteiligten schmälern. Auch als "Nicht-Fernseh-Zuschauer" lohnt es sich, sich mit dieser Serie zu beschäftigen und selbst die intensive, abhängig machende Qualität zu spüren (10/10).