Vorsicht - im Laufe dieser Kritik könnten entscheidende inhaltliche Feinheiten verraten werden!
Für den CTU-Agenten Jack Bauer ist es der längste Tag seines Lebens: Er wird damit beauftragt, einen Anschlag auf den ersten schwarzen Präsidentschaftskandidaten David Palmer zu vereiteln. Vermutlich ist einer seiner Kollegen in den Fall verwickelt. Aber wer? Parallel dazu wird seine Tochter Kimberly entführt, so dass er sich um das Leben zweier Menschen sorgen muss...
Als „die spannendste Serie aller Zeiten“ wurde „24“ von vielen Kritikern angepriesen, so dass auch ich nicht umhin kam, einmal einen Blick darauf zu werfen. Bedenken waren angebracht, dass ich es nicht durchhalten würde, alle 24 Folgen zu schauen, immerhin konnte ich mich nicht entsinnen, bis dato jemals eine Serie mit fortschreitender Handlung bis zum bitteren Ende gesehen zu haben. Nun ja, einmal ist immer das erste Mal: Nicht eine Sekunde habe ich verpasst, der angekündigten Sucht, die „24“ verursachen sollte, konnte auch ich mich nicht entziehen, obgleich die Ausstrahlungszeiten nicht immer die günstigsten waren. Einen großen Anteil hatte sicherlich die neuartige Grundidee, die Geschichte in Echtzeit spielen zu lassen. Zugegeben - so ganz „echtzeitmäßig“ war „24“ dann doch nicht, denn Werbepausen (in den USA fünf, auf RTL 2 zwei) verhinderten einen lückenlosen Storyverlauf (auch wenn die Handlung während der Unterbrechungen weiter voranschreiten sollte, spielte sich währenddessen rein gar nichts Relevantes ab, d.h. wenn Bauer vor der Werbung einen Bösewicht jagt, hat er ihn auch nach der Pause noch nicht geschnappt). Zeitsprünge sind also inbegriffen, aber wollen wir mal nicht ganz kleinkariert sein - im Prinzip springt ein Echtzeitsgefühl auf die Zuschauer über.
Visuell zunächst interessant war für mich das Split-Screen-Verfahren, in dem mehrere Personen (z.B. bei den hier unzähligen Telefonanrufen), aber auch Aktionen gleichzeitig auf dem Bildschirm zu sehen sind. Es informiert den Zuschauer also über zwei oder drei (manchmal nicht unwichtige) Vorgänge, die zeitgleich geschehen. Dadurch gewinnt die Serie sehr an Tempo.
Doch manchmal ist das Tempo einfach zu hoch. Weil die Filmemacher den Zuschauer nun einmal permanent unterhalten müssen, um ihn bei Laune zu halten, ließ es sich nicht verhindern, dass einige Handlungsstränge abrupt abgebrochen werden mussten (etwa zur Halbzeit hat Bauer seine Familie aus den Klauen der Attentäter befreit und diese an einem möglichen Mordanschlag auf Palmer hindern können; da diese nun außer Gefecht waren, musste für die zweite Serienhälfte just eine weitere Buhmanngruppe um Victor Drazen her). So passiert
es zwangsläufig, dass einige Personen für den weiteren Verlauf der Geschichte urplötzlich irrelevant werden. Es hat mich phasenweise sehr gestört, wenn z.B. eine Figur in der ersten Folge lang und breit vorgestellt wird (ich meine die Flugzeugattentäterin) und dann nach dem ersten Viertel in der Versenkung verschwindet. Oder was wird aus dem gesichtsoperierten Terroristen, der als Fotograf beinahe Palmer erschießt?
Bei den Handlungskritikpunkten darf natürlich Terris Amnesie nicht fehlen: Das ist nun wirklich absolut haarsträubend, dient einfach nur als dramaturgischer Kniff für gerade einmal drei, vier Folgen, um einen weiteren spannenden Handlungsstrang zu ermöglichen und sie von Tochter Kim zu trennen; insgesamt aber wirkt das Ganze doch sehr aufgesetzt und sogar unnötig, wenn sie von der einen auf die andere Minute ihr Gedächtnis zurückgewinnt.
Überhaupt fällt der Mittelteil etwas ab, die Dialoge zwischen Mutter und Tochter sind oftmals einfach nur strunzdoof und manchmal auch einfach nur nervig („Mama, was ist los?“ - „Nichts!“ - „Stimmt irgendetwas nicht?“ - „Doch, alles in Ordnung.“). Allerdings entschädigen etliche überraschende Wendungen (u.a. der falsche Vater oder vor allem die Enttarnung des Maulwurfs in Reihen der CTU, bei der ich regelrecht vom Hocker kippte - ob das rückblickend wirklich logisch ist, wage ich aufgrund der fehlenden Möglichkeit eines zweiten Ansehens nicht zu beurteilen).
Die letzten beiden Folgen schließlich sind ein würdiger Abschluss, auch wenn das Finale vergleichsweise unaufregend ist (Jacks Befreiung seiner Familie aus dem Bösewichtcamp in der Mitte der Serie ist spannender), aber die letzten beiden Wendungen sind so ziemlich das Überraschendste, was ich bisher gesehen habe, und das Ende ist richtig verstörend, damit hätte ich beim besten Willen nicht gerechnet (Terris Tod). Mir jagte wirklich ein Schauer über den Rücken, als die Serie mit diesem Paukenschlag abschloss, rechnete ich doch fest mit einem Happy-End und habe ich es mir doch insgeheim gewünscht (obgleich ich ansonsten gerade erschreckende Enden wahnsinnig reizvoll finde); wer 24 Folgen mit den “guten” Hauptprotagonisten mitleidet, identifiziert sich schließlich auch mit ihnen (auch wenn es hauptsächlich in der Mitte schwer fällt) und hofft auf ein gutes Ende - mit dem Gedanken, dass es anders kommt als gedacht, kann ich mich zwar einen Tag später immer noch nicht anfreunden, aber dieses kompromisslose Ende ist in der Tat derart untypisch, dass es meinen Respekt verdient - auch für den Senator gibt es keinen vollends glücklichen Ausgang. Hieran hatte ich wirklich länger als bloß eine Nacht zu knabbern, und das heißt dann schon was...
Die schauspielerischen Leistungen sind durch die Bank weg gut. An der Spitze steht natürlich Kiefer Sutherland als Jack Bauer, der mir nie besser gefiel als hier und übrigens eindrucksvoll beweist, dass er ein echter Charakterdarsteller sein kann. Leslie Hope als Terri kann einem mitunter gehörig auf die Nerven gehen - wie oben bereits erwähnt -, aber kann schließlich nichts für die Dialoge und füllt ihre Rolle vollends aus. Gleiches gilt für die attraktive Elisha Cuthbert, die sich zwar mitunter etwas dumm anstellt, aber neben Sutherland die große Identifikationsfigur bleibt. Und der Präsidentschaftskandidat David Palmer wird wirklich toll dargestellt. Der namhafteste Akteur ist in einer Nebenrolle Dennis Hopper als Oberschurke, der mir in „24“ allerdings etwas unterfordert erscheint.
Fazit: Ich könnte sicherlich noch viel mehr über „24“ schreiben, belasse es aber mit dieser wahrscheinlich
trotzdem wieder viel zu langen Kritik. Die Serie ist visuell ein absoluter Leckerbissen, die Grundidee einfach genial und die meisten Darsteller einfach superb. Hin und wieder durchschimmernder Leerlauf und Ideenlosigkeit in den Dialogen sowie plötzliche Handlungsabbrüche und weit hergeholte Wendungen stören kaum und werden durch die rastlose Action weitgehend kompensiert. Kurz: Die erste Staffel ist den Machern sehr gut gelungen, aber bestimmt noch ausbaufähig. Ich freue mich auf die zweite Staffel!
GESAMT: 8/10 (Unterhaltungswert: 8 - Handlung: 8 - Schauspielerische Leistungen: 8 - Kameraführung/Atmosphäre: 9 - Musik: 7)