(leichte SPOILER-Gefahr)
Dieses Pochen. Dieses dröhnende, wie Donner hallende Pochen! In jeder Folge „24“ wird mehrmals die Digitaluhr eingeblendet, die unaufhaltsam die verrinnende Zeit anzeigt. Und Zeit ist das einzige, woran es den verschiedenen Protagonisten mangelt. Eine Folge spielt in Echtzeit genau eine Stunde nach, eine Staffel genau einen Tag. Dieses Konzept an sich ist schon neu, würde allerdings nicht reichen, um eine außergewöhnlich gute Serie zu schaffen.
Aber „24“ bietet eben weit mehr als das. Ein aktuelles und hochbrisantes Thema wird von der Serie behandelt – der Terrorismus. Dieses wird aber nicht wie sonst Hollywood-üblich stark vereinfachend durch plattes eindimensionales Gut gegen Böse dargestellt. Mehrere Handlungsstränge verlaufen parallel, treffen sich immer wieder und trennen sich immer wieder. Genau im richtigen Moment wird dazwischen hin- und hergeschaltet, an einigen kurzen Stellen kann der Zuschauer sogar per Splitscreen mehrere auf einmal verfolgen. Der Zuschauer wird hier sowieso mehr beansprucht als bei herkömmlicher Serien-Dutzendware.
Der Splitscreen wird nicht nur dafür verwendet. Ebenfalls so noch nie in einer Serie gebracht, wird damit dieselbe Szene aus verschiedenen Kamerawinkeln gezeigt oder etwa zwei telefonierende Gesprächspartner an unterschiedlichen Orten. Die Kameraführung ist modernster Top-Standard: nicht fest installiert, sondern nah am Mann oder der Frau, ihn oder sie auf Schritt und Tritt begleitend, möglichst alles Bedeutsame einer Szene einfangend. Ohne jedoch in übertrieben-nervige Wackeleffekte zu verfallen.
Das Timing gehorcht freilich ehernen amerikanischen Seriengesetzen: Zum Ende einer jeden Stunde gibt es einen Handlungshammer oder Cliffhanger, zu bestimmten Zeiten dagegen darf nichts passieren, weil dann entweder Werbung gezeigt wird oder weil der Zuschauer (angeblich) nur einem Handlungsstrang auf einmal zu folgen vermag. Hier wäre vielleicht etwas mehr Realismus von Vorteil – warum sollte der Zuschauer nicht auch mal etwas Entscheidendes an Handlung oder Dialog der Hauptdarsteller verpassen, was dann erst später herauskommt, weil er quasi gerade woanders ist? Es geschieht in einer Stunde, an einem Tag unwahrscheinlich viel. Unglaublich schnell gelingen auch einige Ortswechsel der Beteiligten. Die Handlungsfäden an sich sind –wenn man sich auf die Story per se einlässt– aber meist glaubwürdig gesponnen (mit einigen vernachlässigbaren Ausnahmen). Nicht jeder weiß im richtigen Augenblick, was genau gegen die Bedrohung zu tun ist, einige benehmen sich manchmal richtig dumm. Aber ist das nicht auch im wahren Leben so? Zudem ist „24“ natürlich keine Dokumentarfilm-Reihe, sondern eine actiongeladene, kompromisslose Drama-Serie. Es steckt von allem ein bisschen drin: Neben Action vor allem Agenten- und Polit-Thrill, aber auch einzelne Elemente des Katastrophen-Films oder einer Krankenhaus-Serie und sogar etwas Soap. Und es gibt keine Mega-Staffel-Happy-Endings nach dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“. Es kann alles passieren. Nur nicht das, was man erwartet.
Die Schauspielerauswahl ist exzellent bis in die Nebenrollen. Genrefans erkennen immer wieder alte Bekannte wieder. Allen voran sei hier Kiefer Sutherland, der in den letzten Jahren nicht gerade übermäßig durch erfolgreiche Filme aufgefallen war, positiv hervorzuheben. Er spielt einen der für „24“ typischen vielschichtigen Charaktere, die das Ganze so lebendig und echt wirken lassen: Er ist nicht der strahlende, fehlerlose Superheld, sondern er bricht Gesetze, tötet und foltert sogar, um das ganz große Unglück zu verhindern. Ebenso zum Beispiel der Senator bzw. Präsident (großartig verkörpert von Dennis Haysbert): Er muss schon mal mit dem Teufel paktieren, um das Richtige für sein Land tun zu können.
Untermalt wird alles von einer düsteren, antreibenden Musik und von stimmig eingesetzten Soundeffekten. All diese Komponenten –das innovative Konzept, das brisante Thema, die vielen irgendwie zusammenhängenden Handlungsstränge, das exakte Timing, die progressive Kameraführung, die hervorragenden Schauspieler, der passende Soundtrack– erreichen etwas, was erfahrenen Serienzuschauern so langsam abhanden gekommen war: Beklemmung und Hochspannung, der Zuschauer wird in die Story regelrecht hineingesogen. Es ist geradezu eine Qual, bis zur nächsten Folge warten zu müssen.
Diese Kritik bezieht sich auf die ersten beiden Staffeln. Die erste Staffel hat einen kleinen, der amerikanischen Serienwirtschaft geschuldeten Schönheitsfehler: Nach genau 13 Stunden gibt es eine Art Zwischenende. Das liegt daran, dass in Amerika bei Neuheiten oft zunächst Serienfolgen für drei Monate bestellt werden, um den Quotenerfolg abzuwarten. Entspricht er den Erwartungen, darf es weitergehen. Und Gott sei Dank schlug die Serie ein wie eine Bombe. Die Staffel braucht dann etwas Zeit, um wieder ordentlich in Fahrt zu kommen, aber das tut sie dann auch gewaltig. In der zweiten Staffel geht es schließlich 24 Stunden lang ohne Rast durch.
Überhaupt ist die zweite Staffel noch besser als die erste. Problem der Macher wird sein, von Staffel zu Staffel noch einen draufzusetzen. In der ersten Staffel geht es (vordergründig) „nur“ um den Anschlag auf einen Präsidentschaftskandidaten. In der zweiten Staffel geht es schon (zunächst) um eine Atombombe, die in Los Angeles hochgehen soll. Wie ist das noch zu toppen? Man wird sehen. Und sehnsüchtig darauf warten, wie wieder unaufhaltsam die Zeit verrinnt, viel zu schnell verrinnt...
8,5 von 10 Punkten.