„Niemand hat Macht über die Stunde des Todes.“
Das wissen wir natürlich spätestens seit „Final Destination“, doch wenn es Menschen gibt, die bei anderen den nahe liegenden Todeszeitpunkt aufgrund einer erhellten Silhouette sehen, aber aktiv nicht eingreifen können, wird es problematisch.
Das an sich ergäbe eine überaus brauchbare Prämisse, doch der Stoff suhlt sich zu sehr in Weißheiten und setzt verstärkt auf cinematographische Finesse und poetische Bilder, als die Story mit griffigen Inhalten voranzutreiben.
Im Mittelpunkt dieser steht Nathan (Romain Duris), der als erfolgreicher Anwalt in New York arbeitet. Eines Tages wird er vom geheimnisvollen Dr. Kay (John Malkovich) aufgesucht, der ihm einen Todgeweihten in der U-Bahn-Station zeigt, der sich kurz darauf tatsächlich umbringt. Doch was hat dieser Vorgang mit Nathan zu tun? Wenig später glaubt Nathan selbst zu den Todgeweihten zu hören, doch er ahnt noch nicht, welche Aufgabe er wirklich zu erfüllen hat…
Man fühlt sich ein wenig an die frühen Werke von Shyamalan erinnert, als zunächst nicht sicher ist, ob einer der Protagonisten vielleicht eine Geistererscheinung verkörpert, oder zumindest nicht so ganz aus dieser Welt stammt, da Dr. Kay über weite Teile der titelgebende „Engel im Winter“ sein könnte. Er orakelt, artikuliert seine Worte in Rätseln und gibt auf Nathans direkte Fragen nur ausweichende Antworten.
Doch abseits jener Mysterien gibt sich die Handlung doch weitaus irdischer als zunächst vermutet.
Denn da spielt Nathans Vergangenheit eine große Rolle; Erlebnisse während der Kindheit und auch die Situation mit getrennt lebender Frau und Kind, doch die Erzählung wabert lange Zeit zwischen den Zeilen, bringt ein paar treffende Metaphern mit Schwänen und einzigartigen Kakteen, doch kommt im Gesamtbild nicht wirklich voran.
Die Bindung zwischen den beiden Hauptfiguren bleibt äußerst distanziert, Nathan wächst einem nicht wirklich ans Herz, da er recht oberflächlich skizziert bleibt und auch diverse ernste Themen wie Sterbehospiz, plötzlicher Kindstod und das erleuchtende Ziel im Leben im Angesicht des eigenen Todes bleiben zu oberflächlich gestreift.
Anstatt auf glaubwürdige Emotionen zu setzen, mutiert der Stoff besonders im letzten Drittel zum reinen Kitsch, was durch den Off-Erzähler, als auch durch den ansonsten sehr guten Score von Alexandre Desplat zur reinen Allegorie verkommt.
Dabei ist besonders auf handwerklicher Ebene vieles gelungen, wie etwa die Kamera, welche während einer Vogelperspektive den grandiosen Schwenk von einem Fahrzeug zum anderen auf der Autobahnabzweigung hinbekommt und auch so ein Familiengefühl im Wald zwischen fliegenden Pollen setzt emotionale Stichpunkte. Nur leider werden diese nicht kontinuierlich fortgesetzt, es fehlt zuweilen am roten Faden, der Konzentration aufs Wesentliche.
Hier Nathan, da Dr. Kay, doch ein fruchtbares Zusammenspiel ist kaum auszumachen, denn einer weiß alles, der andere indes gar nichts und da soll uns der große Plot Twist gegen Ende noch überraschen.
Tut er immerhin in der Form, als dass Botschaften zwischen den Zeilen durchaus ihren Reiz vermitteln und auch für den Moment fokussieren, wie wertvoll doch das Leben an sich ist, aber mitnehmen kann man aus dem immerhin nachdenklich stimmenden Werk nicht allzu viel, auch wenn die Absicht dahinter löblich erscheint.
Merkwürdige Schwerpunkte, ein guter (Malkovich) und ein schwacher (Duris) Darsteller und dazwischen eine Menge Gefühlsduselei, - da hat der Regisseur offenbar ein wenig verkannt, worum es im literarischen Vorbild geht. Jedoch vermittelt der Streifen zumindest ein Gefühl von innerer Zufriedenheit und ein abgerundetes Gefühl in Anbetracht des Ausgangs, - trotz erzählerischer Mängel und ausbleibender Spannung.
6 von 10