„Break“ (D 2009) Regie: Matthias Olof Eich.
Wenn man die Aussage des Regisseurs/Drehbuchautors im liebevoll gemachten Making of bzw. Audiokommentar berücksichtigt, daß er nur „Beim Sterben ist jeder der Erste“ (1972), „Wolf Creek 1“ (2005) und einen weiteren Backwood-Slasher rasch mal vorher angesehen hat, und dann das Drehbuch geschrieben, so bin ich wahrscheinlich besser geeignet einen Backwood-Film zu beurteilen als er selbst, da ich eigentlich alles aus diesem Bereich gesehen habe und vieles davon sogar ein dutzendmal und mit größtem Interesse.
Die Frage ist nun, ob ein deutscher Amateur- oder netter gesagt Independent-Film von 250.000 € Budget mit US-Hollywood-Filmen von Budgets zwischen 1 und 20 Millionen (die Mehrzahl wohl im zweistelligen Millionenbereich) mithalten kann oder ob er kläglich untergeht und an seiner eigenen „mehr gewollt als gekonnt“-Problematik scheitert.
Ein Team von 4 Hauptdarstellerinnen, 2 Bösewichten, 1 Nebenrolle und 2 winzigen Nebenrollen, dazu rund ein Dutzend Techniker ist sicher bescheiden vom Aufwand her. Aber sind auch die Bilder und Leistungen bescheiden, die sie abliefern?
Die Bilder einer professionellen Kamera-Arbeit sind für sich genommen großartig. Es ist ein Film voller Schönheit. Die Sequenzen, in denen wunderschöne Berg- und Waldlandschaften oder ein traumhafter See gefilmt werden und mit herrlicher Musik unterlegt, sind so, daß man sie immer wieder sehen möchte. Das Auge isst mit und es bekommt reichlich Futter. Mag der eine oder andere lieber von Würmern zerfressene Kadaver (so ein Sequenz wurde auch in der uncut rausgeschnitten) in einem Horrorstreifen sehen, so seien den Filmliebhabern, die nicht ausschließlich auf Primitiv-Horror spezialisiert sind, solche immer wieder mit neuen geographischen Gegebenheiten eingespielten gegönnt.
Wie in seinen beiden anderen Filmen (die noch temporeicher sind, „Bunker of the Dead“ und „Darwin’s Law“) ist auch bei „Break“ der Schnitt so flott und professionell, daß keine quälend langen Passagen ohne Aussage vorkommen (d.h. im üblichen deutschen Amateurfilm werden Sachen, die weder ästhetisch noch inhaltlich irgendeine Relevanz haben oft minutenlang eingestreut, sodaß kein Drive aufkommt). Zwar werfen einige, darunter die selbstkritischen Macher von Break, dem Film vor, daß es im ersten Dritten zu lange Szenen gibt, in denen gewandert wird, aber durch verspieltes Verhalten, tolle Musik und äußerst sympathische Darstellerinnen wirken diese Sequenzen NICHT zu lang, sondern sind dramaturgisch gerade noch vertretbar.
Hat auch der Inhalt eines zugegeben einfachen Films seine dramaturgische Berechtigung? In diesem Falle ein klares: Ja.
Es ist ein Genrewerk, aber ein gutes und sorgfältiges. Sicher wird die Welt der Hill-Billies keine philosophischen Höhen erklimmen, aber für zünftige Unterhaltung ist gesorgt. Die Charaktere sind nicht extrem breit ausgewalzt, aber genug, um Persönlichkeit zu entwickeln und ALLE sieben Hauptfiguren haben Ausstrahlung. Die rüden Mörder sind finster und böse. Ralph Willmann ist die Verkörperung eines abgrundtief gemeinen Hinterwäldlers der rohen Art. Sebastian Badenberg nimmt schon durch seine schiere Größe und eine sichtliche Freude am Spielen die Szenerie für sich ein. Das Vergnügen merkt man Willmann ebenfalls an, aber nie im Sinne von „die Rolle wird albern“, sondern im Sinne von „er geht auf in seiner Rolle“.
Die vier Mädels sind ebenfalls perfekt für ihre Rollen. Lili Schackert ist sweet und auf weibliche Art auch tough. Ester Maaß überzeugt sehr und wächst gar über sich hinaus. Marina Anna Eich ist die Rolle mit dem größten Hautfaktor und ebenfalls überzeugend. Thelma Buabeng bringt den Faktor „crazy“ rein ohne zu überziehen. Netter weiblicher Frechdachs.
Ein Schelm, wer bei dem Namen einer Heldin „Sarah“ an „“The Descent“ denkt, zumal das Team eigentlich für einen Film auf den Spuren von Descent zusammengestellt worden und als Ersatzlösung dann einfach „Break“ drehte. Auch die Mädelsgruppe erinnert an die Frauen des Höhlenfilms, aber hier stößt der deutsche Film an seine Grenzen. Mit keinem der Descent-Teile kann er auch nur ansatzweise mithalten. Zu weit oben sind Neil Marshalls Filme, die nur 6 Millionen gekostet haben, aber mehrere Dimensionssprünge an Spannung und Dramaturgie zu „Break“ aufweisen.
Bleiben wir also besser im Hill-Billie-Hinterwäldler-Backwood-Genre, wo leichtere Kaliber warten. Klammern wir dabei besser die Remakes von „The Hills have Eyes“ aus, denn auch diese sind durch Härte und Thrill mehrere Klassen zu hoch, um gegen das Leichtgewicht Break in den Ring zu steigen.
Eher verdaulich wird es bei der Wrong-Turn-Reihe, die mit fortschreitenden Sequels immer mehr eine Überfrachtung der Konzentration auf die widerwärtigen Mutanten brachte, welche letztendlich nur noch lächerlich war. Teil 1 und 2 waren noch sehr gut und ich würde sie in Spannung und Genuß auf eine Stufe mit „Break“ setzen. Die Teile 3 bis 5 sind aber weit drunter. Vergleicht man „Wrong Turn 5“ (einen Haufen dämlicher Mist ohne Niveau und einfach menschlich super ärgerlich) mit „Break“, so steht der deutsche Film zwei Stufen höher.
Der Vater des Genres „Deliverance“ aka „Beim Sterben ist jeder der Erste“ ist schwer mit „Break“ zu vergleichen, denn der 1972er ist so professionell (Regie Meister John Boorman) und starbesetzt (Burt Reynolöds, John Voight, Ronny Cox) daß er natürlich durch sein gutes Niveau gewinnt. Allerdings hat „Break“ mehr Schauwerte, mehr Brutalität, mehr Action. Das punktet auch, zwar auf eine andere, einfachere Art, aber er funktioniert.
Die Begrenzung auf zwei Schurken hat man eindeutig von „Deliverance“ übernommen, was für mich auch einer der größeren Schwachpunkte bei „Break“ ist, denn der Genuß in solchen Film ist stets das möglichst brutale aus dem Leben scheiden der Unholde und durch zu wenig Schufte wird der Genuß geschmälert. Aber immer noch besser als die Wrong-Turn-Prequels, wo den miesen Mutanten gar nichts passiert.
Die splatterigen Schauwerte bei „Break“ mit abgetrennten Gliedmaßen, Messerstichen und einer brutalen Vergewaltigung dürften dem Horrorfan genug sein. Sicher nicht rekordverdächtig (wer das will, muss „Necronos“ kucken), aber gottseidank hat Eich Maß gehalten. Ein Zuviel wäre leicht in ekelhafte Übersättigung abgedriftet. Ein klein wenig mehr hätte es für mich sein dürfen, z.B. drei weitere Hill Billies, die auf einfallsreiche Art zum Gore-Lieferanten werden, aber für den Hausgebrauch reicht auch das Gebotene, denn ein schlapper oder weicher Film ist es nicht.
Was ist nun das Fazit?
„Break“ schön, hart, pfiffig dialogisiert, flott gemacht und ich habe vor Spannung Blut und Wasser geschwitzt – nicht weil ich solche Filme nicht gewohnt wäre, sondern weil die Mädels so unheimlich sympathisch sind, daß man allen vier das Überleben wünscht. So macht man gute Filme, indem der Zuschauer mit den Opfern mitfiebert und es genießt, wenn die Bösen zur Ader gelassen werden. Geniale Musik, gute Schauspieler, akzeptable Technik. Im Backwood-Subgenre einer der 5 besten Beiträge und das für einen der Kleinsten des Sungenres – alle Achtung.
Schulnote 1 oder über 90 %