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 2004 hatte Jackie Chan unter großem Jubel der Fangemeinde das unrühmliche Hollywoodkapitel beendet und war beginnend mit „New Police Story" für einige Filme in die Heimat Hongkong zurückkehrt. Nach kurzem US-Rückfall mit „Rush Hour 3" 2007 und der halbamerikanischen Produktion „The Forbidden Kingdom" 2008 ist er in seinem neuen Film „Shinjuku Incident", hierzulande „Stadt der Gewalt" betitelt, wieder im asiatischen Rahmen unterwegs - und vollführt eine spektakläre stilistische Abkehr von seinem Image und bisherigen Erfolgsrezept, die noch weit über den seinerzeit als untypisch ernstes Drama herausgehobenen „New Police Story" hinausgeht.

Anfang der 90er-Jahre: Jackie spielt einen Mann mit dem klangvollen Namen Steelhead, der zusammen mit weiteren gigantischen Schiffsladungen chinesischer Flüchtlinge auf der Suche nach seiner Verlobten illegal nach Japan immigriert, dort Anschluss an Schicksalsgenossen aus der Heimat findet und sich zunächst mit niederen Tagesjobs über Wasser hält. Als er erst einem Polizisten und dann einem hohen Yakuza das Leben rettet und seine Leute mit brutalen Gangs und Gangsterbossen in Konflikt geraten, findet sich Steelhead in den Verstrickungen des organisierten Verbrechens wieder - alsbald steigt er selbst auf in der mafiösen Unterwelt Tokios...

„Shinjuku Incident" ist ein ganz und gar ungewöhnliches Jackie-Vehikel, das die Vergangenheit hinter sich lässt und stilistisch wohl auf lange Sicht den Weg in die Zukunft des ehemaligen Kung-Fu-Clowns weist. Freilich brachte Jackie abseits des Hollywood-Klamauks um den Millenniums-Wechsel schon immer auch ernste Seiten in seine Filme mit ein, agierte nicht nur in Actionkomödien, sondern auch Actiondramen und zeigte Ambitionen der Schauspielkunst und Düsternis erst jüngst in aller Deutlichkeit mit „New Police Story" - doch „Shinjuku Incident" versteht sich nicht nur als seriöses Drama ohne Comedy-Hampelei, sondern verzichtet darüber hinaus auch noch auf das doch alle Jackie-Streifen einende Martial-Arts-Element. Auf Kampfkunstakrobatik konnte man bislang noch in jedem seiner Filme bauen, unabhängig vom Drumherum - hier wird dem Zuschauer selbst die verwehrt. Obwohl sich reichlich Gelegenheit böte.

„Shinjuku Incident" beginnt als Immigrantendrama nicht ohne humoristische Momente, das zeigt, wie sich Steelhead mit niederen Jobs herumschlägt und Anschluss findet an andere chinesische Einwanderer, beschreibt deren Leben, Leiden und Konflikte mit der stets drohend lauernden Polizei. Durch zunächst kleine, dann zunehmend größere Ausmaße annehmende Auseinandersetzungen der Protagonisten mit der örtlichen Gangsterwelt wandelt sich der Streifen schließlich auf recht schleichende und subtile Weise zur Crimestory, deren Atmosphäre sich konsequent verdüstert und Härte sich konsequent steigert, ehe er als teils beinahe epische Dimensionen annehmendes Yakuza-Drama endet, das Steelheads Aufstieg und Fall im organisierten Verbrechen portraitiert, der an seinem Versuch, das Gute in sich zu bewahren und sich den übelsten Seiten des Geschäfts zu erwehren, schließlich zugrunde geht. Obwohl der Film mit 120 Minuten eine stattliche Länge aufweist, wäre gerade im letzten Drittel, das seine Stärke aus den inneren Konflikten Steelheads bezieht, sogar noch etwas mehr Ausführlichkeit dem Eindruck zuträglich gewesen. „Shinjuku Incident" bärge durchaus Potential für ein handfestes Epos.

Jackie Chan trägt den Film mit einer wackeren schauspielerischen Leistung und hat ebenfalls überzeugende Costars zur Seite. Der neugewonnene Ernst des ehemaligen Martial-Arts-Comedykaspers überzeugt durchweg und macht keinen unstimmigen Eindruck, lediglich in den durchaus gegebenen Actionmomenten wünscht man sich bisweilen den alten Jackie zurück: Wenn er Frauen vor Straßenschlägern rettet oder sich wild herumsäbelnder Yakuza-Horden erwehrt, wären ein paar chic choreografierte Martial-Arts-Einlagen schön und der Atmosphäre des Films auch nicht abträglich gewesen. So bleibt den Fightmomenten Highlightcharakter größtenteils verwehrt, wenn auch Regisseur Derek Yee Tung-Sing im großen Finale einige edle Zeitlupenmomente auspackt und das Hauhen und Stechen (man hantiert in der japanischen Unterwelt bevorzugt mit Schwertern) stets mit einem angemessenen Härtegrad würzt. Inszenatorich und optisch spielt „Shinjuku Incident" ohnehin in einer hohen Liga, weiß die Atmosphäre tristen Arbeitertums genauso stimmig zu transportieren wie hippen Clublebens und klassischer Gangsterszenarien, denen ein kraftvoller Score zusätzlich zugute kommt.

Fazit: Mit „Shinjuku Incident" distanziert sich Jackie Chan völlig vom Image des Kung-Fu-Clowns und mimt überzeugend die Hauptrolle in einem gegen Ende an epischen Dimensionen kratzenden Immigranten- und Gangsterdrama. Wer keine Actionschauwerte gewohnter Facon erwartet, wird von einem souverän inszenierten, düsteren, harten und teils emotional-dramatischen Unterweltthriller made in Hongkong, angesiedelt in Japan, überzeugt werden.

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