Wenn eine Stadt, ein Organismus, ein System Gewalt gebiert, reicht es oftmals nicht aus, das Individuum zu betrachten, das diese Gewalt ausübt. Derjenige, der schlägt, raubt und mordet, mag nur die ausführende Hand sein, im Charakter grundsätzlich vielleicht sogar herzensgut, ist aber immer noch dem Prinzip des Fressens und Gefressenwerdens untergeben. Man muss also schon die Makroebene studieren, um zu verstehen, wieso Menschen sich in bestimmten Szenarien auf bestimmte Art und Weise verhalten.
„Stadt der Gewalt“ ist ein Makrofilm. Er behandelt das japanische Szenario um die illegale Migration von Chinesen. Dabei beginnt er beim Einzelnen und geht auf das System über, und zwar nicht ohne Thesen zu stellen, wo die Rasseunruhen ihren Ursprung haben und wie sie sich zu einem Problem ihrer Größenordnung haben entwickeln können.
In den Flanken dreht Derek Yee Tung-Sing einen großen, blockbusterähnlichen Film mit den großen Bildern eines gestrandeten Passagierschiffes und den von Zeitlupen veredelten letzten Zügen, doch seine große Stärke sind die ebenso leisen wie variablen Töne in der Filmmitte: Kleine, dreckige Sets, ambivalente Charaktere, die in ihnen hausen und vor allem die Vermeidung einer cineastisch sich aufplusternden Dramaturgie vom Schlage „Infernal Affairs“. So gewinnt der Regisseur zunächst einmal Glaubwürdigkeit, denn in die Nähe von Superhelden oder Superschurken wagt sich der Film nie.
Dabei ist es ein aus künstlerischer Sicht riskantes Unterfangen, den ausführenden Produzenten Jackie Chan auch als Hauptdarsteller einzusetzen; ein Unterfangen allerdings, das hätte glücken können. Chan bringt als weltbekannter „Nice Guy“ alle Anlagen dafür mit, zu zeigen, wie das System sogar die selbstlosesten Menschen zur Gewalt führen kann. An mancher Stelle verfehlt die Besetzung tatsächlich nicht ihre Wirkung. Wenn der Hongkong-Superstar eine Szene spielt, in der er aus purer Langeweile und Wehmut Sex mit einer Prostituierten hat, beispielsweise. Oder, wenn er ganz verdutzt seinen Freund fragt: „Sind wir jetzt eine Triade?“ Szenen, in denen deutlich wird, was deutlich werden soll: Der Mensch ist als Individuum in erster Linie dem Kollektiv verpflichtet, weil er ein soziales Wesen ist. Und so passt er sich seiner Umgebung an.
Einzig Chans schauspielerische Grenzen verhindern es, dass er als Idealbesetzung bezeichnet werden kann, allerdings ist das kein ganz unwichtiger Punkt – auf Distanz betrachtet wirkt er dann doch eher wie ein Fremdkörper, wenn auch einer, der sich streckenweise mit Erfolg zu integrieren weiß.
Des Filmes größte Stärke ist zugleich auch seine größte Schwäche: So intensiv dem Zuschauer das Migrationsproblem auch bewusst gemacht wird durch die wechselnden Ansätze, die ein so vielseitiges Bild zeichnen, so sprunghaft legt sich leider auch die Handlung nieder. Nach einer Stunde ist bereits ein kompletter Film gezeigt, bevor ein zweiter folgt. Das Drehbuch ist vollgepumpt mit Ereignisketten, deren Schnelligkeit in der Abfolge so manche Wandlung absurd radikal erscheinen lassen. Dazu gehört sicherlich diejenige von Daniel Wus Figur, denn Wu droht am Ende Johnny Depps Hutmacher Konkurrenz zu machen.
Von seiner aufrüttelnden Wirkung jedoch und vor allem der objektiven, kaum direkt Stellung beziehenden Perspektive der Erzählung können viele Filme, die ähnliche Thematiken aufgreifen, nur träumen. „Stadt der Gewalt“ ist der angemessen nüchterne Versuch, gesellschaftliche Entwicklungen nachzuzeichnen – fern aller Martial Arts- oder Kino-Spirenzchen. Zweier Dinge also, für die Hauptdarsteller Jackie Chan eigentlich seit den Anfängen seiner Karriere steht, die er aber, ohne mit der Wimper zu zucken, opfert. So etwas macht man, wenn man am Taschenmessermedium Film noch mehr Funktionen entdeckt als nur die Klinge der Unterhaltung.
(7.5/10)