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Wenn man einen Fixpunkt sucht, kann man auch hier wieder John Woos A Better Tomorrow [ 1986 ] als Ausgang setzen; schliesslich wurde dadurch nicht nur die Heroic Bloodshed Welle angekurbelt, sondern auch Ti Lungs mittlerweile brachliegende Karriere gleich mit. Der ehemalige Shaw Star war wie seine Produktionsfirma als Unternehmen in die Jahre und damit outdated gekommen und stand Anfang der 80er Jahre vor dem Problem, dass sich der Publikumsgeschmack änderte und man nicht gerade jünger wurde. Die Rollen liessen erst nach und blieben dann aus; das Angebotene konnte auch keinen Vergleich mit den 70er Jahren statthalten; der vernachlässigte Darsteller flüchtete in den Alkohol. Die Rolle des Sung Ji Ho brachte ihm wieder Anerkennung, Ruhm und mit 40 einen zweiten Frühling; nun schon etwas betagt musste er dafür auch nicht mehr nur auf kampftechnische Fähigkeiten zurückgreifen, sondern konnte sich wirklich als Schauspieler einbringen. Er passte dann auch perfekt in die Figur, das Leben imitierte die Kunst; die Nähe und Vertrautheit zu dem reiferen Menschen, der mal durch bessere Zeiten gegangen war und zuletzt keine rosigen durchgemacht hat stellte schnell die Identifikation her. Man konnte mit ihm mitfühlen, in seinem traurigen Gesicht lesen und wollte ihn in ein besseres Morgen begleiten.

Nach diesem Comeback entstanden eine Menge nicht unähnlicher Arbeiten, die auf seine Erfahrungen und den prädestinierten Status zurückgriffen und für die er ebenfalls wie geschaffen schien. Dazu gehören True Colors, City War, People's Hero, die unvermeidliche Fortsetzung A Better Tomorrow 2 und First Shot, in denen er noch aktiver und vor allem agiler agierte. Oder auch die sich anschliessenden, schon fast Alterswerke zu nennenden wie Blade of Fury, The Bare-Footed Kid und Drunken Master 2; in der er nunmehr schon die Figur des Lehrmeisters übernahm und damit den Staffelstab endgültig an die Jüngeren weiterreichte.
Bezeichnend für die erste Reihe der Filme ist vor allem die Tatsache, dass ihn die Autoren dort wirklich meist zurückkehren liessen. Die Geschriebenen waren für eine ganze Weile weg, mal im Gefängnis, mal auf der Flucht im Ausland und mal auch beides. Nach dieser oft nicht unerheblichen Auszeit kamen sie wieder, er als Darsteller und seine Figur gleichermassen. Durch seine Augen betrachtete das Publikum die Veränderungen und durchlebte mit ihm die alten Gefahren aus der Vergangenheit und die neuen gegenwärtigen Bedrohungen gleich mit.

In A Killer's Blues beträgt die Zeitspanne geschlagene 14 Jahre. Wai Yi – Ming [ Ti Lung ] war im Gefängnis; in seiner letzten Amtshandlung hat er als Killer für das Syndikat einen Verräter beseitigt, dessen anwesende kleine Tochter Tse Ming – Shuet adoptiert und seiner Freundin Wai [ Olivia Cheng ] ein Restaurant als Geldquelle überschrieben. Der heranwachsenden Shuet [ Fennie Yuen ] schreibt er in Briefen, dass er in den Staaten ist; ansonsten hält sich der Kontakt knapp und beschränkt sich zumeist auf Appelle, fleissig in der Schule zu sein.
Anhand des Wachstums der Tochter bekommt der Zuschauer die sich rasant fortschreitende Zeit personifiziert dargestellt; 1989 taucht Ming dann selber wieder auf der Leinwand auf. Gereift.
Erstmal nur optisch; die Unterschiede zur Historie werden mit anderen Mitteln vor allem bezüglich der äusseren Faktoren erläutert. Die Umgebung hat sich nämlich verändert; sicherlich ist Einiges gleichgeblieben, aber dies sind meist Andenken und Erinnerungen. So spielt Ming seiner Wai dasselbe Lied vor, dass sie auch 1975 gehört haben und zu dem sie sich trennen mussten.
Auch alte Freundschaften wie zu dem Kollegen Tai [ Lo Lieh ] sind noch bestehend und die Geschäftsbeziehungen zum Big Boss [ Baau Hon Lam ] sind auch nicht vergessen. Ming wirft erst aus der Ferne einen Blick auf die fast zur Frau gewordenen Shuet und trifft sich dann mit seinem alten Arbeitgeber.

Anhand dieser Beziehungen sowie der neuen Generation und damit der nachwachsenden Sprösslinge wird in bevorzugt ruhiger Manier aufgezeichnet, dass eine Ewigkeit vergangen ist und sich die Gesellschaft nicht unterwegs selber angehalten hat. Das Hier und Jetzt mag alles seine Ursachen und Hintergründe in dem vorher Geschehenen haben, aber die damalige Beeinflussung ist nur noch in den Ergebnissen spürbar und kann auch nicht im Nachhinein noch einmal korrigiert werden. Ming hatte auch keinerlei Möglichkeiten zur einschreitenden und formenden Handhabung und muss sich nun abrupt mit dem Wechsel von Zustand und Dasein einigen. Sein ehemaliger Boss, dem er sich auch jetzt noch zur Treue verpflichtet fühlt, ist nicht mehr die Nummer Eins. Seine vorherige Rechte Hand hat übernommen; signifikanterweise auch dadurch, dass dieser alte Regeln und Traditionen brach, neue – einmal als Tabu angesehene - Geschäftszweige übernahm und diese auch mit fortschrittlichen Methoden führt. Mit der Zeit gegangen ist.

Zeit als Maß für die Reihenfolge von Ereignissen ist neben dem speziell beachteten Jetztzustand auch das augenfälligste Merkmal der Handlungsführung; dadurch wird die Entwicklung, die Bewegung und die Kausalität des Ablaufes dokumentiert.
Die periodische Modifikation und Anpassung der Figuren im Raum wird dadurch nicht nur hervorgehoben, sondern erst erklärt.
Die jungen Triadengangster Kit [ Mark Cheng ] und Chung [ Roy Cheung ] wissen nichts von früher, haben es nicht erlebt und dementsprechend nichts daraus gelernt. Sie haben kein Respekt vor Älteren, machen durch Ahnungslosgkeit und Ignoranz diesselben Fehler wie ihre Väter und es kann ihnen auf dem Weg nach oben auch nicht schnell genug gehen.
Die Alteingesessenen wollen sich einer weiteren Änderung, Dynamik und Tendenz entweder entgegenstellen, weil sie sich in ihrem Leben genug modifiziert haben und sie davon müde geworden sind oder ihnen gerade der Status Quo gefällt. Andere haben ihre Phasen genug mit Warten verbracht und wollen Grundlegendes beeinflussen.
Ming steht genau dazwischen, denn bei ihm hat sich die letzten Jahre nichts an den Umständen getan; er hing im Metabolismus des Strafvollzuges fest und war in diesem besonderen Verhältnis anderen Witterungen ausgesetzt als seine Mitmenschen.
Sein Bewegungsablauf geht von anderen Voraussetzungen aus; er steckt halb im für ihn gerade determinierten Passiertem und halb ihn der nicht fassbaren Gegenwart, die für einen Bruchteil stagniert und dabei den Lauf der Dinge ändert. Die Zukunft ist variabel, wenn man die Chance zur Revision ergreift.

Ming versucht dies; er zieht statt bei seinem Kumpel Tai diesmal bei seiner Freundin ein, nimmt die Möglichkeit zur späten Erziehung seiner Adoptivtochter wie als richtiger Vater wahr und kümmert sich dann auch wirklich um seine kleine Patchworkfamilie, zu der auch schon ein Schwiegersohn in spe dazugehört.
Regisseur Raymond Lee konzentriert sich dann auch offensichtlich mehr auf diesen Punkt und nimmt die umliegend ablaufende Triadengeschichte nur als Anreicherung. Dadurch verweist er mögliche Klischees der Genrestory auch auf die hinteren Plätze, und nutzt im gleichen Moment deren Dramatik und Erregung als Rahmen für seine Personenzeichnung. Den wichtigen Figuren werden so mehr Leben eingehaucht und sie in mehreren differenzierenden und divergenten Situationen gezeigt; den Begleitenden kommt dafür jeweils eine wichtige von aussen einwirkende Funktion zu. Dabei wird Emotionalität nicht zurückgehalten, aber auch nicht wie üblich im HK Modus aufs Sentimentalste übertrieben; die Prozesse mögen nicht gleich naturalistisch sein, aber verzichten auf zuviel Schwarzweiss ebenso wie auf aufbauschende Emphasis.
Anhängern von Bloodshed als Umschreibung für Blutballette wird nicht ganz schmecken, dass diese hinter dem Flächenschwerpunkt des Porträts von Ming und seiner Kleinfamilie zurückbleiben und immer nur mal sporadisch hervorblitzen dürfen; die dargebotene Qualität kann durch die Choreographie von Tony Leung Siu Hung mangelnde Masse aber zumindest wieder etwas aufholen.

Wenn sich am Ende die Ereignisse wiederholen und Ming erneut vor die Frage gestellt wird, was ihm wichtiger ist, hat man ein gut situiertes, vielleicht ein Tick zu leises Actiondrama gesichtet. Die stimmige Einbringung der Themen Familie, Freundschaft, Moral, Ehre und Ethik in einer Welt voller Gewalt und Verrat und die häufig einleuchtenden darstellerischen Leistungen seiner adäquat gesetzten Akteure machen den Film zu einem kleinen Geheimtipp; nur auf den gedämpfte Umgang damit muss man eingestellt sein.

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