Review

Mmmh, Oliver Stone inszeniert wieder. Und zwar mal unpolitisch. Back to the Roots und die lauten Verliererstudie, Tarantino-Anleihen, Coen-Charaktere, Blut and Guts, Sex und Hitze.
Ist es eine Strapaze? Hey, es ist Oliver Stone! Ist es gut? Nicht für mich, aber immerhin ist es nicht schlecht...

Das ist schon ein furioser Bilderrausch, den Stone da wieder auf die Zuschauer losläßt. Ja, das Stakkato von "Natural Born Killers" liegt hinter ihm, aber die schön verfremdeten Bilder lassen ihn nicht los. Also rein in die Weite Arizonas, wo das Wüstenkaff "Superior" liegt, ironischerweise laufen da gegensätzlich zum Namen nur Leute rum, die man sonst nirgendwo haben wollte. Und da gerät unser Bobby Cooper alias Sean Penn hinein, wie in eine Mausefalle, aus der er einfach nicht wieder rauskommen wird. Es ist wie ein ganz böser und extrem heißer Fiebertraum und genauso ist das alles inszeniert: die Kamera schwankt, man leidet vor Hitze glatt mit, immer wieder unterbrochen von raschen und scheinbar sinnlosen Zwischenschnitten, die im nachhinein noch einen Sinn geben sollen. Und Penn schreitet das Panoptikum der schrägen Typen, die die Hölle ausgespuckt zu haben scheint, ab, torkelnd, ein Geschlagener, ein Niemand, dessen Leben schon keinen Pfifferling mehr wert ist und der es nun noch schlechter trifft.

Das uneingeschränkte Kompliment gilt der Charakterschöpfung. Das ist wirklich zum Schießen, was Penn da alles in den Weg läuft. La Lopez als Wildkatze und Nolte als Großmaul und ihr Ehemann und Mißbräuchling, die jeder für sich Penn zum Mord am jeweils anderen anstiften wollen. Jon Voigt als weggeknallter indianischer und scheinbar blinder Vietnamveteran. Powers Boothe als mißtrauischer Sheriff, Billy Bob Thornton als grenzdegenerierter Mechaniker, Joaquin Phoenix als tumber Schläger um die Ehre und Claire Danes als gutgelaunte Dorfschlampe. Ironisch-schräg und erntefrisch, so daß das Lachen im Hals steckenbleibt, ein Feuerwerk an Überraschungen.

Doch so unterhaltsam die Charaktere rüberkommen, so wenig aussagekräftig ist die Handlung, so strapaziös ist es, dem Hexenkessel zu folgen. Denn Stone inszeniert nach Leibeskräften, ohne recht zu zeigen, worauf er hinauswill, außer auf einen Blick in die Hölle.
Zwar ist Penn in ungeheurer Spiellaune (und geradezu sympathisch, was für ihn eine Herkulesarbeitet bedeutet), aber nach gut 90 Minuten ist die Geduld dann doch verbraucht und der Film geht noch eine Weile weiter. Mit der Zeit nervt es einfach, Penn als lebenden Pingpongball zu sehen, der ständig unglaubliches Pech hat und an Leib und Leben ständig gefährdet ist. Er kommt nicht voran, er kommt nicht hinaus, sein Geld wird weniger und so sicher, wie seine Ausweglosigkeit ist, so sehnlich warten wir auf eine Pointe, die nie kommt.

Die Figuren unter sich, sind zwar miteinander verwoben, doch der Strang rund um die geplante Ermordung von Nolte und Lopez wird immer wieder aufgegriffen und fallengelassen, es gibt keine Steigerung und daraus resultiert auch keine Spannung, die das hier zu einem würdigen "Schwarze-Serie"-Nachfolger hätte machen können. Stets wartet Stone, zögert hinaus, wirft einen Blick woanders hin, bis jeglicher Suspense wieder abgestorben ist. Und was am Schlimmsten ist: Penn explodiert einfach nicht.
Man hätte diese Tour de Force wirklich gut ertragen, wenn das Ende einiges an knifflig-blutigen Überraschungen parat gehabt hätte, doch Bobby Cooper kommt keinen Schritt voran, agiert nie und kommt auch kaum zum reagieren. Bis zur letzten Minute bleibt er in der Defensive und so gibt es keinen Aufgalopp, dem man so richtig zuschauen mag. Ein paar Tote gibt's dann doch noch zum guten Schluß, aber da ist die Geduld schon mit den Pferden durchgegangen und die Frage, warum man sich durch diese Studie der Frustration quält, überdeckt die Ironie der hübschen Schlußpointe mit vier Leichen in der Wüste.

So kann der Film doch nicht verhehlen, daß er zwar schön schwarze Figuren hat, mit ihnen aber nichts anzufangen weiß. Boothe taucht auf und verschwindet wieder, ehe der Plot ihn am Ende aktiv werden läßt, ohne daß es eine Grundlage dazu gegeben hätte. Danes und Phoenix sind nett als die Dorftrottel im Eifersuchtswalzer, tragen aber nichts zur Handlung bei. Und warum Penn am Ende Thornton nicht wenigstens als ausgleichende Gerechtigkeit umlegt, wird auch nicht beantwortet. Und die Bedrohung durch die Russen, die ihre Schulden eintreiben wollen, versandet auch mittendrin ohne Folgen.
Ergo weiß der Zuschauer gar nicht, warum er sich das alles antut, wenn für ihn am Ende nichts Zählbares herausspringt. Für schwarzen Humor gibt's zwar Bestnoten, weswegen Liebhaber schrägen Humors "U-Turn" abfeiern dürften, der Rest der Welt kam aber kaum über die meterhohe Nerv-Schwelle, weswegen das alles in einem Flop resultierte, der wegen des niedrigen Budgets aber human ausfiel.

Man konnte Stone mal anklagen, "JFK" hätte zuviel Inhalt, um ihn als Spielfilm zu rechtfertigen. "U-Turn" hat zu wenig davon und was er hat, ist auch noch schlecht strukturiert. Aber vielleicht reichen manchen ja auch die intensiven Bilder. Für Normalsterbliche bitte nur ein Durchlauf. (5/10)

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