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„U-Turn“ ist beinahe schon der Konsensfilm in Oliver Stones kontrovers diskutierter Filmographie: Der, dem die meisten etwas abgewinnen können, auch wenn kaum einer ihn zu Stones bestem erklären würde.
Vielleicht liegt es am simplen, aber effektiven Rezept, das auch eine gute Begründung für Stones Drogenoptik innerhalb der Geschichte verankert: Bobby Cooper (Sean Penn) ist auf Medikamenten, während er im kleinen Städtchen Superior ankommt. Zwei Finger weniger an seiner Hand und eine Tasche voll mit Geld lassen auf eine zwielichtige Natur schließen, deren Herkunft der Film später enthüllt. Doch ist ein halber Junkie, die Finger sind frisch amputiert, also rein mit dem Zeug, was auch den Trip-Charakter des Films erläutert. Gleichzeitig übertreibt Stone es mit der Bildsprache nicht so wie bei „Natural Born Killers“, wodurch sein Film goutierbarer bleibt.
Bobby wird durch einen dummen Zufall sein Geld los und braucht schnell neues. Die Lösung könnten die Eheleute Grace (Jennifer Lopez) und Jake McKenna (Nick Nolte) sein: Jeder will den anderen tot sehen, jeder beauftragt Bobby mit der Ermordung…

Heissa, schwüle Südstaatenatmosphäre, moralische Verkommenheit und schräge Charaktere. „U-Turn“ präsentiert sich durch und durch als irrer Trip, nicht nur inszenatorisch, sondern auch auf Figurenebene. Während die mordlustigen Eheleute die eine oder andere Schraube locker haben und die (sexuelle) Verkommenheit ihnen nur so aus allen Poren trieft, sind auch die Nebenfiguren durch und durch durchgeknallt: Die gestörte Jenny (Claire Danes) baggert Bobby ungeniert an, ihr ebenso gestörter Rockabilly-Freund Toby (Joaquin Phoenix) will andauernd grundlos ihre (nicht vorhandene) Ehre verteidigen und Nebenbuhler vermoppen. Mechaniker Darrell (Billy Bob Thornton) ist schmierig, wirkt zurückgeblieben und ist doch bauernschlau, der alte, blinde Indianer (Jon Voight) salbadert Metaphern und Kauderwelsch und der Sheriff Potter (Powers Boothe) scheint auch nicht alle Latten am Zaun zu haben, auch wenn er noch am normalsten wirkt.
Damit haben wir gleichzeitig Schwäche und Stärke von Stones Film: „U-Turn“ lebt von seinen Charakteren, aber mehr ist auch nicht da, wovon er leben könnte. Die Geschichte, die es in ähnlicher Form schon mal in „Red Rock West“ gab, ist selbst für 90 Minuten relativ dünn, bei Stone dauert sie dank Freakshow und visueller Mätzchen gleich zwei Stunden. Zwei überraschend kurzweilige Stunden mit Blick auf den Mangel an Substanz, doch in Hälfte zwei beginnt „U-Turn“ dann doch sich etwas zu ziehen.

Immerhin: Im Showdown nimmt „U-Turn“ dann noch mal richtig Fahrt auf, neben diversen Leichen gibt es auch noch eine durchaus bösartige Schlusspointe, die Stones bizarr-schrägen Trip passend abschließt. Derlei Spitzen hätte der Film gerne mehr haben können, ein weiteres Beispiel für so einen Moment wäre der Raubüberfall, der Bobby anfangs das Geld kostet: Er will nur einkaufen, der Laden wird überfallen und die Gauner wollen, dass er die Tasche hergibt. Als die beiden gehen, zieht die Besitzerin eine Schrotflinte, kurzfristig besteht also Hoffnung die Knete wiederzuerlangen – doch der Schuss zerfetzt ausgerechnet die Tasche.
Auf sein Ensemble kann Stone sich bei „U-Turn“ jedenfalls verlassen, vor allem Sean Penn als zwielichtiger, aber nicht unsympathischer Pechvogel im Dauerstress überzeugt hier auf ganzer Linie. Claire Danes, Joaquin Phoenix und Jon Voight haben mit dem Mainplot wenig zu tun, gehen in ihren schrägen Parts jedoch auf, während Nick Nolte als dreckiger alter Sack so richtig aufdreht. Powers Boothe ist gut, kommt aber wenig zum Zuge, Jennifer Lopez kann mit ihren Kollegen nicht ganz mithalten, schlägt sich aber wacker und Billy Bob Thornton ist eh eine Bank. In der Szene, in der Bobby eine Busfahrkarte kaufen will, gibt es für Gastauftrittfans Laurie Metcalf und Liv Tyler in kleinen Rollen zu sehen.

Klar, „U-Turn“ bietet vielleicht etwas zu viel Filmlänge für seinen Inhalt, dank sinnvoller Einbettung der Stoneschen Drogenoptik, des gut aufgelegten Ensembles und einiger rabenschwarzer Spitzen macht sein schwüler Südstaatenthriller durchaus trotz einiger Hänger Laune. 6,5 Punkte von mir.

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