Wie die Menschheit zehntausende Jahre überstehen konnte ist eine merkwürdige Sache. Da gab es so viele Erfahrungen zu machen, Lehren zu ziehen, so viele Widrigkeiten zu überstehen und Wege zu beschreiten - und all das ganz ohne Bücherregale voller Ratgeber für jede Lebenslage, ohne wöchentliche Fernsehshow und Frage/Antwort-Portale eines Internets, die einem erklären, wie man das Leben zu meistern hat. Heutzutage, obwohl in geordneteren und gesitteteren Strukturen zu Hause (scheinbar zumindest...) ist der Mensch mehr denn je auf die Hilfe von außen angewiesen, kann seine Kinder nicht mehr selbst erziehen, bekommt seine Gelder nicht in den Griff und keine Kundschaft in sein Restaurant. Doch die professionellen Lebenshelfer sind zum Glück stets zur Stelle. Von so einem erzählt auch Brandon Camp in seinem Regiedebüt „Love Happens".
Für Burke Ryan wurde sein schlimmster Schicksalsschlag zu seinem größten Erfolg: vor drei Jahren starb seine Frau bei einem Autounfall und um sich sein Leid von der Seele zu schreiben verfasste Burke ein Selbsthilfe-Buch über Trauerbewältigung, das mittlerweile zum Bestseller geworden ist. Burke hält reich besuchte Seminare, die Verhandlungen über eine eigene Fernsehshow und weitere Produkte stehen kurz vor dem Abschluss. Doch ein Seminar in Seattle soll alles verändern. Dort, wo seine Frau gestorben ist, muss Burke sich seiner eigenen unbewältigten Trauer stellen...
Ein Blick auf das unheimlich einfallslose Filmposter lässt natürlich bereits wissen, was Burke benötigen wird, um die Trauer zu überwinden. Sometimes when you least expect it... „Love Happens", heißt es unter den gegeneinandergelehnten Köpfen von Aaron Eckhart und Jennifer Aniston und man könnte fast meinen, der Film hätte Tagline und Titel von einem stupiden deutschen Verleiher verpasst bekommen, der ohne das Love im Titel der Zielgruppe die Entdeckung des Streifens nicht zutraut. „Love Happens" hätte sinniger etwa Sorrow Lasts heißen können, denn das Finden der Liebe ist hier einerseits so unoriginell, wie es angesichts seiner Offensichtlickeit nur sein kann, andererseits aber auch gar nicht das Hauptanliegen der Geschichte. Die ist vielmehr das Drama eines Mannes, der in seinem eigenen Gefängnis Insasse und Wärter und für seine Mitgefangenen der Fluchhelfer ist, ohne den Tunnel, den er ihnen in mühsamer Arbeit buddelt, selbst benutzen zu können.
Keiner seiner eigenen Lehren und Schritte, mit denen er die begeisterten Leser und Zuhörer zigfach erreicht, ihnen Mut und Hoffnung gibt, scheint Burke selbst wirklich zu trauen. Zwar macht er kein saures Gesicht ob der vom Leben geschenkten Zitronen, sondern Limonade, aber nicht ohne Vodkazuschuss. Die fünf Minuten, die man jeden Tag seines Lebens dem Lächeln widmen soll, bis es nach einer Weile ganz von selbst kommt, lassen bei Burke ihre Wirkung vermissen. Selbst wenn er seine prall gefüllten Seminarsäle stürmt, in denen er frenetisch begrüßt wird, muss er sich sein strahlendes A-Okay!-Grinsen vor der Tür erst ins Gesicht zwingen. Ebenso beim Fotoshooting für kommende Werbekampagnen, bei dem die Fotografin Fragen über Burkes Frau stellt und sein Positivimage förmlich von einer auf die nächste Aufnahme von ihm abfällt.
Im Gefühl des Verlustes vergehende Witwer sind ein auf verschiedenstem Terrain häufig genutztes Thema, ob in Mystery-Thrillern (Mel Gibson in M. Night Shyamalans „Signs", 2002) oder Feel-Good-Komödien (Ben Affleck in Kevin Smith‘ „Jersey Girl", 2004), selten ist es aber mehr, als recht beliebiges Motiv, tragischer Twist oder nicht weit in die Tiefe gehender Auslöser temporärer Melancholie, die nach einigen Filmminuten bereits in Vergessenheit gerät. Bei „Love Happens" und seinem Hauptdarsteller ist dies anders, Burke wird immer wieder von der Trauer eingeholt, ob er nun anderen über sie hinweghilft oder plötzlich sein Schwiegervater vor ihm steht, ihn und seine nach außen präsentierte Lüge anklagt. Auch als er der Floristin Eloise begegnet läuft zunächst nichts rund. Sie wimmelt ihn mit Gebärdensprache ab und als Burke entdeckt, dass sie sehr wohl des Sprechens mächtig ist schmeißen die beiden einander erstmal eloquent Beleidigungen an den Kopf, ehe sie sich zu einem Essen treffen, bei dem Burke, eingerostet wie er ist, völlig versagt. Doch Eloise, die kein Glück mit den Männern hat und gerade zum zweiten Mal von ihrem Musiker-Freund betrogen wurde, erkennt etwas in Burke und glaubt, ihm helfen zu können.
Nebenher laufen zwei weitere Handlungsstränge, einer ergibt sich aus Burkes Seminar und der Trauer eines Vaters, der seinen Sohn verloren hat, der andere (der relativ wenig Platz einnimmt, dafür aber für einen netten Seitenhieb auf absurde Vermarktungsstrategien gut ist) dreht sich um das wichtige Treffen mit profitversessenen Geschäftsleuten, die Burke Ryan zur regelrechten Marke der Trauerbewältigung machen wollen. Der Haupt- und die Subplots von „Love Happens" laufen zwar allesamt auf grader Strecke ihrer Auflösung entgegen, die Güte seiner Darsteller, Camps sichere Inszenierung und die schauplatzbedingte Frische lassen über Spannungs- und Überraschungsarmut aber hinwegsehen. Seattle ist kein sonderlich verschwenderisch genutzer Drehort (Cameron Crowes „Singles" und „Schlaflos in Seattle" liegen immerhin auch schon bald zwanzig Jahre zurück) und leistet bei aller Vorhersehbarkeit zum Gefühl des Unverbrauchten einen Beitrag, den New York oder Los Angeles kaum zustande gebracht hätten. Chillige Shisha Bars und blumige Poetry Slam-Veranstaltungen sieht man ebenfalls nicht häufig.
Doch das Wichtigste (und am meisten auf sein Fuktionieren angewiesen) ist bei „Love Happens" natürlich der Hauptdarsteller. Bei einer deutlichen Überzahl der Szenen hängt deren Gelingen von Aaron Eckhart ab und dieser macht einen phantastischen Job. Für den charismatischen Massenbeweger scheint er nach der Tabaksatire „Thank you for Smoking" (2005) und der Über-Comicverfilmung „The Dark Knight" (2008) sowieso geschaffen zu sein, doch Eckhart deckt hier auch abseits der großen Gesten und Reden ein imponierendes mimisches Spektrum ab, weiß dabei jede Emotion und jedes Blinzeln genau einzusetzen. Wenngleich ziemlich unbemerkt geblieben kann man seine Darstellung getrost zu den besten des Filmjahres 2009 zählen. Jennifer Aniston läuft hingegen eher mit durchgedrückter Standarttaste, spielt allerdings dennoch sehr herzlich und durchweg angenehm. Einer der großen ewigen Nebendarsteller, John Carroll Lynch, liefert eine weitere, sowohl für den Film als auch persönlich, tolle Performance als verschlossener Seminarteilnehmer Walter, der nach dem Tod seines Sohnes alles im Leben aufgegeben und verloren hat. Auch seine Szenen sind von einer sehr echten emotionalen Kraft, die in ihrem Pessimismus geradewegs auf Eckharts A-Okay!-Philosophie prallt. Martin Sheen, der Burkes Schwiegervater spielt, bekommt nicht viel Screentime, füllt diese aber mit Tragik und Bitterkeit.
Neben den blaupausenartigen Nebenrollen von Dan Fogler als Burkes leicht querer Manager Lane und Judy Greer, die Eloise Angestellte und schrullige Slam Poetin Marty spielt, ist das einzige große und wirklich ankreidenswerte Manko von „Love Happens" sein Ende, beziehungsweise auch jedes Ende der einzelnen Erzählstränge für sich genommen. Der eine kommt sehr lapidar zu seinem Schluss, der andere bleibt irgendwie in der Luft hängen, und das Finale, Burkes Erkenntnis und sein Schritt in ein neues Leben, wird einmal in den Kitschmixer geworfen und kommt als klebriger Brei wieder heraus, der es mit dem Happy vom End viel zu gut meint. Auch der bis dahin sehr schöne Soundtrack mit Songs von Badly Drawn Boy, The Postal Service und Helen Stellar trägt hier mit John Hiatts „Have A Little Faith in Me" ein paar Schichten zu dick auf. Abgesehen davon ist „Love Happens" aber ein höchst akzeptabler, feinfühliger Film mit einem ideal besetzten und herausragend agierenden Aaron Eckhart.