Weißt du noch, wie's damals war...?
Anders als mit einer Extraportion dick aufgetragener nostalgischer Naivität sind gewisse Filme nicht zu genießen, vom Ertragen mal ganz abgesehen, was irgendwie seltsam ist in einer Welt, in der sogar ein erweitertes Product Placement wie "Sex in the City" seine Daseinsberechtigung vor den Kinobesucherinnen der Erde findet, trotz fast kaum vorhandenen Plots und beißender Flachheit. Warum sollte mangelnde Originalität also gleich ein vernichtendes Urteil nach sich ziehen, nur weil man sich an alten Kintoppträumereien hochzieht? Weil vielleicht genau diese simpelste aller Rechnungen, der Hauch von Ferne, gepaart mit familiärer-plüschiger Romantik-Thematik heute nicht mehr vorstellbar ist - schließlich rückt die Welt immer näher zusammen, der fernste Ort ist ständig abrufbar.
"Marcello Marcello" versucht also den kleinen Schritt zurück, der eigentlich schon ein großer ist: Kino fürs Herz und für die Seele, die simpelsten und komplexesten Instinkte zugleich im Blick.
Fokus auf ein kleines italienisches Fischerstädtchen in den schön konservativen 50er Jahren, eine andeutungsvolle Liebe zwischen Heranwachsenden und der Kampf um sie, behindert durch ein Geflecht aus Traditionen, die durch ein Werbungsritual zur Volljährigkeit praktisch die halbe Bevölkerung ins Unglück gestürzt hat, weil sich die richtigen Paare so nie finden konnten.
Und der romantische Held, der sich auf eine Odyssee einläßt, um das ultimative Geschenk zu erlangen, aber dazu einen Pakt nach dem anderen eingehen muß, denn niemand giert nach Geld, sondern stets nach etwas Persönlichem, das ihn umtreibt.
Nach einer eher ruhigen Einführung in geradezu malerisch altmodischer Beschaulichkeit, steigert Denis Rabaglia langsam aber sicher das Tempo in Richtung des Absurden, wenn Held Marcello von Pontius zu Pilatus gehetzt wird, weil jeder zu erringende Preis einen neuen gebärt, der bezahlt werden muß - die komplette zweite Hälfte wird so zu einem Staffettenlauf, um die Liebe, das Leben, die Karriere, einfach alles.
Mark David Hatwoods Roman ist mit größtmöglicher Authentizität verfilmt worden, was Ton und Stimmung angeht, bemüht um ein Lächeln im Augenwinkel und stets große Tragik im Herzen, an sich also ein Schmachtfetzen vor dem Herrn, der kurioserweise gerade südländische Besucher vermutlich nostalgisch angesprochen haben wird, obwohl er von einem Schweizer inszeniert worden ist (in Form einer schweizerisch-deutschen Co-Produktion!).
Es ist jedoch ein Unterschied, ob man seine Erinnerungen zu einem emotionalen Crescendo bündelt und daraus eine Geschichte wachsen läßt, die, obwohl klein, doch viel größer ist, als man selbst, oder ob man versucht, Nostalgie zu destillieren, indem man Postkartenkitsch zum Leben erweckt.
Im Gegensatz zum direkten nächsten Verwandten Guiseppe Tornatore's meisterhaftem "Nuovo Cinema Paradiso", der auch nostalgische Abschiedsstimmung aus jeder Pore atmete, wird hier jedoch kein bedauernder Blick zurückgeworfen, sondern aus dem Nichts eine künstliche kleine Scheinwelt erschaffen, eine artifizielle Bühne mit theaterhaften Figuren.
Das kann in manchen Momenten geradezu magisch funktionieren, wenn die Figuren (und das Ensemble spielt überwiegend großartig) den richtigen Ton treffen, es kann aber den Kitsch auch als das entlarven, was er eben ist, gespielte Naivität, bemühtes Gefühl.
Letzteres ist leider das immer wieder durchscheinende Gefühl bei "Marcello Marcello", der zwar mit magischen Postkartenbildern den Zuschauer verwöhnt, aber dann doch wie eine Kinoillusion konstruiert wirkt, ohne einen wirklich persönlichen Anstrich des Reellen zu erhalten. In den schlechtesten Augenblicken (vorzugsweise bei Marcellos Voiceover einer irgendwie unausgegorenen Rahmenhandlung, die zugleich eine Art Epilog ist), ersäuft der Film in unbeholfen nostalgischer Klebrigkeit und wirkt ausgerechnet immer dann besonders gewollt und hölzern, wenn er aufs Ganze geht, nämlich wenn Marcello und seine von ihm verehrte "atemlose" Elena (sie leidet an Asthma) sich einander gefühlvoll annähern. Dann staubt es gewaltig im Kabinett und von dem Augenzwinkern ist nichts mehr übrig.
Da hilft es wenig, daß Francesco Mistichielli um sein Leben spielt, wirkliche Emotionen kann er selten erwecken, meistens tut er eben nur wie ein gefühlvoll talentierter Romantiker, während sein Pendant Elena Cucci leider kaum Ausstrahlung aufweisen kann, die einem wirklich das Herz aufgeht und das ist für die eher in Richtung Herz und Gemüt adressierten Geschichten (bei Tornatore ist die Liebe noch ernst und schwer zu erkämpfen, bar jeden Kitsches) leider nicht ausreichend.
Daß Marcello praktisch im Vorbeigehen viele Menschen, die einem weit mehr ans Herz wachsen als die Hauptfiguren, und ihr Leben speziell ins Positive ändert, ist natürlich eine sympathische und liebevolle Botschaft, die durchaus Spaß macht, aber wo die große Romanze im Kern etwas blasser wirkt, merkt man das Fehlen an Druck und Tempo doch mit der Zeit ziemlich deutlich, trotz vieler netter Einfälle.
So hat denn zum schön illustrierten Nachspann der Score dermaßen viel Drive und Lebensfreude auf der Tube, daß man sich fragt, warum der ganze Wettlauf des Films diesen nie erreicht.
So bleibt ein Film, der gewiß manche berührt, sanft amüsiert und in lauen Nächten auf einer Außenleinwand so manche Flasche Wein leeren wird. Aber das Herzklopfen und am Ende der dicke Kloß im Hals, die wahre Verführung der Gefühle durch einen Regisseur, das hat nur Tornatore geschafft. (6/10)