Es gibt Statistiken, auf die können Bundesstaaten nicht gerade stolz sein. Arbeitslosenzahlen, CO²-Emission, prozentualer Einschaltquotenanteil an diversen Nachmittagsprogrammen vornehmlich privater Fernsehsender - alles nichts, mit dem man ab einer gewissen Höhe gerne konfrontiert wird. Für den Sonnenstaat Kalifornien ist eine dieser Zahlen 170,000 - sovielen Obdachlosen wurde bei einer Erhebung im Jahr 2005 kein Dach über dem Kopf geboten. Allein 90,000 davon leben in teilweise menschenunwürdigen, mindestens aber armseelig zu nennenden Verhältnissen in Los Angeles, ausgerechnet dort, wo sich in den gewissen Nobelvierteln die Schwerreichen Hollywoods vor ihren ausladenden Pools räkeln. Das Schicksal eines dieser 90,000 am anderen Ende der sozialen Ungerechtigkeit beschreibt Joe Wrights Der Solist.
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Der L.A. Times-Journalist Steve Lopez ist für seine Kolumne auf der Suche nach einer berichtenswerten Story. Beim durch die Stadt streifen lernt er den obdachlosen Geigenspieler Nathaniel Ayers kennen, dessen Instrument gerademal zwei Saiten geblieben sind und der außerdem unter einem verwirrten Geisteszustand leidet. Lopez nutzt seine Geschichte für seine Zwecke, versucht aber auch, Nathaniel und seinem unglaublichen musikalischen Talent aus der Isolation seines Zustandes herauszuhelfen...
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Die wahre Geschichte des Nathaniel Ayers, der während seines dritten Jahres an der Juilliard School einen mentalen Zusammenbruch erlitt, ist in ihren Grundzügen natürlich reinstes Award-Material. Ein schizophrenes Genie vor dem Hintergrund sozialer Missstände, dazu ein zynischer Gesellschaftsversager, der dringend geläutert gehört, hochgeschätzte Charakterdarsteller wie Jamie Foxx und Robert Downey jr. in den Hauptrollen, dazu mit Wright ein Regisseur, dessen letzte Werke, Stolz und Vorurteil (2005) und Abbitte (2007), ganze zehn Oscar-Nominierungen einfuhren. Doch im Gegensatz zu den britischen Historiendramen tut sich der Regisseur bei der urbanen Mär des Cellisten schwer damit, aus einer Buchvorlage einen bewegenden Film zu machen. Neben den guten Schauspielern sind es einzig ein paar sehr stimmige Aufnahmen des Schauplatzes Los Angeles, die Der Solist überhaupt auf irgendeiner Ebene sehenswert machen. Ansonsten präsentiert sich der Film nicht nur als reichlich kitschig, viel störender sind einige fragwürdige Ambivalenzen und Unnötigkeiten in der Handlung.
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Dies kristallisiert sich jedoch erst später heraus, so dass das erste Viertel des Films sicher sein bestes ist. Die Stadt der Engel wird in einigen sehr schönen, sonnenaufgangsromantischen Bildern eingefangen, Steve Lopez‘ Einführung mit Fahrradcrash und anschließend ramponierter Gesichtshälfte und seine aus dem Off aus seiner Kolumne zitierten sarkastischen Seitenhiebe auf Universitätskliniken und Arnold Schwarzeneggers Politik gelingen auf verschmitzt-sympathische Weise. Auch die ersten Begegnungen mit dem wild drauflos schwadronieren Nathaniel und wie Lopez hier die Witterung nach einer Story aufnimmt, lässt sich zunächst gut an. Downey jr. und Foxx spielen gut miteinander, wobei ersterer die Extravaganzen seiner jüngeren Darstellungen, etwa als Tony Stark in Iron Man (2008) oder aktuell als Meisterdetektiv Sherlock Holmes (2009), weit zurückschraubt und Foxx damit die Assists zu dessen zappelnd-plappernder Performance als Geigenvirtuose mit ständig wechselnden verlottert-bunten Outfits liefert.
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Lopez‘ Kolumne veranlasst eine berührte alte Dame dazu, dem minderbemittelten Straßenmusiker ihr Cello zu vermachen und würde Der Solist mit jener Szene enden, in der Nathaniel das Instrument überreicht bekommt und zum ersten Mal darauf spielt, hätte man einen recht gelungenen halbstündigen Kurzfilm gesehen. Doch mit Lopez‘ unbedingter Idee, Nathaniel und sein außergewöhnliches Talent rehabilitieren zu müssen, beginnen die Probleme des Films. Lopez lockt Nathaniel in die Unterkünfte der LAMP Community und von den Straßen L.A.‘s geht es in ein Obdachlosenghetto, in dem sich Sozialarbeiter darum bemühen, mental erkrankten Menschen einen Rückweg in ein geordnetes Leben zu ermöglichen. Da wird viel Elend gezeigt, viel Unfähigkeit im Leben mit sich selbst und der Umwelt, da werden Überdosistode gestorben, nachts werden Verpflegungspakete verteilt, eine amerikanische Flagge baumelt auf Viertelmast, mit schwerer dramatischer Musik unterlegt spricht Nathaniel das Vater Unser. Dem noblen Ansatz, auf diese Missstände hinzuweisen, stellen sich zwei Dinge in den Weg: erstens wird einfach zu dick aufgetragen. Die Betroffenheit am Schicksal so vieler verlorener Existenzen ergibt sich nicht aus dem Gezeigten, sie wird einem vielmehr geradezu aufgedrängt und das schlechte Gewissen, dass einen der Film zu haben zwingen will, wenn einen soviel Pathos dann schon wieder kalt lässt, ist eine arg ärgerliche Sache, da er selbst keine Aufrichtigkeit besitzt. Dies führt direkt zu zweitens: es gibt 90,000 Obdachlose in Los Angeles, erst Lopez‘ Kolumne lenkt das Interesse das Bürgermeisters darauf, der verspricht Gelder frei zu machen. Aber ein wirklich konkreter Einsatz wird nur dem mit der Gabe zuteil. Dabei wechselt sich Lopez in seinen Absichten ständig mit seinem bösen Zwilling ab, was erst wie selbstlose Hilfe aussieht entpuppt sich im nächsten Moment als kalkulierter nächster Schritt zur Fortführung seiner Kolumne. Mal wartet er Stunden im Obdachlosenghetto auf Nathaniel, dann schickt er ihn vorm Gebäude der L.A. Times weg, weil er sich mit seinem Einkaufswagen dort einfach nicht gut macht, mal sucht Lopez sämtliche Krankenhäuser nach dem vermeintlich schwer verletzten Nathaniel ab, dann würgt er ihn ab Telefon ab, um einen Preis entgegen zu nehmen.
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Dieser Wechsel zwischen dem Willen zur Hilfe und totaler Arschigkeit geht als dramaturgisches Element in der sich entwickelnden Freundschaft zwischen Lopez und Nathaniel voll in die Hose, zumal viele Versuche Lopez‘ einzig in der Annahme des geistig Gesunden begründet liegen, es grundsätzlich besser zu wissen, als der geistig Kranke. Der Journalist drängt den Musiker mehrmals in gewisse, Konfliktpotenzial enthaltene Situationen, die dann zudem reichlich vorhersehbar ablaufen und aus denen der pädagogisch unbegabte Lopez viel zu spät seine Lehren zieht. Ganz davon abgesehen, dass das so einfach keine gut erzählte Geschichte ist. Downey jr. und Foxx holen aus vielen Einzelmomenten dank ihres Zusammen- und Gegeneinanderspiels noch das Bestmögliche heraus, dennoch wird man gerade mit Lopez als Charakter nicht nur nicht warm, sondern im Laufe der Handlung immer kälter.
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Als absolut substanzlos erweisen sich einige Flashbacks, die Stationen des jungen Nathaniels zeigen und dem Charakter nichts hinzufügen, dass nicht selbst der Krankheitsbildunkundigste auch so aus ihm schließen könnte. In der Gegenwart von Der Solist nicht minder überflüssig: die nicht einmal als Subplot zu bezeichnenden Szenen zwischen Lopez und seiner Ex-Frau und Chefin Mary. Zwar hat der Film hier eine goldene Strahlkraft in Person Catherine Keeners zu bieten, diese verblasst jedoch im Zuge ihrer klischeehaften Figur. Aufgrund ihrer gewohnt wunderbaren Ausstrahlung fällt Keener aber zumindest nicht so negativ auf, wie der nervig von Gott und Glauben predigende Musiklehrer Claydon, gespielt von Tom Hollander.
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Verdientermaßen hat es für Der Solist zu keinerlei Auszeichnungen bei relevanten Filmpreisen gereicht. Abgesehen von einer Nominierung für Jamie Foxx bei den Black Reel Awards war für Joe Wrights in vielerlei Hinsicht enttäuschendes Biographie-Drama nichts zu holen. Vereinzelt durchgestylt-schöne Bilder und Kamerafahrten, sowie von allen Vorwürfen freizusprechende Hauptdarsteller und einige hörenswerte musikalische Passagen gleichen das einerseits um Anteilnahme winselnde und auf der anderen Seite abstoßend abgebrühte Drehbuch Susannah Grants nicht aus. Wirklich sehenswert ist der Film nur zu Beginn, alles danach hinterlässt jedoch keinerlei bleibenden Eindruck.