Das es sich bei "Louise Michel" um keinen gewöhnlichen Film handelt, erkennt man schon beim ersten Blick in die Gesichter der Fabrikarbeiterinnen, die sich die üblichen Durchhalteparolen im Zeichen der Finanzkrise anhören müssen. Ihr Anblick orientiert sich nicht am modernen Massengeschmack, was aber Louises (Yolande Moreau) Vorgesetzten nicht davon abhält, ihr persönlich den neuen Arbeitskittel vorbei zu bringen, der zur Aufmunterung an die Frauen verteilt wurde. Den angebotenen Sekt lehnt sie noch ab, aber als er sie dann lüstern durch ein mitgebrachtes Schlüsselloch in ihrem neuen Kittel beobachtet und sie "Jean-Pierre" nennt, schmeisst sie ihn raus. Das er dabei noch gut weggekommen ist, erfährt der Betrachter durch eine Rückblende, in der ein Gerichtsvollzieher von Louise die Abzahlung von Schulden einfordert. Als sie sich darüber wundert, fragt er nebenbei, ob sie nicht lesen könnte, worauf sie ihm mit dem Gewehr eine Kugel in den Kopf schiesst - auch im weiteren Verlauf des Films wird es sich als lebensgefährlich erweisen, Louise auf ihren Analphabetismus hinzuweisen.
Diese scheinbar abartigen Verhaltensweisen bleiben kein Einzelfall, sondern reihen sich angemessen in einen Film ein, der sich einerseits respektlos mit den Außenseitern der Gesellschaft beschäftigt - den Hässlichen, Ungebildeten, Unsportlichen, Behinderten, Kranken, Arbeitslosen oder geistig Verwirrten - aber auch mit den Erfolgreichen, besonders wenn es um deren persönliche Bereicherung geht. Als Louise und ihre Kolleginnen am nächsten Tag wieder zur Arbeit gehen, müssen sie feststellen, dass die Halle sauber gereinigt und leer ist. Über Nacht wurde ihre Firma abgewickelt und die Frauen mit einem Trostpflaster von 100 Euro pro Arbeitsjahr abgefunden.
Im Stil einer Gewerkschaftsversammlung sitzen sie später in einer Gaststätte und diskutieren ihre weitere Zukunft. Eine ältere Frau schlägt vor, ihre Abfindung zusammen zu legen und sich etwas Gemeinsames aufzubauen - etwa eine Pizzeria, wie Eine vorschlägt. Doch erst Louises Vorschlag weckt wirklich Begeisterung - Jemanden damit zu beauftragen, den ehemaligen Chef umzubringen. Louise erhält den Auftrag, sich nach einem geeigneten Killer umzusehen, denn sie verfügt noch über Kontakte in der Szene aus ihrer (männlichen) Vergangenheit. Doch als sie feststellen muss, dass sich seit damals einiges verändert hat, sieht sie, wie ein dicklicher Mann seine Waffe verliert. Sie bringt ihm diese nach und lernt so Michel (Bouli Lanners) kennen, der in einer alten Karre herumfährt und abenteuerliche Geschichten erzählt über seine Tätigkeit als Chef einer Wachschutztruppe.
Er scheint genau der Richtige für den Killerjob zu sein, aber natürlich stellt sich das schnell als Fake heraus. Als Michel zu seinen Eltern nach Hause geht und er in seinem Kinderzimmer verweilt, blendet der Film zurück in seine Schulzeit und zeigt ein dickes, unsportliches Mädchen, über dessen hilflosen Versuche, einen Hammer zu werfen, sich die Klassenkameraden lustig machen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wäre es ein Leichtes gewesen, das Ganze in einen abgedrehten Spaß abgleiten zu lassen, der bewusst politisch inkorrekt daher kommt, doch der Film nimmt seine Protagonisten ganz ernst und versucht gegen alle üblichen Stereotypen eine Identifikation aufzubauen.
Michel hat zwar keine Ahnung, wie er Jemand umbringen soll, aber er nimmt die Aufgabe ganz ernst und will sich des vorausgezahlten Geldes würdig erweisen. In diesem Zusammenhang bekommt seine Idee, dafür seine totkranke Cousine einzusetzen, einen regelrecht humanen Charakter, auch wenn die Bilder zuerst einen anderen Eindruck vermitteln. Nachdem Michel im Krankenhaus seine Cousine erst nicht erkannte, weil auch das andere krebskranke Mädchen eine Glatze hat, zieht er sie an, drückt ihr eine Waffe in die Hand und lässt sie zu dem Fest humpeln, wo sich der ehemalige Boss vergnügt. Das sie mit der zweiten Kugel sich selbst erschiesst, nachdem sie zuvor den skrupellosen Chef beseitigte, inszeniert "Loise-Michel" wie eine Befreiung. Leider stellt sich für die Auftraggeberinnen heraus, dass ihr unmittelbarer Boss gar nicht verantwortlich war für die Firmenauflösung, sondern die Besitzer, die in Brüssel ein Büro haben. So machen sich Louise und Michel auf den Weg...
Es ist nicht die Plakativität, mit der hier die Charaktere vom Super-Öko bis zum Monster-Kapitalisten persifliert werden und auch nicht die dramatisch ansteigende Leichenanzahl, die auch vor einem Säugling nicht halt macht, mit denen der Film den Zuschauer konfrontiert. Im Gegenteil ironisiert der Film dieses angesagte Muster einer äußerlichen Coolness, in dem er zwei Hauptpersonen zur Identifikation in den Mittelpunkt stellt, die in kein Muster passen und es dem Betrachter nicht leicht machen, sich mit ihnen zu identifizieren, obwohl sie zunehmend professioneller agieren. Gerade Louise ist an Coolness und Konsequenz nur schwer zu überbieten.
Neben den vielen witzigen Seitenhieben, besonders auf die aktuelle Finanzkrise, entwickelt sich der Film in seinem Zentrum zu einer anrührenden Liebesgeschichte, deren Zustandekommen die üblichen Vorstellungen von Ästhetik und Emotionalität ernsthaft in Frage stellt (8/10).