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Steven Spielberg erzählte einmal anlässlich einer Retrospektive seines Films „Duell“, wie er es seinerzeit darauf angelegt hatte, den größtmöglichen Thriller zu erschaffen, und wie ihm von der US-Presse das Erreichen dieses hehren Ziels auch zu großen Teilen bescheinigt wurde. Umso erstaunter war er allerdings, als er bei der Präsentation des Films in Europa mit Lobesbekundungen überhäuft wurde, weil ihm eine derart gelungene Visualisierung des alltäglichen gesellschaftlichen Klassenkampfs geglückt sei. Ein Subtext, den er nach eigenem Bekunden nie im Sinn gehabt hatte. Damals, so Spielberg, habe er gelernt, dass es keine Deutungshoheit gäbe, dass letztendlich selbst seine eigene Interpretation gleichberechtigt neben der Anderer stehen müsse.
Jahrzehnte später sah sich Zack Snyder bei der Vorstellung seiner Comic-Adaption „300“ in Berlin nun einer ähnlichen transatlantischen Rezeptionskluft gegenüber, wenn auch mit anderem Ergebnis; wo in Amerika noch seine präzise Visualisierung der Frank-Miller-Arbeit im Vordergrund stand, sah sich der ehemalige Werbefilmer auf dem alten Kontinent plötzlich mit einer Breitseite aus Vorwürfen bezüglich des faschistoiden Charakters seines Werks konfrontiert. Und reagierte ungnädig. Aus seiner Sicht verständlich, denn diverse Aussagen seinerseits lassen darauf schließen, dass es ihm einzig und allein um ein unterhaltsames, vorlagentreues Spektakel ging, das die Überführung vierfarbiger Bilder in das Medium Film auf ein neues, cooles Niveau heben sollte. Mit anderen Worten: Er wollte doch nur spielen. 

Diesen Mann nun auf dem Regiestuhl der Adaption des Comics sitzen zu sehen, das wie kein zweites ein Füllhorn an Subtexten und Deutungsmöglichkeiten darstellt, das Gesellschaft, Politik, Moral und Sexualität in einem Superheldenrahmen verhandelte und seinem Genre Ende und Anfang zugleich war, löst zunächst natürlich Unbehagen aus. „Watchmen“, die Geschichte einer Gruppe Superantihelden in einem Parallelwelt-Amerika des Jahres 1985. „Watchmen“, heiliger Gral der Comicfans. „Watchmen“, anerkanntes Kulturgut.
Dutzende Filmschaffende wurden schon von der schieren Größe des Projekts zur Aufgabe gezwungen, und da soll es nun ein Neuling hinbekommen?

Wahrscheinlich benötigt es einfach diese Frechheit, um überhaupt einen Ansatz zu finden und das Ganze ins Rollen zu bekommen. Vielleicht muss man es spielerisch angehen. Und nachdem sich Snyder gegenüber dem Studio durchsetzen konnte, welches das Projekt angesichts von Mauerfall und Zusammenbruch der Sowjetunion zeitgemäßer gestalten und die Kostümierten in unsere War-on-Terror-Gegenwart verpflanzen wollte, hatte er auch langsam die Fansympathien auf seiner Seite. Dabei betonte er stets, dass er den Stoff als Gegengift für die vom Mainstream verschlungene Kunstform der Superheldencomics begriff; die Kino-Zeit der Watchmen wäre nunmehr gekommen, da selbst ein Spider-Man zum Happy Meal verkommen sei. 

Um dabei zu bleiben: Zu einem Fünf-Gänge-Gegenentwurf ist seine Vision dann nicht geraten, dafür hat die Geschichte durch die (unvermeidlichen) Kürzungen zu sehr an Biss und Zusammenhalt verloren. Die Regie stand vor dem offenkundigen Dilemma, den schon in der Vorlage immer wieder durch Rückblenden unterbrochenen Spannungsbogen auch für Uneingeweihte straff zu halten. Dabei wird mitunter stark vereinfacht. Deutlich und zugleich ernüchternd wird das bei der Herangehensweise an die politische Dimension der Geschichte. Die nukleare Bedrohung muss wiederholt wortreich in die von digitalen Schauwerten dominierte Inszenierung eingebracht werden, erscheint dabei im Ton aber zu gegenwärtig, wie eine Rückschau. Man erlebt die direkte Beklemmung der Situation nicht mit, die Welt am Abgrund ist im Film nur ein dramaturgisches Gewürz ohne individuelle Note, ohne Nachgeschmack. Wahrscheinlich bewusst. Snyders Menü soll kein Völlegefühl verursachen. Sein Richard Nixon ist keine reale Person, die eine Hand in der beängstigenden Schwebe über dem roten Knopf hält, sondern ein Kasper mit einer Gumminase. Einer sehr langen Gumminase. Er ist ein Clown, hockt in einer Dr.-Seltsam-Kulisse und zerstört die Hoffnungen, die in die Ernsthaftigkeit dieser Adaption gesetzt wurden, nun, da das Comic-Kino durch „The Dark Knight“ auch jenseits der Fankultur salonfähig geworden ist. Er dreht diese lange Nase dem Teil des Publikums, der tatsächlich die Chuzpe besaß, die Verankerung des Stoffes in unserer Wirklichkeit zu erhoffen, all’ die Wut, die Verzweiflung und den grimmigen Humor des Ursprungstextes.

Dessen Größe sich erst durch die Waage zwischen den Maskierten und den normalen Bürgern ergab, um das für das Erzählgeflecht unabdingbare Gesellschaftsbild zu zeichnen. Die Menschen im Schatten von Dr. Manhattan, wie es so schön heißt, werden hier nahezu ausgeblendet. Die Zeitungsverkäufer, Psychologen, Kleinganoven und Polizisten. Die uns den Irrsinn einer von maskierten Vigilanten durchsetzten Gesellschaft im Griff der Kriegsangst mit ihren Kommentaren zum Geschehen nahe brachten, mit jeder Äußerung Leben in die Kunstwelt dieses Alternativwelt-Amerikas hauchten. Da spürt man dann schon deutlich, wie sehr hier doch eine Lücke zwischen Vorlage und Adaption klafft: Der Film ist Pop, und das mit Ansage. Er feiert das Phänomen „Watchmen“, macht es zum Event, entkernt es dabei allerdings zwangsläufig.
In diesem Zusammenhang ist es auch erwähnenswert, dass der Film es bei der Fokussierung auf die „Helden“ auch noch fertig bringt, das Publikum für sie einzunehmen, da er ihnen fast unmerklich, aber nicht wirkungslos die Kanten abschmirgelt. Zwar ist man glücklicherweise weit von einer (oft befürchteten) Hollywood-Weichspülerei entfernt, aber Moores Ansatz, eine Heldengeschichte ohne standardisierte Identifikationsfiguren zu erzählen, wird schon spürbar entgegen getreten. Die Guten werden hier etwas empathischer, die Schurken da etwas zwielichtiger gezeichnet. Mit Rücksicht auf das vorlagenunkundige, nur vom irreführenden Trailer angelockte Publikum möglicherweise, und dramaturgisch auch gut gelöst, aber eben doch einer Erwähnung wert. Und Superfähigkeiten werden den Kostümierten nun auch noch in (wenn auch geringem Maße) untergejubelt: Der Comedian stanzt mit seiner Faust wie einst Roy Batty Löcher in Wände, und Rorschach überwindet dank unglaublicher Sprungkraft auch die größten Distanzen. Das verstörende Gefühl, sich mit verkleideten Normalsterblichen auseinandersetzen zu müssen, stellt sich angesichts solcher Sperenzchen in Snyders Variante nicht ein. Aber wie gesagt: Er will ja nur spielen. 

Und tut dies beeindruckend.
Die seit „300“ patentierte Superzeitlupe kommt wieder ausgiebig zum Einsatz, um Kinobilder in Comicpanels zu verwandeln, indem zugespitzte Lagen durch ihre fast-Bewegungslosigkeit noch eine Extraportion Dramatik erhalten. Das Kapitel von Dr. Manhattans Genese, schon in der Vorlage ein Musterbeispiel an sense of wonder, gerät mit einer großartigen Montage zum Kinogenuss, und auch die Einbindung zeitgenössischer Musikstücke in den Rückblicksequenzen funktioniert fabelhaft. Ausstattung und Kostüme sind penibel entworfen und finden genau den richtigen Mittelweg zwischen Absurdität und moderner Filmästhetik. Rorschachs Maske, Manhattans Uhrwerkpalast oder der brillant montierte Vorspann – da stimmt einfach alles. Das Ausredenspektrum für die technische Machbarkeit von Comicumsetzungen ist endgültig bei Null angelangt. Man kann und darf als Fan künftig nur noch das volle Programm erwarten und akzeptieren. 

Snyder zufolge ging es ihm darum, einen langen Werbefilm für Moores Geschichte zu machen. Das ist immerhin seine Profession, und es gelingt ihm auch sehr gut; Sein „Watchmen“ ist ein technisch ausgefeiltes Bonbon, ein verspielter Appetizer für den real deal, der seinen ausufernden Stoff mit bemerkenswerter Kunstfertigkeit zu einem modernen Comicspektakel verdichtet, das locker eine Spitzenposition unter den aktuellen Blockbustern einnimmt. Doch genau darin liegt das Problem. Ein solcher sollte „Watchmen“ nicht zwangsläufig sein. 

Was bleibt, ist ein schwieriger Fall. Aber der war ja zu erwarten.

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