"Warum sind nur noch so wenige von uns aktiv, gesund und ohne Persönlichkeitsstörung?"
Auf der Grundlage des sehr populären Comics setzt Zack Snyder ("300", "Dawn of the Dead (2004)") die vermeintlich unverfilmbare Lektüre auf die Leinwand um.
In einem alternativen Amerika der 80er Jahre ist Richard Nixon (Robert Wisden) nach wie vor Präsident, die USA gewann den Vietnamkrieg und die Bevölkerung lebt unter dem immensen Druck eines bevorstehenden Atomschlags der UdSSR.
Zu dieser Zeit geschieht der Mord an Edward „The Comedian“ Blake (Jeffrey Dean Morgan), einem im Ruhestand lebenden Superhelden der einst den Watchmen, einer Gruppierung maskierter Helden, angehörte. Einer der wenigen aktiven der Gruppe ist Rorschach (Jackie Earle Haley), der keine zufällige Handlung hinter dem Mord wittert. Besessen von seinen Ermittlungen warnt er seine einstigen Kollegen Dan "Nite Owl" Dreiberg (Patrick Wilson), Laurie "Silk Spectre" Juspeczyk (Malin Akerman), Adrian "Ozymandias" Veidt (Matthew Goode) sowie den gottähnlichen Jon "Doctor Manhattan" Osterman (Billy Crudup), der durch einen Unfall als einziger über Superkräfte verfügt und eine alternative Energiequelle entwickelt, in der Hoffnung dadurch die Kriegsgründe um Energie zu entwaffnen. Getrieben durch zwischenmenschliche Zweifel, sind die einstigen Helden geteilter Meinung und vorrangig mit ihren persönlichen Problemen beschäftigt, während Rorschach eine Verschwörung globalen Ausmaßes ausmacht.
Mitte der 80er Jahre sorgte ein Comic für Furore. Alan Moore, unter anderem verantwortlich für "V for Vendetta" erschuf die Watchmen und damit eine alternative Dystopie der damals gespannten weltlichen Lage. Als einziger seines Genres kam dieser Comic in die vom Time Magazine gewählten Top 100 der einflussreichsten Romane des 20. Jahrhunderts. Und dies wohl durch seine komplex illustrierte Handlung.
Für Anhänger ist die hierzulande bisher recht unbekannte Superheldengeschichte der gern genannte Heilige Gral unter den konkurrierenden Titeln. Somit war es einigen ein Dorn im Auge, dass diese so komplexe Welt nun in kompakterer Form auf den Leinwänden zu sehen sein sollte. Zack Snyder ließ sich davon nicht beirren und sah es wohl als vorteilhafte Chance, seinen Ruf als wegweisenden Regisseur zu unterstreichen.
"Watchmen" ist anders, und dies in jeglicher Hinsicht. Statt strahlenden Superhelden präsentiert der Film Menschen in Kostümen und Masken, die verbittert ihrer Existenz schwelgen und der Gesellschaft überdrüssig geworden sind. Superschurken bleiben aus, ebenso die klassische Gut- / Böse-Zeichnung der Charaktere. Hinzu kommt eine gehörige Portion Philosophie um die Daseinsberechtigung des Menschen und dessen ständigen kriegerischen Absichten. So gesehen ist "Watchmen" originell aber auch gewöhnungsbedürftig, und gleichzeitig ein Faustschlag in die Magengrube, bei dem sämtlichen Comic-Puristen sowie den Otto Normalverbrauchern die Luft weg bleibt. Im positiven wie auch im negativen Sinne.
Die Geschichte erfordert die volle Aufmerksamkeit des Zuschauers und dessen Bereitschaft, über das Gesehene nachzudenken. Snyder setzt die vorgegebene Welt detailgetreu um und visualisiert diese in ansprechendem Rahmen. Durch die hohe Dichte an Informationsgehalt und der Überlänge von 162 Minuten kann es allerdings zu Ermüdungserscheinungen kommen. Und obwohl sich einige Passagen zu gut gemeinten Erinnerungszwecken wiederholen, sind es gerade diese Wiederholungen, die das Superheldenepos ungemein in die Länge ziehen. Die zigste Aufarbeitung vergangener Ereignisse eines Superhelden stellt den Zuschauer vor eine gewagte Geduldsprobe, die zwar einerseits die Figur facettenreich beleuchtet, andererseits das Publikum mit dessen zunehmend hörbaren Atemgeräuschen konfrontiert.
Gesamt gesehen wirkt das Superheldenepos eine halbe Stunde zu lang und nur selten spannend, wobei man sich öfters ertappt mehr über diese alternative Welt zu erfahren. Vermutlich würde das Epos eher in ein Serienformat hinein passen, so wie es auch schon der 12-teilige Comic definiert.
"Watchmen" hat aber nicht nur dialoglastige Passagen und bleibt auch nicht ständig brottrocken oder düster. Zur Auflockerung bieten witzig anmutende Momente, die vornehmend durch Zynismus geprägt sind, die nötige Abwechslung.
Erwartungsgemäß geht es hin und wieder auch etwas ruppiger zu. Dass dabei nichts wirklich Neues geboten wird sei mal zur Seite gestellt, denn wenn sich die Helden in den Nahkampf begeben kracht es gewaltig. Begleitet von einem beeindruckenden CGI-Gewitter, wuchtigen Explosionen und den modernen, eingestreuten Zeitlupeneffekten schlagen die Charaktere rücksichtslos um sich. Und dies unterlegt mit einer bombastischen Soundkulisse. Dabei ist "Watchmen" nicht gerade zimperlich und zeigt herausragende Knochen, brennende Menschen oder Blutwolken auch gerne mal in Nahaufnahme.
Besonders erwähnenswert ist noch die fabelhafte Musikauswahl und das wunderbare 80er Jahre Design. Bob Dylan’s "The Times They Are A-Changin" ist nur der Auftakt, der die Collage aus zeitgeschichtlichen Fragmenten zu Beginn anführt. Darauf folgen zahlreiche weitere geläufige Songs, die entweder schon im Ohr waren oder dort kurzzeitig verbleiben werden. Selbst Nena's "99 Luftballons" findet einen kurzen Einsatz. Dazu gesellen sich Details die man aus der 80er Ära kennt und mehr oder weniger lieb gewonnen hat. Gemeint sind die wilden Frisuren und Hornbrillen. Und auch die Twin Towers des World Trade Center sind "noch" in einem Weitblick über New York zu sehen.
Die noch unverbrauchten Gesichter der Schauspieler sind durchaus passend, denn dadurch werden die Figuren nicht durch kommerziell bekannte Darsteller überblendet. Hervorheben kann man Jeffrey Dean Morgan ("Live!", "P.S. Ich liebe Dich") sowie Jackie Earle Haley (""), beide durch eine sehr flexible Darstellung ihrer Charaktere. Alle weiteren sind zweckmäßig, mehr aber auch nicht.
Politische Unruhen, globale Paranoia, tiefgründige Charaktere und eine aufwendige Präsentation. "Watchmen" hat alles um tatsächlich als das genannte Epos durchzugehen. Allerdings als ein sehr gewöhnungsbedürftiges, denn der anarchistische Stil sowie die zeigefreudige Visualisierung dürfte nicht jedermanns Sache sein. Zudem fällt die spannungslose Erzählung schwer ins Gewicht. Und manch ein Zuschauer ist durch den hohen und gleichzeitig lückenhaften Informationsgehalt sicherlich überfordert.
Der Spagat zwischen Anspruch und Unterhaltung geht leider nicht ohne Mäkel auf und bereitete mir persönlich, trotz guter, durchschnittlicher Bewertung, die Enttäuschung des Film-Jahres 2009.
7 / 10