Auch mal eine erfrischende Perspektive: zwischen all den Leuten, die
entweder Watchmen seit Ewigkeiten kennen und mit Hochspannung darauf
warteten, Zack Snyders Verfilmung zu zerfetzen und denen, die einfach
nur ins Kino latschen, weil sie einen coolen Superheldenstreifen
erwarten, befand ich mich so in der Mitte. Ich kannte den Comic schon
vorm Kinobesuch, dafür aber erst seit sehr kurzer Zeit. Der Comic hatte
mich richtig mitgerissen; obwohl die Story nicht gerade
nervenzerfetzende, blutige Mega-Action versprach, wussten die
einzigartige Atmosphäre und die dichte innere Spannung sowie die
überzeugenden, bis ins letzte Winkelchen durchgedachten Charaktere zu
überzeugen. Dass dieser Comic einen derartig nachhaltigen Erfolg zu
verbuchen hatte, wunderte mich überhaupt nicht mehr - ich hatte selten
ein derart gutes Buch gelesen! Außerdem ließ mich die Geschichte auch
nach dem Lesen nicht mehr los, das ist immer ein gutes Zeichen.
Nun ja, Comic beiseite gelegt und eine Woche später ab ins Kino.
Erstmal ist ein ausgiebiger Sitzfleischcheck nötig: gut zweieinhalb
Stunden nimmt Snyder sich für die Komplettverfilmung der 12 Comicbände
Zeit. Viel zu viel - und viel zu wenig, oder: zum Leben zu wenig, zum
Sterben zu viel. Zunächst vermag Watchmen durchaus zu begeistern. Die
Creditsequenz ist ein kleiner Film im Film für sich. Einfallsreich wird
die (teilweise alternative) Geschichte der Vereinigten Staaten und des
Wirkens der Superhelden erzählt, unterlegt mit toller Musik und
fantastisch fotografierten Zeitlupen. Hier schon darf man lachen, etwa
über die Zwangseinlieferung des Mothman, oder schockiert sein über die
brillante Re-Inszenierung des JFK-Attentats. Ein perfekter Einstieg,
der Großes verheisst. Leider überwiegen dann doch die Enttäuschungen,
die den Film insgesamt in die Mittelmäßigkeit ziehen.
Der erste Nervpunkt ist der latente Hang Snyders zur Effekthascherei,
die schon 300 tendienziell ungenießbar machte. Er lässt sich zu oft auf
Spielereien, Blut und nutzlose Spektakel ein, was seltenst funktioniert
(wie bei der Vietnamszene mit Dr. Manhattan), aber um so öfter daneben
geht und völlig aufgesetzt wirkt (siehe beispielsweise das Attentat aus
Ozymandias: im Comic in zwei, drei Frames erledigt wird hier ein halber
Matrix-Lobby-Shootout draus). Warum tut er das? Klar, um dem gemeinen
Kinogänger die tiefgründige Superheldenpsychoanalyse, die in
ausufernden, häufigen und langen Dialogen stattfindet, auf irgendeine
Art schmackhaft zu machen. Diese Szenen funktionieren außerhalb des
Comics überhaupt nicht, was auch am Versagen der erschreckend schwachen
Schauspieler liegt. Billy Crudup wird ohnehin meistens vom CGI-Team
animiert, aber sein Dr. Manhattan wirkt allgemein eher wie ein etwas
langsamer Bengel von nebenan und nicht wie der unterkühlte,
geisterhafte Schatten, der seine Verbindung zur Menschheit verliert.
Und wenn dieser ausdruckslose Computerdepp die geschwungenen Dialoge
von Alan Moore zurechtfabuliert, kauft man ihm zwangsweise kein
Sterbenswörtchen ab. Und der blaue Dauerdödel im Bild hätte auch nicht
sein müssen. Im Comic nimmt man das kaum wahr, hier wirkt es einfach
nur lächerlich. Der Typ ist eine absolute Enttäuschung, gerade wenn man
bedenkt, welch ein Highlight sein Herkunftskapitel in den
Originalcomics ist, vielleicht sogar das Beste am Gesamtwerk! Auch
seine Ex-Gespielin, Silk Spectre II, ist wahnsinnig schlecht getroffen.
Im Original eine launische, bocklose, ungeduldige Göre, die viel von
ihrem wahren Papa abbekommen hat, ist sie hier zierendes Latexbeiwerk
mit Blödmannsdialogen ("Wir sind ja auffem Mars! Eiguckeda!").
Furchtbar ist auch der überkarikierte Dick Nixon, der fast aussieht wie
der Pinguin aus der alten Batmanserie und so die geplante Satire
ebenfalls in die Lächerlichkeit abdriften lässt.
Gut getroffen sind z.B. Dan / Night Owl, der aber etwas zu lieb und
passiv herüberkommt, der Comedian, der einen wunderbaren Halbbösewicht
abgibt, und natürlich Rorschach, der im Film der große Showstealer ist.
Er hat die besten Oneliner, die beste Story, das coolste Kostüm und -
das beste Ende. Erschreckend ehrlich, ätzend brutal, ekelhaft,
psychopathisch, faschistisch und bemitleidenswert - die Figur hat
wahnsinnig viele Facetten, und hier werden alle zum Vorschein geholt.
Das ist eine absolute Meisterleistung, schade, dass nicht der ganze
Film so ist! Aber Synder und seine Crew versuchen auch einfach, zuviel
in diese zweieinhalb Stunden zu packen. Man käme eher zum Ziel, machte
man aus Watchmen eine Miniserie, die jedem Kapitel eine Stunde
Sendezeit einräumt. Auf den Nichteingeweihten prasseln hier im
Minutentakt neue Charaktere, neue Plots, neue Twists, wilde Zeitsprünge
und Personenkonstellationen ein, keine Ahnung, wie man das ohne
Kenntnis der Comics raffen soll. Für Fans des Comics sind die
Änderungen (vor allem das Ende) und Substraktionen wahrscheinlich zu
weitreichend, um wirklich zufrieden zu sein.
Am Ende ist man hin- und hergerissen. Fantastische Musik, tolle
Fotografie, die Tatsache, dass es die Story überhaupt auf die Leinwand
geschafft hat - beneidenswert. Bei der schwachen Regie in Bezug auf die
Schauspieler und der schlechten Balance zwischen Dialog und Handlung in
Verbindung mit den Genreerwartungen liegt aber sehr vieles im Argen.
Dass man nicht doof tun muss und trotzdem massive Action auf den Schirm
bringen kann, hatte erst letztens The Dark Knight bewiesen; hier aber
wird die Action unterdrückt und an den falschen Stellen übertrieben, um
einem falsch verstandenen Anspruch an die literarische Vorlage gerecht
zu werden. Unausgewogen, enttäuschend, aber nicht wirklich schlecht.
Oder, um es treffender mit den Worten eines Mitguckers auszudrücken:
30% des Films waren echt fantastisch, aber die restlichen 70% äußerst
mittelmäßig. Kann ich so unterschreiben.