Im Folgenden wird eine eingehende Analyse des Filmes Watchmen durchgeführt werden, welches durchaus die Sichtung des Filmes voraussetzt. Will heißen, es werden sehr viele Spoiler enthalten sein.
Um dem Leser nicht eventuelle Überraschungen zu verderben, hier jetzt erstmal die Wertung des Filmes: Ziemlich gut, 8 Punkte.
Wem das reicht, kann sich jetzt anderen Kritiken widmen, wem das nicht reicht und/oder wer den Film schon kennt und eine andere Meinung mal lesen möchte, nur weiterlesen.
Bevor wir zur Analyse schreiten, sollte vielleicht noch erwähnt werden, dass ich zwar die Comic-Vorlage nicht kenne, aber mir habe erzählen lassen, wie Watchmen im Comic tatsächlich endet.
Jetzt geht es aber wirklich los:
Watchmen ist eine Comicverfilmung, die alleine durch die Bildkomposition seinen Ursprung in jeder Szene zelebriert, fast jede Einstellung könnte man als ein Comic-Panel vergrößern und als Poster aufhängen. Es ist wunderbar anzusehen und macht von vorne bis hinten Spaß, sich diesen Film anzuschauen.
Das steht absolut außer Frage, Zack Snyder ist was das Visuelle betrifft, ein ganz Großer. Das hat er schon in 300 demonstriert und das beweist er in Watchmen erneut. Da besteht keinerlei Zweifel.
Auch ist wunderbar, wie er die musikalischen Stücke einsetzt, alles alte Klassiker und Ohrwürmer, die immer genau im richtigen Moment platziert werden, so zum Beispiel "99 Luftballons" von Nena (sogar auf Deutsch!!!).
Was man ihm ankreiden könnte ist dass er vielleicht immer noch ein bißchen zu viel seine Kämpfe in Zeitlupe zelebriert, aber das stört in diesem Film nicht im Geringsten.
Aber man sollte nicht den Fehler machen und jetzt sagen, Watchmen ist einfach nur eine Comic-Verfilmung, sollte Popcorn-Kino sein und dann vergiß es.
Denn genau das ist Watchmen nicht. Nicht umsonst war Watchmen im Time Magazin irgendwann als einziges Comic unter den 100 besten englischsprachigen Literaturwerken des 20. Jahrhunderts vertreten.
Watchmen ist Literatur in seiner reinsten Form: Schwer, Komplex, Hintersinnig, doppeldeutig, tief, den Leser fordernd und nicht mit einer einfachen Auflösung gesegnet. Der leser muß selber nachdenken, reflektieren und sein Urteil fällen. Es wird ihm nicht alles vorgekaut.
Kurz: Watchmen ist eigentlich unverfilmbar. Und wenn er verfilmt wird, dann wird ein großer Teil seiner Komplexität auf der Strecke bleiben, ein großer Teil seines Inhaltes.
Denn: Man kann Literatur nicht 1:1 auf das Medium Film übertragen. Selbst wenn man es 1:1 überträgt, verliert die Transformation auf ein anderes Medium sehr viel des Reizes.
Es gibt viele Beispiele, in denen eine 1:1 Umsetzung dem Film geschadet hat, weil das Endresultat zwar alle Stationen abarbeitet, die Sprachliche Darstellung durch die visuelle Umsetzung aber stirbt, als aktuelle Beispiele kann man das Parfum oder Liebe in Zeiten der Cholera anführen.
Auf der anderen Seite hat man Verfilmungen, die die Vorlage sehr wohl abändern oder stark vereinfachen und gerade deshalb als Film funktionieren: Doktor Schiwago beispielsweise läßt ganze Teile des Buches unberücksichtigt und ist dennoch ein fabelhafter zeitloser Klassiker, oder Der Name der Rose, welcher sogar die Aussage des Buches total ignoriert und umändert: Ebenfalls großes Kino. Beide Filme sind aber als Literaturverfilmungen mittlere Katastrophen.
Und Watchmen?
Obwohl ich Watchmen ja nicht kenne, konnte man nicht umhin, mitzubekommen, dass Watchmen die Bibel, der Herr der Ringe, der Anfang und das Ende eines jeden US-Comic-Fanatikers zu sein scheinen. Etwas größeres wird es wohl nicht geben. Wer es sich also zur Aufgabe macht, dieses Werk zu verfilmen, der hat, wenn er es falsch macht eine fast schon fanatisch-religiöse Horde gegen sich aufgebracht und spielt womöglich mit seinem Leben, zumindest mit seiner Karriere. Watchmen ist der heilige Gral des US-Comics.
Wie gesagt, es ist das Aushängeschild, das es zu beschützen gilt. Anscheinend ist Watchmen ein Quantensprung im Medium US-Comic.
Das wird der Film nicht sein, denn der Film an sich ist schon längst erwachsen, selbst Comic-Verfilmungen sind schon längst erwachsen, auch wenn die westliche Welt das bis Dark Knight nicht wahrhaben wollte.
Da muß man nur einen Blick nach Japan werfen, wo ein Großteil der Comic-Kultur für Erwachsene ist, und vieles davon ist im Erzählerischen Watchmen vom Reifegrad ähnlich gelagert. Von daher ist es auch nicht sonderlich verwunderlich, dass ausgerechnet der Film, der Watchmen am ähnlichsten ist, visuell wie thematisch, eine japanische Comic-Verfilmung namens Casshern ist, welcher rein visuell betrachtet nach wie vor den Maßstab darstellt, was eine absolut adäquate Comic-Verfilmung sein sollte.
Und Watchmen kommt Casshern verdammt nah, ebenso eine perfekte Comic-Verfilmung zu werden. Und ebenso wie Casshern fast wie eine Literaturverfilmung wirkt, genauso wirkt auch Watchmen wie eine Literaturverfilmung: Fast schon schwermütig und zu intellektuell. Es wird extrem lange auf eine Message hin gearbeitet, es werden keine Kompromisse gemacht und es geht auf ein bitteres Ende zu, wie gesagt mit einer Aussage, die - wie in guter Literatur üblich - natürlich zu Diskussionen einlädt.
Was Watchmen Casshern und damit auch allen anderen Comic-Verfilmungen, die wirklich 1:1 sein wollen voraus hat, ist die Tatsache, dass obwohl auch er recht komplex ist, dennoch seine Geschichte recht verständlich beibehält, sicherlich kürzt auch er ganze Passagen - würde gar nicht gehen, wenn nicht - dennoch fehlt im Grunde genommen nichts, wo man meinen könnte, dass es der Geschichte an etwas fehlt. Und trotz seiner enormen Laufzeit ist watchmen niemals langweilig oder man hat das Gefühl, das wäre jetzt zu viel. Eher hat man das Gefühl, hier könnte doch noch was kommen.
Hierfür muß man Snyder und seinem Team auf alle Fälle ein Riesenkompliment machen: Eine Verlagerung von einem Medium ins andere verlangt auf jeden Fall eine Vereinfachung, wenn der Zuschauer sich aber nicht bevormundet vorkommt, dann ist das eine große Leistung.
Womit wir endlich beim Inhalt wären:
Sehr vieles läßt Snyder nur angedeutet, wohl aus zwei Gründen: Zum einen dauert sein Film schon Zwei-ein-Halb Stunden und jede weitere Aussprache würde den Film nur noch länger machen. Zum anderen aber auch, weil er dem Zuschauer seine eigene Interpretation lassen möchte. Wenn Doktor Manhattan auf dem Mars mit Silk Spectre II darüber verhandelt, dass er die Menschheit retten soll, gibt es von ihr nicht einen triftigen Grund dafür, warum er die Menschheit retten sollte, trotzdem wird es so dargestellt, als habe sie ihn überzeugt. Wieso? Hier kann man interpretieren, dass obwohl er mittlerweile ein Gott ist, er sie immer noch liebt, und deshalb die Menschen retten wird, was sie sagt oder tut, ist irrelevant.
Viele Dialoge, die es mit dem Comedian gibt, sind derart zynisch und kurz und knackig, dennoch extrem tiefsinnig, dass man sich immer wieder wundert, wie intelligent dieser Film daher kommt.
Rohrschachs Entscheidung zu sterben läßt auch mehrere Interpretationen zu: Will er tatsächlich die Wahrheit aufdecken und ist berait dafür zu sterben, will er Erlösung durch den Tod, will er sterben, weil jetzt im neuen Utopia kein Platz mehr für ihn vorhanden ist? Alles valide Möglichkeiten...
Die Beziehung zwischen dem Comedian und Silk Spectre I? Nur angedeutet, auch dem Zuschauer überlassen, sein eigenes Urteil darüber abzugeben.
Kommen wir zum Hauptkritikpunkt der großen Fangemeinde: Dem Ende:
Es heißt, verfälscht und damit der Message beraubt.
Vergleichen wir mal die beiden Varianten: Im Comic wird vorgekaukelt, Außerirdische greifen die Welt an, und so kommt es zum Weltfrieden. Im Film wird Doktor Manhattan als Schurke dargestellt und es kommt zum Weltfrieden. Ohne das Comic zu kennen, muß ich sagen, dass es letztlich wurscht ist, wie es zum Weltfrieden kommt, in beiden Fällen lassen Millionen Menschen ihr Leben und das Resultat ist dasselbe. Aber was mich angeht, ich finde die Filmversion erheblich besser, da wir ja von einer "normalen" Welt ausgehen, also 1985. Und da haben uns keine Außerirdischen angegriffen. Außerdem finde ich auch die Tatsache im Comic, dass der tatsächliche Schurke nach "vollbrachtem Völkermord zum Wohle der Menschheit" sich etwas schuldbewußt zeigt und sich fragt, ob er das Richtige getan hat, schon sehr heuchlerisch und psychologisch unstimmig. Da paßt es im Film doch eher, dass dieser Größenwahnsinnige sein Tun immer noch als richtig erachtet.
Hier finde ich eindeutig den Film dem Comic überlegen.
Kritikpunkte, die der Film aber ertragen muß, sind vor allem den Superkräften geschuldet, die ja angeblich auch nicht vorhanden sind, aber dennoch sind alle Maskierten erheblich stärker als normale Menschen. Hierdurch verliert der Film auf seiner Metaebene und läßt die Helden tatsächlich Übermenschlicher erscheinen.
Auch weicht Snyder sein Panoptikum weiter auf und läßt seinen Film etwas zu sehr ins Fantastische abgleiten, indem er Kissinger und Nixon einfach nur noch zu Karikaturen mutieren läßt. Ein bißchen mehr Mut zur Ernsthaftigkeit hätten dem Film in diesen beiden Punkten sicherlich gut gestanden.
Letztlich muß man sagen, dass Zack Snyder die beste und akurateste Literaturverfilmung der letzten Jahr(zehnt)e gelungen ist. Dass so etwas nicht massentauglich ist, liegt daher in der Natur der Dinge.
Umso mehr muß man dies Warner Bros groß anrechnen, dass sie Zack Snyder nahezu freie Hand gelassen haben.