Die USA in einem alternativen Jahr 1985: Der Vietnamkrieg wurde mit Hilfe des gottgleichen Superhelden Dr. Manhattan gewonnen, Richard Nixon ist bereits in seiner 5. Amtszeit U.S.-Präsident und das Wettrüsten mit der Sowjetunion steuert auf einen gefährlichen Höhepunkt hin. Ein Nuklearkrieg scheint unausweichlich. Die ehemalige Superhelden-Einheit „Watchmen“ wäre wohl als einzige dazu in der Lage, die Situation zu deeskalieren, doch ein Erlass der Regierung, welcher die Aktivitäten von Helden untersagt, zwingt sie zum Nichtstun, so dass die meisten von ihnen mittlerweile, mehr oder weniger erfolgreich, einer normalen Identität nachzugehen versuchen. Als jedoch einer von ihnen, der zynische „Comedian“, einem Attentat zum Opfer fällt und ermordet wird, wird der heimlich weiterhin im Untergrund aktive „Rorschach“ hellhörig: Könnte es eine Verschwörung gegen die „Watchmen“ geben, und wenn ja, wer wird das nächste Opfer sein? So versucht er seine ehemaligen Kollegen wieder zusammenzubringen und die Hintergründe des Attentats aufzudecken…
Der epische Comic „The Watchmen“, 1986 von Alan Moore („From Hell“, V for Vendetta“) erschaffen, ist nicht irgendeine bunte Bildergeschichte: Er ist DER Comic schlechthin, eine vielschichtige Graphic Novel, die mit ihren gesellschaftspolitischen Subtexten, ihren tiefgründigen Charakteren und einer für Comics damals ungewöhnlichen narrativen Komplexität, dem Medium damals entscheidende Impulse gegeben hat. Erstmals lud eine Sprechblasen-Geschichte zur Dekonstruktion geradezu ein, zeigte es sich, dass auch ein Comic lyrisch und komplex sein kann, ähnlich dem Roman. Nicht umsonst befindet sich „Watchmen“ als einziger Comic auf der „Top-100-Literatur“-Liste des TIME Magazine.
Diesen von seinen Fans kultisch verehrten „Heiligen Gral der Comics“ adäquat zu verfilmen, ist ein gewaltiges Mammut-Unterfangen. Nicht nur die Fülle an Zeitebenen, Schauplätzen und Figuren muss dabei beachtet werden, auch der subversive, oftmals politisch unkorrekte Ton der manchmal sehr philosophischen, manchmal rational-wissenschaftlichen, Vorlage muss im Wesentlichen auf Zelluloid gerettet werden, um die Quintessenz des „Watchmen“-Universums nicht zu verraten. Obwohl die Geschichte in Teilen ein Blockbuster-kompatibles „Special Effects-Feuerwerk“ möglich macht, sind die „Watchmen“ kein Mainstream: Die sog. Superhelden sind keine strahlenden Gutmenschen, sondern eher Anti-Helden mit einigen Schwächen, die ihre Identifikation mit einem Publikum, welches das Genre der Comicverfilmungen eher mit „Spider-Man“ oder „Superman“ assoziiert, schwierig macht. Vor allem der gewalttätige Vigilant „Rorschach“ erscheint, trotz seiner guten Absichten, als Soziopath, der vor keinem Mittel zurückschreckt, um die Straßen vor menschlichem Dreck zu säubern. „Ozymandias“ wiederrum ist der intelligenteste Mensch der Welt und dementsprechend ein eitler Kotzbrocken. „Night Owl II“ ist zu anfangs vor allem eines: Sehr feige, eine Eigenschaft, die so gar nicht zu einem Helden passen will. Das einzige weibliche Mitglied der „Watchmen“, „Silk Spectre II“, trägt ein schweres Familien-Trauma mit sich rum und wirkt verstört und passiv. Der ehemalige Wissenschaftler „Dr. Manhattan“ ist durch einen Strahlenunfall zu einem mächtigen Gott mutiert, der Materie, Raum und Zeit kontrollieren kann, und längst das Interesse an den „kleinlichen“ Problemchen der Menschheit verloren hat. Seine Flucht auf den Mars ist da aus seiner Sicht nur konsequent. Der „Comedian“ zu guter Letzt ist ein Zyniker, der auch schon mal Frauen vergewaltigt und sich für schmutzige, politische Geheim-Aufträge im Namen der U.S.-Regierung auch nach dem offiziellen Verbot der „Watchmen“ nicht zu schade ist.
Überhaupt: Superhelden? Bis auf „Dr. Manhattan“ verfügt keiner der „Watchmen“ über Superhelden-Kräfte. Es sind (relativ) normale Menschen, die an sich selbst langsam seelisch zu zerbrechen scheinen. Auch dieser Aspekt macht einen kommerziellen Höhenflug der Verfilmung eher unwahrscheinlich.
Nun: Zack Snyder („Dawn of the Dead“-Remake, „300“) hat es trotzdem versucht und hat ein erstaunlich homogenes, überzeugendes Werk abgeliefert. Zwar musste zumindest für die Kinofassung einiges gestrafft bzw. manche Subplots gleich ganz weggelassen werden, dennoch muss man seinem Unterfangen eine große Werktreue und Tiefe bescheinigen, die so von einer Multimillionen-Dollar-Produktion aus Hollywood nicht unbedingt zu erwarten gewesen ist. Visuell ist sein Film sowieso über jeden Zweifel erhaben (im Comic-esquen Vorspann wird mal eben so innerhalb weniger Minuten die Vorgeschichte zu den „Watchmen“ erzählt. – Ein geschickter Kniff des Regisseurs, einerseits Moores ausschweifende Zeitsprünge kürzen zu können, um den Film laufzeitenmäßig nicht zu überladen, andererseits dem Geist der Vorlage trotzdem treu bleiben zu können.) : Die visuellen Effekte sind überragend und machen „Watchmen“ damit zum Kintopp, der unbedingt auf großer Leinwand gesehen werden muss. Ebenso clever ist der Einsatz diverser Pop- & Rock-Musik aus der damaligen Epoche (z.B. Bob Dylan, Nena und Leonard Cohen) in bestimmten Szenen des Films: Dem Rezipienten wird so eine dystopische Alternativ-Welt als real und glaubwürdig übermittelt. Alles wirkt authentisch und echt, was ob der teilweise surrealistischen Szenerie eigentlich verwundern müsste. Die Meta-Ebene des Comics, nämlich die Beschäftigung mit der Frage, wie unsere Welt wohl aussähe, wenn es Superhelden WIRKLICH geben würde, macht der Film stets greifbar, indem er stilistisch dem Film Noir Tribut zollt und „Rorschach“ zum Erzähler des Filmes macht. Seine Worte sind es, die der Verfilmung ihren Realismus geben, das stellenweise abstrakte und verschachtelte Konstrukt der Erzählung narrativ einklammern und so jederzeit überschaubar machen. Darstellerisch gibt es nichts zu kritisieren, besonders Jeffrey Dean Morgan als „Comedian“ überzeugt in seinen Rückblenden. Der eigentliche Hauptdarsteller ist allerdings Jackie Earle Haley als „Rorschach“, welcher eine echte Glanzleistung abliefert. Lediglich Billy Crudup als „Dr. Manhattan“ verkommt stellenweise zu einem reinen Special Effect, wenn er als blaues Über-Wesen quantenphysikalische Weisheiten zum Besten geben darf.
Das Ende der Verfilmung weicht im übrigen vom Lovecraftschen Finale des Comic ab. Puristen der Vorlage mag das stören, ich hingegen fand es konsequent und logisch (und politisch unkorrekt sowieso). Mehr soll hier natürlich nicht verraten werden…
„Watchmen“ erfordert vor allem eines vom Rezipienten: Die Bereitschaft, mitzudenken. Wer ein überlanges Popcorn-Kino erwartet, wird sicherlich enttäuscht. Die Action-Einlagen sind eher spärlich, der Gewaltpegel ist für eine Comicverfilmung überraschend hoch und explizit, und in der ersten Hälfte geht Snyder v.a. auf seine Protagonisten ein, indem er zu jedem der Charaktere Hintergründe in Form von detailierten Rückblenden liefert, was den Fortlauf der eigentlichen Handlung erstmal zu behindern scheint, im Kontext der filmischen Kohärenz allerdings auch dramaturgisch zwingend notwendig ist.
Fazit: Ein beeindruckendes, intelligentes Stück Kino, welches der Vorlage nahezu vollkommen gerecht wird.