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In einer Zeit, in der Comic-Verfilmungen und Superheldenfilme so programmatisch eingesetzt werden, um das Gros der jungen und alten Fans jahreszeitenübergreifend komplett abzudecken, mit Heldentum, aufwendigen Tricks und großangelegten Kampf- und Zerstörungssequenzen zum Zwecke des Rettens der aktuellen für eine bessere Welt, muß Zack Snyders "Watchmen" wie ein Affront wirken, ein Schlag ins Gesicht all jener, die ihre Helden zwar teilzeitgebrochen, aber dennoch siegreich nehmen, die Qualität an Trickrealismus messen und eine gute Story so komplex wie simpel wünschen.

Alan Moores berühmter Comic ist der kritisch-satirische Abgesang auf die gängigen Formeln gewesen, eine Dystopie voller Superhelden mit wenig oder kaum richtig definierten Kräften, die im Spiegel der Zeit von politischem Wandel verändert und von ihren eigenen Ängsten, Zwängen, Gelüsten und Antrieben gebrochen wurden.
Angesiedelt in einer parallelen Realität in den 80er Jahren, in der Nixon immer noch Präsident ist und der kalte Krieg noch lange nicht vorbei, präsentiert Moore eine bittere Geschichte vom notwendigen Untergang der Menschheit wie wir sie kennen und schätzen müßten. Sechs Helden, sechs Geschichten, sechs Leben, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Und genauso düster und verloren.

So bekommt man in der bemüht kongenialen Umsetzung der ultrakomplexen Vorlage keinen strahlenden Kampf gegen die Übel der Welt, sondern eher einen hoffnungsarmen Kampf gegen den Nihilismus des nahenden Untergangs, einen "film noir", wenn man so möchte, in dem man die bekannten Versatzstücke wiederfindet, aber abnorm konstruiert und verwachsen angeordnet.
Die Welt steht am Rande des Atomkriegs, gegen das Raketenarsenal der Russen setzen die Amerikaner auf den außerhalb aller Zeiten existierenden Dr.Manhattan, das Opfer eines Strahlenexperiments, der sich durch mögliche Existenzebenen bewegt, in seine Zukunft blicken kann und langsam aber sicher das bekannte Universum durchschaut hat. Er ist so allmächtig, daß ihn mit Gott vergleicht, doch seine Tätigkeit auf Erden wird ihm zunehmend gleichgültig, was auch seine Beziehung zu der ehemaligen Superheldin Silk Spectre langsam zerstört und sie an die Seite des technisch begabten, aber sonst eher loserhaften "Night Owl" treibt, der mit seiner Vergangenheit hadert. Der Multimilliardär Ozymandias dagegen wählt einen anderen Weg und sucht nach neuen Methoden, die Probleme der Welt in der Griff zu kriegen - ihm gegenüber der klassische "Film-Noir"-Held Rorschach, der wie ein zynischer Killer im Schatten wandelt und Verbrecher jagt, obwohl jede Hoffnung in ihm abgestorben ist. Und als Dreh- und Angelpunkt der Auftragsmörder "The Comedian", der schon in der ersten Sequenz des Films stirbt, ein wandelndes Fragezeichen aus Motivationen, Selbsthaß und Abgründigkeiten, der sowohl die Vietnamesen bekämpft wie Kennedy erschossen hat.

Was den wesentlichen Plot angeht, dreht sich alles um die Frage nach dem Mord an dem ehemaligen Helden (laut Gesetz sind die Superhelden außer Dienst), doch dahinter baut sich ein komplizierter Plot auf, bei dem es um das Wohl und Wehe der ganzen Welt geht, ein Superschurkenplan aus besten Absichten und totaler Selbstaufopferung, der alles verändern wird.

Doch das Publikum bekommt hier nicht, was es erwartet, so sehr entschlackt Snyder den kapitelhaften Comic auch wieder nicht. Der Film ist so genauso multifunktional wie die Vorlage, stets damit beschäftigt, ein halbes Dutzend "Helden" zu erforschen, ihre Vergangenheit und ihre Hintergründe zu erkunden, die neue Weltordnung begreiflich zu machen und die Mechanismen der Superheldenstories auf den Kopf zu stellen.

Um das jedoch genießen zu können, muß der Kopf frei sein, muß man Willens sein, sich auf diesen oft sehr philosophischen Diskurs einzulassen, der zwar Action und Gewalt einschließt, diese aber kaum zu Unterhaltungszwecken gebraucht, sondern die Geschichte damit ergänzt. Charakterisierung und Motive sind wichtiger als der Plot, den Snyder jedoch nie vergißt, auch wenn er streckenweise in den Geschichten der Figuren untertaucht.
Das Gesamtbild, was sich ergibt, ist überraschend komplex und erst wenn man den ganzen Film gesehen oder erlebt oder überstanden hat, kann man begreifen, wie reichhaltig er sich allen Figuren widmet, die in ihm auftreten. Das Selbstzweckhafte großer Tricksequenzen findet hier kaum statt, zwar besteht der Film praktisch nur aus Tricks, doch die sind geschickt eingesetzt, um der Story dienlich zu sein und eine alternative Realität möglichst realistisch abzubilden und das so detailreich, daß man mehrfach jedes Bild studieren sollte.

Das wesentliche Problem liegt jedoch in der Relevanz, denn in den 80ern war dies so tiefschwarz wie modern pointiert, ein Vierteljahrhundert später hat der Film Probleme, eine Brücke in die Gegenwart zu schlagen, die zur tatsächlichen weltpolitischen Situation paßt. Das Dekonstruieren von Heldenbildern in Bezug auf Größe, Güte, Gerechtigkeit, sexueller Potenz, Aufrichtigkeit und Zielsetzungen ist zum Glück zeitlos, aber ohne die thematische Nähe richtet sich die Qualität des Werks eher auf die eines erzählerischen Gesamtkunstwerks aus, das für sich allein steht und eine untypische, aber niemals unwichtige Geschichte erzählt, so fremd wie real.
Für das Publikum jedoch wird so aus dem Film ein Persönlichkeitsdrama, weniger ein Unterhaltungsfilm, was das teilweise Scheitern des Films an den Kinokassen begründet - der typische Effektfilmfreund läßt sich ungern auf Gedankenspielereien ein, die komplizierter sind als das Entlarven von überrumpelnden Plot Twists. Das hier ist komplexes Charakterkino, das realistische Dramen zeitweise weit hinter sich läßt, aber eben nicht als Event genossen, sondern als schwierige Studie erarbeitet werden muß.

An Höhepunkten mangelt es dem Film aber trotzdem nicht, der die Gebrochenheit der Hauptfiguren durchaus mit einem ikonenhaften Anstrich versieht. Die Dimension der Sichtweise eines Dr.Manhattan ist so monumental, das er unser Scheitern an ihm als sein eigenes erklärt, ein Wesen, dem die eigene Welt zu durchsichtig, langweilig und unwichtig geworden ist. Ozymandias superreicher Monopolist trägt eine eisige Aura von abgründiger Größe mit sich herum, während der psychopathische Rorschach, dessen Maske ständig vor sich hinmorphende Tintenkleckse statt eines Gesichts abbildet, stets kurz vor der infernalischen Explosion bzw. Implosion steht.
Der "Comedian" kommt als nie zu erforschendes komplexes Enigma daher und es bleibt den "menschlichen" Helden "Night Owl" und "Silk Spectre" zu, eine Verbindung zum Publikum herzustellen, die mit Verständnis nur unzureichend umschrieben wird, sie tragen noch am ehesten die Züge von Menschlichkeit, die man mit dem Superheldentum verbindet.

Ohne jetzt in eine schier endlose Detailschilderung verfallen zu wollen, empfehle ich den Film als Erfahrung, an der man arbeiten muß, um sie in all ihren Facetten genießen zu können, je nachdem welcher Seite der Geschichte oder der Präsentationsform man sich zuwendet. So futuristisch wie altmodisch, so flüssig erzählt wie umständlich konstruiert, so abgründig wie uns allen nah, blüht der Film vermutlich mit jedem Sehen auf, doch es mangelt in letzter Instanz an einem Grund, einer ansteckenden Verbindung, einem zündenden Element, die Komplexität der dunklen Sache mit einem solchen Enthusiasmus anzugehen, wie es die Fans etwa von "Fight Club" taten.
Das wird dieser gewissen Genialität von Moores Buch als Snyders Film jedoch immer im Weg stehen.
"Watchmen" ist eine erhabene, dankbare, reichhaltige Arbeit - Finchers Film war ein fiebriger Adrenalinrausch, dem folgt man leichter.
Lohnen tut sich beides. (8/10)

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