Review

„Es musste wohl irgendwann so kommen...“ (Dürften auch Comicvorlagen-Autor Alan Moores Gedanken gewesen sein.)

Er galt als unverfilmbar, sein Autor Alan Moore sprach sich seit jeher gegen eine Verfilmung aus, Zack Snyder tat es trotzdem: Nach „300“ wagte er sich an einen weiteren Comic und knöpfte sich ausgerechnet das von Moore geschriebene und von Dave Gibbons gezeichnete Comic-Epos „Watchmen“ aus den Jahren 1986 und ’87 vor, dessen satte 160 Minuten lange Fassung 2009 in die Kinos kam. Ein über dreistündiger Director’s Cut und ein 215-minütiger Ultimate Cut folgten. Ich sah „nur“ die Kinofassung und zähle zu jenem kulturlosen Pöbel, der – trotz Comic-Affinität – die Graphic Novel nie gelesen hat. Das ermöglicht es mir, den Film rein als Film zu betrachten, verhindert aber Vergleiche zur Vorlage.

„Was ist nur mit uns geschehen?! … Und mit dem amerikanischen Traum?“ – „Was? Mit dem amerikanischen Traum?! Der ist wahrgeworden!“

Die Geschichte nahm einen anderen Verlauf: Richard Nixon befindet sich in den 1980er-Jahren in seiner x-ten US-Präsidentschaft. Der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion steht kurz davor, die längste Zeit kaltgewesen zu sein. Und es gab die „Minutemen“, eine ab Ende der 1930er-Jahre bestehende Superheldengruppe, nach deren Vorbild sich später die „Watchmen“ formten. Diese Art Vigilantentum wurde jedoch von der US-Regierung verboten. Edward Blake alias Der Comedian (Jeffrey Dean Morgan, „Dead & Breakfast – Hotel Zombie“), ein ehemaliger Minuteman, der John F. Kennedy erschoss und zuletzt für die Regierung arbeitete, wird von einem unbekannten Täter ermordet. Watchman Rorschach (Jackie Earle Haley, „Die Bären sind los“), der unerkannt und zurückgezogen von der Öffentlichkeit lebt, glaubt an eine Verschwörung gegen Superhelden und informiert seine ehemaligen Kollegen darüber: Nite Owl II alias Dan Dreiberg (Patrick Wilson, „Hard Candy“), der mittlerweile Millionär ist und die alten Zeiten vermisst, Silk Spectre II alias Laurie Jupiter (Malin Akerman, „Nach 7 Tagen – Ausgeflittert“), die mit dem Heldentum abgeschlossen hat und mit Dr. Manhattan alias Jon Osterman (Billy Cudrup, „Big Fish“), seit einem Unfall ein Übermensch, liiert ist, sowie Ozymandias alias Adrian Veidt (Matthew Goode, „Match Point“), der offen mit seiner ehemaligen Geheimidentität umgeht und sie finanziell überaus einträchtig vermarktet. Er ist der nächste, auf den es der Attentäter abgesehen hat, dieser scheitert diesmal jedoch. Wer zur Hölle ist aus welchem Motiv heraus hinter den ehemaligen Superhelden her?

„Ich bin kein Comic-Bösewicht!“ (Äh… doch.)

Bereits der Prolog hat es in sich: Präsi Nixon, sowjetische Bombentests, eine TV-Talkrunde über die Gefahr durch die UdSSR. Der Comedian zappt durchs Programm, wird überfallen, wehrt sich, verliert den in Zeitlupe dargestellten Kampf trotz übermenschlicher Stärke jedoch. Bob Dylans „The Times They Are a-Changin’“ erklingt als Titelmelodie und der meisterhafte Vorspann gerät zum Schnelldurchlauf durch die Jahrzehnte ab 1940. All das macht Lauen und sehr neugierig auf den Film. Rorschach tritt auch als aus seinem Tagebuch zitierender Off-Erzähler in Erscheinung, der seine Motive erläutert und dadurch dem Film ein klassisches Film-noir-Stilelement angedeihen lässt. Es stellt sich nach und nach heraus, dass der Comedian ein Sexist und Frauenschläger, sogar ein Mörder war, Rorschach ein erzreaktionärer und sadistischer Selbstjustizler ist und Dr. Manhattan dem Aggressor im Vietnamkrieg zum Sieg verhalf. Eine ganz üble Truppe also, die ausgeschaltet gehört. Wir haben es mit einem Anti-Superheldenfilm zu tun, der die Schattenseiten vermeintlichen Heldentums – Aushöhlung des Rechtstaats und der Gewaltenteilung, Machtkonzentration usw. – aufzeigt. Das ist insbesondere vor dem Hintergrund interessant, dass die Comics ans Ende des Bronze age of comic books anschlossen.

Es geht um nicht weniger als um den Atomkrieg, auf Soundtrack-Ebene von Nenas unkaputtbaren „99 Luftballons“ unterstrichen – und zwar in der deutschsprachigen Version. Snyder inszeniert seinen Film als Neo-noir-Spektakel mit diversen Rückblenden und deftigen Gewaltspitzen, denen er, so heißt es, gegenüber der Comicvorlage sogar weitere hinzudichtete. Als Beispiel sei genannt, dass eine Watchwoman und ein Watchman brutal eine Straßengang zermetzeln. Jegliche Verhältnismäßigkeit ist aus den Fugen geraten. Off-Kommentare Dr. Manhattans läuten dessen Hintergrundgeschichte ein, die mit tollen Spezialeffekten bei dessen Erlangung übermenschlicher Kräfte einhergeht und dem Film nach Rorschachs eine weitere Erzählperspektive hinzufügt. Anschließend wird Rorschachs Vergangenheit aufgedröselt. Das bremst die eigentliche Handlung natürlich aus, funktioniert über weite Strecken narrativ dennoch gut.

Obwohl es sich bei den Watchmen um Verbrecher handelt, bekommt man zumindest einen heldenhaften Einsatz dennoch zu sehen, ebenso ein bisschen Sex und (für einen (vermeintlichen) Superheldenfilm jedoch erstaunlich viel) Gesplatter. Silk Spectre II trägt zudem einen sexy Dress. An Schauwerten mangelt es dem Film sicher nicht. Problematisch wird’s, als plötzlich Rorschach zum Opfer wird, mit dem man aufgrund der manipulativen Dramaturgie mitzufiebern beginnt. Die durchästhetisierten, Superheldenverfilmungs-typischen Kämpfe mit Zeitlupen und ähnlichen Stilübungen wirken unpassend und profan und aufgrund einer mangelnden Psychologisierung bleibt die Spannung irgendwann auf der Strecke. Ein Passwort wird absurd leicht erraten, um die Handlung weiter voranzubringen, und ein ach so großer Aha-Effekt auf dem Mars, durch den eine Vaterschaft geklärt wird, verpufft, da dies für die Handlung völlig irrelevant ist, aber dennoch als Schlüsselmoment inszeniert wird. Es folgt eine extrem schwülstige Rede Dr. Manhattans dazu.

Glücklicherweise bekommt der Film durch eine geniale Wendung doch noch die Kurve und präsentiert ein fast schon verstörend zynisches, wenn auch gegenüber dem Comic offenbar in seiner Entstehung abgewandeltes Ende (Achtung, Spoiler: Weltfrieden durch Atomkrieg), das dem Stoff angemessen ist. Snyders „Watchmen – Die Wächter“ wirkt auf mich wie ein sehr ambitioniertes und aufwändiges Projekt, das einige inszenatorische Schwächen aufweist und zudem daran scheitert, die Introspektive und damit verbundene Pausen, für die Bücher – auch Comics – naturgemäß mehr Raum bieten, zu adaptieren und damit Möglichkeiten zum Durchatmen zu schaffen. Dadurch wiederum wirkt der Film indes trotz seiner Überlänge sehr kompakt, aber eben auch stark komprimiert. Seine Verhandlung mit Vigilantentum verbundener moralischer Fragen und Gefahren bekommt er transportiert, die damit verbundene Tragik scheint mir hinter der Neo-noir-Bildgewalt jedoch zurückzustehen.

Ich ahne anhand dieses Films so oder so, dass der Comic wirklich etwas Großes sein muss und werde versuchen, diese klaffende Bildungslücke alsbald zu stopfen.

Details