Der zweite James Bond – Film gilt allgemein als einer der spannensten und als derjenige, der die Atmosphäre des Kalten Krieges am besten einfängt. Tatsächlich passt die Bezeichnung „Spionagethriller“ hier besser als auf alle anderen 007 – Abenteuer. Hier gibt es keinen einzigen Superschurken wie im Vorgänger sondern Bonds Gegner ist hier erstmals die internationale Terrororganisation SPECTRE (zu deutsch PHANTOM), die ihn noch einige Jahre und Filme beschäftigt halten sollte.
Interessant hierbei ist, dass diese Gruppe in Ian Flemings Romanreihe erst später in „Feuerball“ auftaucht (obwohl die Reihenfolge bei den Verfilmungen völlig unbeachtet blieb kam auch bei Fleming „Feuerball“ erst nach „Liebesgrüße aus Moskau“) und in dieser Geschichte eigentlich die sowjetische Spionageorganisation SMERSH verantwortlich war. Doch bemühte man sich hier wohl schon darum, die Russen soweit als möglich neutral zu halten (die Kubakrise fiel genau in die Vorbereitungszeit), was im Verlauf der Filmreihe auch fortbestehen sollte. Im Übrigen sei noch erwähnt dass man bereits Doktor No im Vorgängerfilm eine Verbindung zu SPECTRE hat erwähnen lassen, was in „Liebesgrüße aus Moskau“ zu Beginn auch bestätigt wird.
Nichtsdestotrotz ist „Liebesgrüße aus Moskau“ ein ebenso unterhaltsames Abenteuer wie „Dr. No“. Die Story, reich an Spionage, Mord und Täuschungsmanövern, wirkt durch ihren etwas stärkeren Realismus etwas ausgereifter und ist durchsetzt von Suspence – Momenten, angefangen bei der Vortitelsequenz (die erste in der 007 – Reihe) mit dem Mord an James Bond über den Umstand, dass der Secret Service und James Bond bis zum Schluss unwissend über das SPECTRE – Komplott bleiben bis zur damit zusammen hängenden Begegnung zwischen Bond und dem Killer Red Grant. Der Zuschauer weis hier stets mehr als der Held bzw. um die Gefahren die ihm drohen, was sicher der Grund dafür ist, dass „Liebesgrüße aus Moskau“ bis heute als der wohl spannenste Bond – Film anzusehen ist.
Des weiteren fallen hier aufgrund des höheren Budgets die Action – Sequenzen spektakulärer aus als im Vorgänger. Das Highlight hierbei ist sicher der Hubschrauberangriff auf James Bond, der zwar sichtlich von Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“ abgeguckt ist, aber dennoch dank halsbrecherischer Stunts äußerst packend wirkt. In dieser Szene insb. aber in der darauffolgenden kurzen Boots – Verfolgungsjagd kommt auch reichlich Pyrotechnik zum Einsatz.
Auch die Zahl der Schauplätze ist erhöht und damit der später bei 007 obligatorische Schauplatzwechsel eingeführt worden. Nach Istanbul führt die Handlung durch den Orient - Express bis nach Venedig.
In Punkto Darsteller konnte man das Niveau von „Dr. No“ halten. Sean Connery als James Bond steht ja außer Frage. Pedro Armendariz (der aufgrund seines Krebsleidens kurz nach Drehschluss Selbstmord beging) gibt eine recht interessante Performance ab, während Daniela Bianchi als ebenso hübsche wie ahnungslose Agentin eins der schwächeren Bond – Girls ist
Das Arsenal an Bösewichten hat sich diesmal auf zwei erhöht. Lotte Lenya als hässliche, verbiesterte, skrupellose Ex – KGB – Leiterin (und Kampflesbe) Rosa Klebb stellt wohl den bisherigen weiblichen Höhepunkt in der Schurkengalerie der Bond – Filme dar. Nicht weniger fies wirkt Robert Shaw als, ebenfalls homosexueller, blonder Profikiller Red Grant. Dieser ist mit seiner individuellen Liquidierungsmethode (Strangulieren mit, in der Armbanduhr verstecktem, Faden) auch der Prototyp des Kleinbösewichts oder auch Unterschurke genannt, die wirklich physisch gefährlichen Gegner für James Bond, die aber nur Lakaien der eigentlichen Schurken sind. Die heute bekannte Verteilung, Ober- und Unterschurke, sollte aber erst im nächsten Bond – Film etabliert werden.
Mit Red Grant kommt es schließlich auch zu dem berühmten Zweikampf im Zugabteil des Orient – Expresses, die wohl berühmteste Filmschlägerei in einem Zug und ein Motiv, dass bei James Bond noch öfters variiert wurde. Diese Kampfszene war seinerzeit aufgrund von Peter Hunts rasantem Schnitt revolutionär und Maßstab setzend (dies allerdings auch in Sachen Brutalität, was einige hitzige Debatten über die Kindertauglichkeit von James Bond aufwarf).
Damit zusammenhängend kommt bei „Liebesgrüße aus Moskau“ auch James Bonds erster sog. „Gadget“ (gleich technische Spielerei, „Geheim-„ oder „Superwaffe“) zum Einsatz. Der berühmte Aktenkoffer mit versteckten Kugeln, Goldstücken, einem zerlegbarem Gewehr und Tränengaspatrone. Dieser kam beim Publikum so gut an, dass 007 fortan mit noch viel ausgeflippteren Gerätschaften ausgestattet wurde. Im Gegensatz zu diesen war der Aktenkoffer noch recht nahe an der Realität. Im übrigen hat Desmond Lewellyn in „Liebesgrüße aus Moskau“ seinen ersten Auftritt als Waffenmeister; die Bezeichnung Q gab’s aber erst einen Film später.
Wenn es etwas an „Liebesgrüße aus Moskau“ zu kritisieren gibt, dann die Tatsache, dass der Film über keinen echten Showdown verfügt. Er bietet einige aneinandergereihte, eher kurze Action –Sequenzen anstatt eines großen Finales. Etwas was in der Form bei James Bond nicht mehr vorkommen sollte, doch schmälert es den Unterhaltungswert nicht wirklich.
„Liebesgrüße aus Moskau“ ist also ein weiteres amüsantes, spannendes und somit unterhaltsames Abenteuer des britischen Superagenten, das die Jahre gut überdauert hat (über technische Belange wie schwache Rückprojektionen sehen wir mal hinweg).
8 / 10