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Eine russische Verschlüsselungsexpertin hat sich unsterblich in das Foto von James Bond verliebt, und will deswegen überlaufen. Im Handgepäck eine russische Verschlüsselungsmaschine, nach der sich der Westen schon lange sehnt. Eine Falle ganz klar, aber es könnte natürlich auch was dran sein. Also wird James Bond nach Istanbul geschickt, Überläuferin und Verschlüsselungsmaschine zu besorgen. Dass hinter der Sache gar nicht die Russen stecken sondern eine viel mächtigere Organisation, die West und Ost geschickt gegeneinander ausspielt, das merkt selbst der gewiefte Bond nicht.

Das Genre des Euro-Spys, in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre einige Zeit ziemlich beliebt, finde ich ja eigentlich ganz knorke. Beileibe nicht alle Filme, aber doch so einige Streifen sind flotte und auch heute noch gut unterhaltende Reißer im Fahrwasser des großen James Bond. Aber wenn man sich dann nach langer Zeit mal wieder einen frühen Bond anschaut, dann erkennt man doch recht schnell den Unterschied zwischen dem teuren Original und der billigen Kopie. Und damit meine ich nicht nur die herausragenden Schauspieler, die LIEBESGRÜSSE bevölkern! Die auch, ganz klar, aber vor allem lässt Terence Young sich die Zeit, seine Geschichte auch wirklich zu erzählen. Er schickt den Helden nicht einfach nur durch die Weltgeschichte, mondäne Schauplätze abklappern, Schurken wegputzen und Mädels vernaschen, als Tour de Force von Actionszene zu Techtelmechtel und wieder retour. Ganz im Gegenteil werden in LIEBESGRÜSSE sogar die Beziehungen zwischen den Figuren beleuchtet. Dem Mann des türkischen Geheimdienstes zum Beispiel, Ali Kerim Bey, wird mit wenigen und einfachen Anekdötchen ein komplettes Hintergrundbild gegeben, das die Freundschaft zu Bond in ein warmes und angenehmes Licht taucht, und die Figur sehr menschlich und real werden lässt. Oder die Überläuferin, Tatiana Romanova, die nicht nur eine von vielen Bettgenossin Bonds ist, sondern bei allen plakativen und zur Schau getragenen Liebesschwüren trotzdem eine recht komplizierte Beziehung zu Bond hat, dem der Job hier ganz klar vor dem Sex rangiert. Menschliche und emotionale Dinge eben, und nicht nur technokratisches Einerlei.

Und wenn man sich dann noch vor Augen hält, dass alle diese Merkmale guter Filmunterhaltung nicht nur von den Euro-Spy-Kopien ignoriert werden, sondern gerade auch von den späteren Bond-Filmen, die allerspätestens ab den 70ern genau diese Punkte wegließen und sich mehr oder weniger auf ein Haudrauf- und Gadget-Feuerwerk konzentrierten, dann ist ein Film wie LIEBESGRÜSSE erst recht etwas zum Wohlfühlen und daran wärmen. Eine einfache und spannende Geschichte, tolle und sympathische Schauspieler, ein einziger exotischer Schauplatz, gute Musik – Und völlig ohne Küchenpsychologie. Es könnte doch so einfach sein, einen erstklassigen und nach vorne losgehenden Agententhriller zu drehen. Und es hat auch seinen Grund, dass LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU sich wacker in meinen Top-3-Bonds hält …


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