Review

Ein kleines Dorf, weit abgelegen vom Hier und Jetzt, ohne Belang oder Relevanz stellt den Schauplatz gar mysteriöser Begebenheiten dar. Dort, wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen und Gespräche vor lahm gelegten Sinnen eine so hohe Einwirkzeit haben, dass man Monologe und Dialoge häufiger wiederholen, mehrmals den Sachverhalt erklären und extra langsam reden muss, um seinen Gegenüber, wenn auch nicht den Zuschauer zu verwirren, werden des Nachts tödliche Intrigen gesponnen und schauerliche Taten begangen. Nur ein Schritt dauert es, um aus dem scheinbar nur einzigen öffentlichen Gebäude, dass als Fokus des Lasters natürlich ein Amüsierviertel namens "Red Pearl Saloon" darstellt, aus der Sicht der Beteiligten hinaus in die finstere, nur in Umrissen noch sichtbare Landschaft zu geraten. Ein Schritt zwischen Leben und Tod, zwischen der Ungewissheit, wer hinter all dem abgründigen Treiben und warum überhaupt steckt und der Vorahnung des sicheren Dahinscheidens.

Ein sehr begrenzter Schauplatz, nur unwesentlich ausgeleuchtet und auch anderweitig nicht mit der Schönheit formvollendeten Geschmackes oder wenigstens dem Prunk voller Geldtaschen dekoriert stellt den perfekten Rahmen für das entseelt abgestorbene Nichtgeschehen unerwünschter Beobachter dar. Eine fruchtlose Einöde, minimalistischer Mikrokosmos, in der schon tagsüber die Sonne nicht wirklich scheint, und man sich statt wahrhaft glücklicher Erlebnisse lieber dem Wein, dem Weib, dem sporadisch auftauchenden Gesang und weiterer tiefen Verinnerlichung hingibt. Wie unter einem gläsernen Sarg ist man nach allen vier Ecken von der Außenwelt abgeschottet, ein Entrinnen aus der gewaltsamen Zentralisation von Amoralität bis hin zur Unzucht oder gar die Flucht nach vorn, hinaus in die Unbegrenzten Möglichkeiten nicht gegeben. Irgendeine Erinnerung an das Befreiende hat längst dem auch seelischen Exil der Gegenwart Platz gemacht, einem wie vorläufig eingerichtetes bizarres Nirwana der Verbannung. Genug Zeit für Stellungskrieg und Grabenkampf einer rituellen Geheimsprache [und eine unangenehm geschmacklose und auch unpassende Mondoeinlage, die man angesichts des sonst eher altmodischen Zusammenspiels nun wahrlich nicht gebraucht hätte.]:

Nachdem im und um der Niederlassung mehrere Toten aufgetaucht sind, entweder von Tigern zerfleischt oder von Tausendfüßlern zerbissen, wird der im Dienste des Philantrophen Kin Shan - fei [ Wang Hsieh ] stehende Jen - hu [ Leung Sau-Geun ] damit beauftragt, sich schleunigst an die Ermittlungen über diese nicht gänzlich zufällig erscheinenden Missetaten zu machen. Jen - hu hängt sich an die geheimnisvolle Besitzerin des lokalen Bordells, die von allen Männern begehrte Miss Red Ding - mei [ Lu Sen-Len ]; durch dessen gesteigerte Aufmerksamkeit er prompt seine Freundin in spe Da - nieu vergrätzt. Allerdings scheint auch Miss Reds Manager nicht wirklich von dem ständigen Aufenthalt eines schnüffelnden Rechercheurs begeistert zu sein, und die Zahl der Mordopfer bricht nicht ab.

"I want to thank God give me the centipede".
Rückblick samt Nostalgie im Gothischen Schauder schwarzromantischer Projektion. Eine Betrachtung von Seltenheiten, mal melodramatisch, mal unterschwellig, zuweilen reißerisch.
Wicked Wife ist trotz seiner vor allem finanziell arg begrenzten Opportunitäten zumindest und auch zuvorderst das geeignete Sprungbrett für allerlei Obskuritäten sowohl in der Narration als auch der dunstreichen Atmosphäre der ethnografischen Milieustimmung. Seltsam schöne Dinge für ein seltsames Publikum, in nicht ausgereifter und auch nicht unbedingt hingebender, aber wenigstens es versuchender und dort auch intuitiv das Wesentliche erfassender Art und Weise. Die von allem Anderen losgelöste Fremdenkolonie, in der die Mystik des Dunkels ebenso geliebt wird wie der streitsüchtige Akzent seelischer Komplexe, entwickelt sich in der formal vereinfachenden Inszenierung durch planning director King Ueng und executive director King Ming in eine sich selbst ernährende, wenn so auch sich selbst verzehrende Absonderlichkeit sozialer Einbettung, die spätestens zum Finale hin selber allen seinen vorher gemachten Aussagen misstraut.

Ein Reich des Verbotenen, mit Begierden, Ängsten und Schuld gesäumt, zwischen dämonischer Dramatik, monolithisch standhafter Emotionalität und essentialistisch konzeptualisierter Interessen, schlafwandlerisch oder doch halluzinatorisch. Mit einer seltsam eigenen Aneignung von Realität und sich ermächtigender Identität, faszinierend unbewusst eingekeilt zwischen der Geschichte des übernatürlich alten und des konkret vom Menschen ausgehenden neuen Schreckens.

Zwar ist das abgestumpfte Bild weitab von einem Kontrapunkt der Farben und Kompositionen oder auch außerhalb der Skala der Leidenschaften und Reichhaltigkeiten gehalten, punktet dafür aber gerade mit dem fehlenden kulturellen Konsens. Je mehr man erzählt und umso weiter man in die modrigen Untiefen der Geschichte, die der Höhle voll Verbrechen, eintauchen vermag, desto weiter entfernt man sich von der sonst üblichen Zunahme der Massenmedien und ihrer Kommunikation. Gerade weil man wie in einer zusammenhanglosen Anthologie die Trends der Moderne aufgreift, und sich in der Handlung nicht zwischen einem der damals beliebten Tierhorror - Spektakel, dem okkulten Ekelkino der Shaw Brothers, etwas Pulp - Mystery über eine Untergrundorganisation von Götzendienern, einem simplen whodunit mit Anleihen beim Wallace, einem low budget chop suey und der Drolerie über ein Schwulenpärchen entscheiden vermag oder diesem Gemenge auch nicht einzeln, sondern nur im absurden Verbund Kontur verabreichen kann, entsteht ein selbständiger Charakterzug der sonst nur im Delirium seiner abgesonderten Dimension funktionierenden Produktion. Eine ergänzende Wirksamkeit mehrerer Sicht- und Vorgehensweisen als schöpferische Instanz, wobei diese nicht in vollständiger Assimilation, sondern nur im ergänzenden Nebeneinander und dann aufgrund ihrer Kausalitäts- und Bewusstseinslücken auch bloß in Surrealität und Aberwitz florieren vermag.

Die Halbschatten - Repräsentation des nicht besonders schlüssigen, und trotz der Handvoll gelungen vermischter Ideen praktisch auch nicht sonderlich begeisternden Inhaltes wirkt die meiste Zeit aufgrund der gerade in der Dialogregie bis zu einem gewissen Grad schlichtweg inaktiven Fabulierlust absolut alltäglich und eben doch nicht vertraut. Da ist es in einem derart aufnahmebreit offenen, wenn auch akzentfreien und mehrmals die innere Konsistenz zerreißenden Sujet schon fast Schade, dass nicht noch zusätzlich zu einem Singspiel ausgeufert und nur einmal, wie als poetischer Test zu einer einschmeichelnden Mandopop - Weise angestimmt wird.

Details
Ähnliche Filme