Optisch macht "The International" richtig Eindruck. Getreu dem Titelmotto wechseln die Standorte mit beinahe jeder Szene und versetzen den Betrachter in die Welt des "Big Business". Riesige, glänzende Fassaden vermitteln dabei nur Eines - hier werden die richtig großen Geschäfte gemacht. Ehrfurchtgebietend führen endlose Gänge zu einer sehr attraktiven Sekretärin, die einem Zerberus gleich den Zugang zum Allerheiligsten - den Räumen der großen Bosse - bewacht. Wer hier vorbei will, muss dafür sehr gute Argumente mitbringen.
Genau an diesen arbeitet Louis Salinger (Clive Owen), seines Zeichens Interpol-Agent, und auf der Spur eines großen Falls von illegalem Waffenhandel und Geldwäsche. Angesichts der Rahmenbedingungen kann dieser Fall nur groß sein, denn wo so viel finanzielle Macht zusammenkommt, muß auch das Verbrechen von ebensolcher Wichtigkeit sein. Regisseur Tom Tykwer kam für die Vermarktung des Films die internationale Finanzkrise entgegen, da der Film sich scheinbar hellseherisch den kriminellen Machenschaften auf den obersten Chefetagen widmete. Diese realen Vorgänge und der optische Overkill des Films übertünscht, das "The International" letztlich nur eine kleine und wenig bedeutungsvolle Geschichte erzählt.
Von dem Zusammenbruch der Finanzmärkte konnte Tykwer nichts wissen, aber die optischen Mittel werden so stark in den Vordergrund gedrückt, als ob er geahnt hätte, dass die Story selbst diese Größe nicht mitbringt. Natürlich geht es um viel Geld, um Macht und Beziehungen, aber eine direkte Gefahr vermitteln diese eher abstrakten Vorgänge nicht. Wer sich in die Konstellation hineindenken kann, mag daraus Schlüsse ziehen über die wahren Machtverhältnisse in der Welt und die damit verbundenen Gefahren. Aber Tykwer selbst traut diesem Thema nicht, weshalb er sich lieber den Protagonisten widmet und der sie bedrohenden tödlichen Gefahr.
Gleich in der ersten Szene am neuen Berliner Großbahnhof wird ein Agent ermordet - eine Tat, die dem Film die Richtung vorgibt. Anstatt sich dem sperrigen Thema Wirtschaftsverbrechen wirklich zu nähern, verliert sich der Film in konspirativen Treffen, Vertuschungsversuchen und diversen Attentaten auf die Agenten, denen zur besseren Nachvollziehbarkeit natürlich auch mehrfach eine letzte Warnung unterbreitet wird. Tom Tykwer inszeniert diese Vorgänge sehr gefällig und professionell in der Umsetzung und erzeugt damit in einigen Szenen wie etwa dem Attentat auf den italienischen Politiker oder dem langen Schusswechsel im New Yorker Guggenheim Museum abwechslungsreiche Unterhaltung. Doch letztlich bleibt der Film eine optisch schöne Mogelpackung, die - wenn man sie ernst nehmen wollte - regelrecht ärgerlich ist.
"The International" fehlt die Eigenständigkeit, wenn man einmal davon absieht, dass er sich in vielen Genres geschickt bedient. So attraktiv die hier im Mittelpunkt stehende Architektur auch ist, so wenig originell sind die gewählten Schauplätze. Frank Lloyd Wrights Museum-Unikum, dass er kurz vor seinem Tod in seiner Heimatstadt New York (nach jahrzehntelanger Verweigerung) baute, ist die naheliegendste Wahl für den Dreh- und Angelpunkt einer Story. Doch außer das Tykwer die Rothunde im Inneren des Gebäudes für einen spektakulären Schusswechsel nutzt, bleibt deren Symbolik genauso hohl wie die gesamte Handlung. Letztlich wirkt die Nutzung so großartiger Orte wie ein Missbrauch, um dem Film erst Bedeutungsschwere zu geben.
Neben dem optischen Raubbau erinnert "The International" auch an die Polit-Thriller der 70er Jahre, mit ihren düsteren Visionen über den Missbrauch von politischer und wirtschaftlicher Macht. Vieles von dem, was damals als Paranoia abgetan wurde, hat sich inzwischen als wahr herausgestellt, aber selbst wenn diese Filme im Detail übertrieben hatten, konnten sie ein Gefühl für eine unmittelbare Gefahr vermitteln. Das gelang deshalb, weil sie im Kleinen blieben, meist ganz nah an den Personen, die sich auf den Kampf gegen einen übermächtigen Gegener einliessen.
Genau diese Nähe lässt Tykwer aber nicht zu. Vielleicht wollte er auch bestimmte Klischees nicht bedienen, indem er Salinger keine Beziehung zu dessen Kollegin Eleanor Whitman (Naomi Campbell) andichtete, aber eine persönlichere Charakterzeichnung hätte dem Film gut getan, um ein kleines Gegengewicht zu der sonstigen optischen Größe herzustellen. "The International" bleibt in seiner Aussage deshalb diffus und wenig aussagekräftig, weil seine Größe und die Bedeutungsschwere der Story aufgeblasen wirkt, während der Film im Kleinen nicht persönlich genug wird.
Mit "The International" sollte ein Film entstehen, der ein anspruchsvolles Gegenwartsthema mit einer professionellen Machart verbinden sollte - Gesellschaftskritik meets Actionkino. Handwerklich ist das gelungen, aber inhaltlich misslungen und das profane Ende, dass den kritischen Ansatz billig an Mafia-Klischees verschenkt, bedeutet letztlich die Kapitulation (3/10)