Wenn ein eher emotional eher künstlerisch ausgerichteter deutscher Regisseur wie Tom Tykwer daran geht, einen internationalen Thriller zu inszenieren (lies: Euro-Pudding, wie der Ami spöttelt), der noch dazu einen wirtschaftskritischen Hintergrund besitzt, dann erwartet man dabei fast schon zwangsläufig eine öde und verkopfte Angelegenheit und keinen Film, den man auch mal genießen kann.
Um so erfreulicher, daß dem Regisseur mit "The International" eine Co-Produktion gelungen ist, die deutlich den Geist der italienischen Mafiafilme der 60er und 70er atmet, in der einzelne und aufrechte Individuen einen eigentlich von vornherein hoffnungslosen Kampf gegen einen unbekannten, nicht lokalisierbaren und übermächtigen Gegener kämpfen, aus dem sie am Ende zumeist geschlagen oder gar tot hervorgingen.
Eine derart hoffnungslose Perspektive ist im Unterhaltungszeitalter inzwischen sowohl unmodern wie auch unerwünscht geworden, denn abseits gewisser interessierter Arthauskreise hat man in den Produktionsstätten schon seit langem auf pflegeleichte Kunstprodukte unbeschwerter Unterhaltung umgesattelt, manchmal zwar grimmig, aber nie wirklich mit einem Bein in der wirklichen politischen Gegenwart.
Nun kann man nicht sagen, daß das Sujet von "The International" wirklich in der Realität verankert wäre. Zwar geht es um eine sogenannte "Bad Bank", ein fiktives luxemburgisches Kreditinstitut, aber den Teufel steckt nicht in miesen oder aufgeblasenen Wertpapieren oder Steuerbetrug, sondern in vorgeschobenen großen Waffengeschäften, die kleine oder arme Länder in Krieg oder noch mehr Armut stürzen können, auf das man sie daraufhin mittels ihrer Geldschulden in die eine oder andere Richtung lenken kann. Geld regiert die Welt und selbst ohne übt man heute den größten politischen Druck aus - ergo gerät die Fahndung des Interpolmannes Louis Salinger zum Schattenfechten mit der Hydra. Der engagierte ehemalige britische Polizist hat sich und seine Gesundheit im Kampf gegen die Finanzkrake längst begraben und fährt mit seiner Kollegin Eleanor ein einsames Rennen auf aussichtsloser Position.
Der Plot besteht eigentlich aus einem Wettrennen gegen den nebulösen Gegner, bei dem sich immer wieder Schwachstellen auftun, die man aber trotz eines fast weltweiten Einsatzes niemals richtig ausnutzen kann, schickt die Bank doch stets so schnell ihre Killerkommandos, das man ihrer nicht habhaft werden kann. Zeugen verschwinden, Politiker werden ermordet und selbst als man den Killer selbst im Visier hat, ahnt man schon, daß es auch für diesen kein Entkommen geben wird, handfeste Beweise soll es niemals geben.
Tykwer inszeniert diese kontinentale Jagd von Hase und Igel wie einen europäisch-amerikanischen Bilderbogen für Tourismus-Interessierte, hetzt die Kamera von Deutschland über Frankreich nach Italien, von der Türkei bis nach New York und wieder zurück. Die Großstädte erweisen sich dabei stets als Brutstätten des diffusen Finanzwesen, obwohl auch die freie Natur hier in gewisser Weise zur Todesfalle werden kann. Präsentiert werden die Städte nicht selten anhand von Sehenswürdigkeiten rund um ihren Finanz- und Justizdistrict, der normale Mensch erscheint zwischen alter und hypermoderner Architektur praktisch verloren klein oder isoliert in der gläsernen Kühle transparenter Büros.
Dazwischen läuft im Film ein brutaler Krieg ab, der schlußendlich in einer fast schon exzessiven Schießerei im New Yorker Guggenheimmuseum kulminiert, in deren Verlauf nicht nur ein gutes Dutzend Menschen im Kugelhagel sterben, sondern auch der komplette Hort der Kunst demoliert wird.
Aber, und das ist Tykwer wohl klar, sind nur Scharmützel, so daß am Ende eine zynische Pointe verbleibt: wenn du den Krieg nicht gewinnen kannst, dann mach ihn wenigstens so schmutzig wie möglich. Behörden und Institutionen bleiben am Ende zurück, der Griff zur notwendigen Selbstjustiz (bzw. die Förderung einer radikalen Vertuschung von dritter Seite) ist das einzige Mittel, um überhaupt einen Existenzgrund nachweisen zu können.
Damit wirkt "The International" trotz versierter Filmarbeit und latenten reellen Bezügen dann doch zu nihilistisch, um selbst im technologischen Hier und Jetzt wirklich bestehen zu können, aber die Betrügereien der Finanzwelt sind dann am Ende doch zu abgehoben und dröge, um mehr als Dokumentationen aus ihnen machen zu können.
Tykwers Film blieb jedoch ein aus der Zeit gefallenes Einzelstück, das schon zu viele als zu schwer und nicht mehr goutierbar hielten, das seine politischen Filmzeit um diverse Jahre hinterher lief und schon von anderen Thematiken überholt worden war. Daß der Film als Thriller vor allem visuell ausgesprochen gut funktioniert und einen nötigen bitteren Nachgeschmack hinterläßt, kann bei der ausgewogenen Nahrungsersatzstoffgeschmacklosigkeit moderner Kinoware jedoch als Lob durchgehen. (7/10)