Ein spannender Polit-thriller über die undurchsichtigen Geschäftspraktiken einer europäischen Großbank mit ihren weltweiten Verflechtungen ist Tom Tykwer 2009 mit The International gelungen.
An den Schauplätzen Berlin, Mailand, New York und Istanbul - um nur einige zu nennen - wird die akribische Arbeit eines Interpol-Agenten und einer Staatsanwältin gegen ein mächtiges Geldinstitut dargestellt, welches auf allen Ebenen gegen die Ermittlungen arbeitet und erst ganz zum Schluß eine Niederlage einstecken muß.
In eindrucksvollen Bildern von glänzenden Fassaden, schwarzen Limousinen und raffinierten Morden entsteht das Bild eines übermächtigen Gegners, der sich aller Möglichkeiten bedient, im Dunklen zu bleiben. Demgegenüber stehen zwei tapfere Ermittler, die nicht nur mit Heckenschützen und Mordkommandos, sondern genauso mit beeinflussbaren Vorgesetzten und trägen Kollegen zu kämpfen haben. Dabei werden in angenehm unaufdringlicher Weise die Praktiken solch international agierender Geld-Konzerne beleuchtet, wie beispielsweise die Belieferung zweier Kriegsparteien mit Waffen, ohne daß die jeweils andere Seite davon weiß. Auch die Unterstützung eines Militärputsches in einem Entwicklungsland gehört dazu, welche nach außen medienwirksam als Kreditvergabe zur Förderung von Entwicklungsländern dargestellt wird. Dazu eine allgegenwärtige Korruption höchster Instanzen sowie, wenn dies nicht zum gewünschten Ziel führt, der Einsatz von Hit-Kommandos, zur Not auch mehrerer, die mit Giftanschlägen oder automatischen Waffen sämtliche die Geschäfte störenden Personen beseitigen.
Sehr aufschlußreich sind auch die von Zeit zu Zeit eingestreuten Hinweise und fast schon zynischen Dialoge, etwa wenn Salinger den Berater Wexler mit seiner Stasi-Vergangenheit konfrontiert und dieser ihm ganz ruhig erklärt, wie er vom Kommunismus zum Kapitalismus gewechselt ist, und warum dies für ihn keinen Bruch darstellt. Auch die Einsichten des überarbeiteten Interpol-Agenten Salinger bezüglich der eigenen Möglichkeiten sowie sein Entschluß, das letzte Wegstück alleine zurückzulegen, sprechen für sich.
The International begeht nicht den Fehler, den stringent vorgetragenen Plot hinter allzuviel Action zu verwässern oder gar dadurch den roten Faden zu verlieren, was ihm aufgrund gewisser Erwartungshaltungen als Action-Thriller möglicherweise Kritik eintragen könnte.
Ganz im Gegenteil fokussiert sich der Handlungsstrang, kurz unterbrochen durch den meiner Meinung nach zu langen Shoot-out im Guggenheim Museum immer mehr auf den Vorstand der Bank, bis dieser gezwungenermaßen eine heikle Allianz mit einem Konkurrenten anstrebt, in dessen Verlauf er schlußendlich, wenngleich von unerwarteter Seite, dann beseitigt wird - nicht ohne dezent darauf hinzuweisen, daß damit nur ein ersetzbares Rädchen in einem riesigen internationalen Getriebe beschädigt wurde, was den "Fall" weder abschließt noch die Mechanismen des erwähnten "grauen Marktes" ernsthaft stört.
Was die Figurenzeichnung der Hauptdarsteller betrifft, so werden diese auf ein Minimum reduziert, gerade soviel wie man wissen muß, um die Ermittler in The International richtig einschätzen zu können. Natürlich würde sich gerade bei einem so einprägsamen Gesicht wie dem von Clive Owen ("Sin City") eine Nebenstory anbieten, wie man sie aus anderen, ähnlich gelagerten Filmen kennt: Der alleinstehende Ermittler, der mit seiner Arbeit verheiratet ist, beziehungsunfähig, dem Alkohol nicht abgeneigt etc., da liessen sich ein paar leere Whiskyflaschen, eine Nackte im Hotelzimmer oder ein auffälliger Sportwagen ganz gut platzieren, aber auf all diese Attribute verzichtet Tom Tykwer: Salinger bleibt ein Workaholic ohne Privatleben, der verbissen seinem Ziel, die Bank ins Visier der Anklage zu bringen, bis zum Schluß verhaftet bleibt. Die ihm assistierende Staatsanwältin Eleanor Whitman (Naomi Watts), so wird kurz angerissen, hat zumindest Ehemann und Sohn. Auf der Gegenseite werden der aalglatte Bankvorstand Skarssen (Ulrich Thomsen) ebenso wie sein Berater Wexler (Armin Mueller-Stahl) nur in ihren Funktionen für das Luxemburger Geldinstitut gezeigt.
Sucht man an diesem Banken-thriller das berühmte Haar in der Suppe, so fielen mir bestenfalls ein paar mehr technische Kleinigkeiten ein, die möglicherweise übersehen wurden, z.B. dauert die Schießerei im Guggenheim-Museum zu lange, bis endlich die Polizei kommt, außerdem sollte es dort eigentlich eine Security geben. Daß bei der Video-Konferenz Skarssen seinen kleinen Sohn nicht hinausschickt, sondern ihm im Gegenteil eine theoretische Frage stellt, ist nicht ganz nachzuvollziehen, auch der Umstand, daß die beiden ausländischen Ermittler die italienische Polizei erst aufs Dach führen und dort einen Fußabdruck nehmen lassen, ist angesichts der Vorgeschichte, daß sie erst durch Fürbitte überhaupt den Tatort betreten durften, nicht ganz schlüssig. Aber nichts von diesen oder anderen kleinen Unzulänglichkeiten zieht die hervorragende Story herunter.
Ich habe den Film kürzlich zum dritten Mal gesehen, und finde The International immer noch mitreissend und spannend. 8,9 Punkte.