Ein beachtliches Unterfangen wurde hier bewerkstelligt: Ein Nachruf, eine Ehrerbietung, eine Aufarbeitung. Thema: LUCIO FULCI
Hiermit hat der bedeutende italienische Regisseur posthum etwas geschafft, daß nur sehr wenigen Regisseuren international vergönnt ist: Ein Dokufilm einzig und allein über die eigene Person; im Form eines Fragemarathons. Die Kernfrage lautet hierbei, was die jeweils schönsten Erinnerungen an den Meister sind. Und wie zu erwarten, könnten die Reaktionen der Befragten nicht unterschiedlicher sein.
Die Befragten, daß sind hier eine Vielzahl von Mitarbeitern, Regiekollegen und Darstellern, welche Fulci über die Jahre begegneten, begleiteten und auch mal verärgerten.
Was sofort auffällt, ist der semiprofessionelle Charakter dieses Dokufilms, der genau genommen kein Film ist, sondern eine Ansammlung unzähliger aneinandergefügter Interview-Schnipsel. Und wenn man im DVD-Menü "play all" anwählt, fällt das auch richtig auf. Zwischen jedem Befragten dürfen wir erstmal 2-3 Sekunden Schwarzbild betrachten. Positiv zu erwähnen sind hier jedoch die "ID-Karten", die uns den jeweils folgenden Menschen mit Namen und Funktion im Filmgeschäft vorstellen.
Nun sehen wir also die Antworten dieser Leute auf die Ausgangsfrage: what is your fondest memory of Lucio Fulci?
Hier liegt aber direkt eine Schwäche des Konzepts. Viele Beteiligte haben nicht so wirklich Interessantes zu erzählen, bei anderen wiederum hätte man ein ausführlicheres Gespräch als viel wichtiger und wissenwerter empfunden. Da muß man realistischer Weise aber auch den Zeitfaktor berücksichtigen - wobei eine mehrteilige Dokureihe über Fulci natürlich auch erstrebenswert wäre! Wie auch immer, einige Leute hätte man sich sparen können, da die wirklich exakt 2 Sätze von sich geben und nach 4 Sekunden wieder aus dem Bild sind!
Die wichtigste Frage lautet natürlich: Bekommt der Zuschauer eine wirkliche Vorstellung vom Wesen Fulcis? Und das kann man glücklicherweise mit Ja! beantworten. Die anfangs leicht konträren Aussagen verweben sich am Ende zu einem recht exakten Bild des Meisters, welcher dem Kino so eng verbunden war, daß er seine Produktionen ohne Rücksicht auf Verluste durchackerte. Er schrie, beschimpfte die halbe crew und machte Druck, wo es nur ging. Warum?
Weil ihm seine Arbeit wichtig war, er trotz geringen budgets eine ordentliche Leistung vorzeigen wollte. Er wollte seinem eigenen Anspruch gerecht werden. Er liebte das Kino, gab alles für seine Arbeit und - was oft vergessen wird - stellte diese Arbeit über alles. Seine Gesundheit, gar seine Familie waren zweitrangig. Und zeitweise zeigte sich am set seine innere Spannung. Private Unglücksfälle wie der Selbstmord seiner Frau und seine spätere Krankheit (schwere Diabetis) prägten sein Schaffen. Umso beachtlicher, das er wohl trotzdem nie seinen Humor verlor (auch wenn dieser grundlegend recht schwarz bis gemeingefährlich gewesen sein soll). Ein Augenzwinkern nach der Rage, ein beachtliches kulturelles Wissen und eine väterliche Art gegenüber gewissen Schauspielern waren ebenso Fulci, wie sein "typisch italienisches" Gezeter bei den Dreharbeiten.
Und eine schmerzliche Erkenntnis wird hier durch die größtenteils italienischen Teilnehmer auch vermittelt: Der filmbesessene Meisterregisseur, der in allen genres brillierte, bekommt auch heute nicht die Anerkennung in seinem Heimatland, die er verdient...
Hat die Filmwelt nun auf diese DVD gewartet? Jein.
Für Fans, Fanatiker und Bewunderer des großen kleinen Mannes sicherlich eine extrem interessante Fundgrube. Als funktionierende, umgreifend informative und homogene Dokumentation muß man dieses Fanprojekt jedoch ehrlicherweise als disfunktional ansehen. Ein filmisches Muster ist nicht vorhanden, Form und Technik sind anstrengend bis nervig. Trotzdem: danke für diesen späten Einblick in das Denken und Arbeiten Lucio Fulcis.
6/10