1941 war so ein klein wenig so etwas wie der Beginn einer Zeitenwende im US-amerikanischen Kino. Die Zeit der großen Gesellschaftskomödien, vor allem auch der Screwball-Komödien, ging ganz allmählich zu Ende und machte vorsichtig einem Genre Platz, dass seinen Namen erst sehr viel später bekam, die Leinwände der 40er-Jahre aber mächtig beherrschte: Dem Film Noir. Krimis und Thriller, meistens in der Großstadt spielend (wobei es da auch ganz starke Gegenbeispiele wie z.B. MORD IN DER HOCHZEITSNACHT gibt), und rappelvoll mit zerstörten Figuren, oft genug aus den unteren Randbereichen der Gesellschaft. Die Kontraste sind hart (und damit sind nicht nur die Unterschiede zwischen den schwarzweißen Farben gemeint), die Action ebenso, es wird mit Schatten gearbeitet und die Handlung fand oft genug in ebendiesen Schatten statt. Was früher einmal gut und hell war, licht und fröhlich, wird jetzt zu düsteren und grausamen Epen von Mord und Totschlag, in denen oft genug Frauen die bestimmenden Elemente sind, und nicht mehr nur schmückendes Beiwerk.
I WAKE UP SCREAMING zum Beispiel, ein sehr früher Vertreter dieser wunderbaren Zunft. Der Sportpromoter Frankie Christopher sieht die junge und bildschöne Kellnerin Vicky Lynn und wettet mit seinen Freunden, dass er sie innerhalb eines halben Jahres groß rausbringen wird. Nun ja, der Film beginnt tatsächlich mit Vickys Gesicht auf der Titelseite der Zeitung – Als Mordopfer! Und Frankie sieht sich in einem vollgerauchten und düsteren Keller einer Gruppe Hardboiled-Cops gegenüber, die ihm das Geständnis seiner Tat am liebsten rausprügeln würden. Tun sie aber nicht, was Frankie die Möglichkeit gibt, den Fall selber aufzurollen. Der ermittelnde Polizist, Ed Cornell, stellt Frankie gnadenlos hinterher, ja er verfolgt Frankie sogar bis in dessen Schlafzimmer, nur um den Mord beweisen zu können. Dass Frankie und Vickys Schwester Jill da eine Affäre beginnen ist nicht unbedingt förderlich für Frankies Freiheit, wird damit doch Cornells These erst bestätigt. Und der will Frankies Schuld nachweisen, um absolut jeden Preis.
Aber warum ich mit diesen abgedroschenen Plattitüden eingeleitet habe? Weil I WAKE UP SCREAMING als Film an dieser Zeitenwende ideal ist um zu studieren, wie diese Änderungen denn aussahen. Er beginnt mit hohem Tempo und führt uns zwar zuerst einmal in einen Verhörkeller, dann aber mit dem gleichen Affentempo auch in das Nachtleben von New York. Wir begleiten die Reichen und Schönen bei ihren Vergnügungen, hören die Dialoge, die Frank Capra-Filme zu den verdienten Klassikern gemacht haben, und erwarten eigentlich in jedem Augenblick, dass Katherine Hepburn und Cary Grant um die Ecke biegen, um den Laden mit Charme und Champagner aufzumischen. Zwar wechselt dieser Eindruck des Öfteren, und irgendwann bleibt das Dunkel vorherrschend gegenüber diesen lockeren und leichten Szenen, aber es gibt immer wieder was zum Lachen, und die Dialoge zwischen dem getriebenen Jäger Cornell und dem selbstbewussten Opfer Frankie gehören zum Besten was ich in den letzten Jahren genießen durfte.
Überhaupt, dieser Cornell. Laird Cregar gibt den unerbittlichen und stoischen Polizisten mit einer Lust an der Grausamkeit, dass man zwangsläufig öfters einmal überlegt, ob der Mann nicht vielleicht recht haben könnte mit seiner Mordtheorie. Er dringt ungefragt in Frankies Schlafzimmer ein während dieser schläft, er versteckt sich in Jills Wohnung um das Stelldichein von Frankie und Jill zu belauschen, und alles im Namen von Recht und Ordnung. Ein widerlicher Cop, der seine eigene Obsession über alles andere stellt, und der sich nur wohl fühlt, wenn er andere Menschen demütigen und zerquetschen kann. Dass Frankie sich nicht so ohne weiteres demütigen, und noch viel weniger zerquetschen lässt, reizt Cornell nur noch mehr, stachelt ihn nur noch mehr an, Dinge zu machen, die mit Polizeiarbeit im herkömmlichen Sinne nicht viel zu tun haben. Und schon gar nicht mit Polizeiarbeit, wie sie in den Filmjahren davor dargestellt wurden. Warum der Journalist nicht verhört wird? Damit es keine schlechte Presse gibt. Und nur Frankie kann der Mörder sein, kein anderer! Ein manischer und angsteinflößender Riese mit der Lizenz zum Töten. In jeder Hinsicht gigantisch …
Und so bewegen sich der smarte Frankie und der getriebene Cornell durch eine artifizielle Landschaft aus Abgründen und Schatten. Die daneben fast sphärisch wirkende Betty Grable als Jill Lynn kann erfolgreich mithalten, ich persönlich finde aber die unterbewertete Carole Landis als Vicky, die sich irgendwann ihrer Marktmacht bewusst wird und sich aktiv auf ein Leben als Luxuskokotte einrichtet, erheblich stärker. Eine heißkalte Frau, eine frühe Femme Fatale, noch nicht in der Ausprägung späterer Noir-Zeiten, aber in ihrem verdorbenen und selbstsüchtigen Ansatz ist bereits alles vorhanden, was Gilda und Laura später auszeichnen wird. Kameramann Edward Cronjager findet für diese Mischpoke genau die richtigen Bilder, steckt Victor Mature gerne hinter schattige Gitter und lässt den Bildausschnitt auch mal ganz schwarz, um die Hilflosigkeit der zum Verhör geführten armen Schweine zu untermalen.
Wie gesagt, ein Film zwischen den Zeiten. Der die heitere Welt der Screwballs noch in sich trägt, die kommende Zeit der Düsternis und Brutalität aber bereits genüsslich vor dem Zuschauer ausbreitet. Großes und viel zu wenig bekanntes Kino, für Krimiliebhaber und Filmhistoriker ein absolutes Muss.