Review

Nur wenige Menschenleben bieten so viel Ereignisreiches, daß sich irgendwann irgendein Filmemacher ihrer annimmt und einen so langen Film über sie dreht, daß daraus ein Zweiteiler für das Kino wird.
Jacques Mesrine, legendärer Gewaltverbrecher aus Frankreich, ist so eine Figur, deren Taten ganze Bände füllen und die man schlicht und ergreifend in 90 Minuten nicht zu fassen bekommt.
Und darum versucht es Jean-Francois Richet in seinem Film „Public Enemy No. 1“ auch gar nicht erst, ein einigermaßen subjektiv-objektives Bild zu zeichnen, sondern gibt schon von vornherein zu, daß einiges an dem nun folgenden Film fiktional sein wird, doch recherchiert man ein wenig nach, so muß man ahnen, daß man sich bei den Ereignissen und Taten weitestgehend an die Realitäten gehalten hat, während Charakter und Motivation zu einem gewissen Rätselspiel verkommen, denn die Hauptfigur beschrieb sich angesichts seiner Popularität selbst in Büchern (was natürlich höchst individuell ausgefallen sein dürfte) und ist bereits 30 Jahre tot, so daß hier auf Spekulationen zurückgegriffen werden mußte, denn wer immer Mesrine auf seinem Weg begleitet, hat eine nicht zu unterschätzende Chance, im weiteren Verlauf getötet zu werden.

So mutet der Einsatz von mehrfachen Splitscreens während des Vorspanns, die jedoch nicht das Geschehen aus mehreren Winkeln, sondern eine Anordnung verschiedener Takes nebeneinander stellen, wie ein Andeutung bezüglich des variablen Blickwinkels von Regisseur und Publikums hin, auch wenn man dazu vielleicht erst das Gesamtwerk sehen müßte.

Richets Film ist kühl, geradezu berechnend kaltschnäuzig, ohne grob zu sein, das Portrait eines Mannes, dessen Hintergründe und Motive auch nach Ansicht einer Analyse harren.
Viele Schichten werden dort offenbar: Mesrine, der Kriegsheimkehrer aus der Unmenschlichkeit des Algerienkriegs, die Verachtung für die mögliche Kollaboration der Eltern im zweiten Weltkrieg, die Verlockung des Geldes, die allgemeine Vergnügungssucht, die moralische Unauslotbarkeit als Auslöser für plötzlichen Jähzorn und Gewaltexzesse und ein seltsamer Ehrenkodex, der das vorformatierte Publikum immer wieder vor den Kopf stößt, wenn Mesrine skandiert, er wolle keinen Unbewaffneten töten, allerdings ohne mit der Wimper zu zucken zum Massenmörder wird, wenn man ihm im Weg steht oder die wenigen Menschen in Gefahr sind, die ihm wichtig sind.

Der Regisseur des „Assault“-Remakes von 2005 präsentiert diese Lebensgeschichte der Jahre 1959 bis 1972 (die restlichen Jahre bis 1979 werden im zweiten Teil folgen) als zeitlich geordnete episodische Häppchen und versucht erst gar nicht, einen verbindlichen Kontakt zum Publikum schaffen zu wollen. Mesrine soll man nicht lieben oder verstehen oder verabscheuen, seine simple aber dennoch unverständlich komplexe Vorgehensweise unterliegt schlicht und ergreifend der Faszniation, was ein Mann in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts getan hat, der sich vollkommen außerhalb der Gesellschaft bewegt hat.

Dabei gibt es durchaus Verknüpfung zu dem, was das Publikum als normale Existenz verstehen könnten: seine Beziehungen zu der Verbrecherorganisation OAS (hier ist Gerard Depardieu in einer gewichtigen Paten-Rolle zu sehen) sind von violenter Kumpelhaftigkeit, egoistische Robin Hoods, die nur wollen, daß man die nötigen Coups für ihren Lebensunterhalt nicht stört.
Daneben sucht Mesrine durchaus den bekannten Halt im Leben, eine Frau, Kinder. Doch das sind letztendlich nur Chiffren, das Unkontrollierbare, Soziopathische flackert immer wieder auf, seiner Frau steckt er im Falle von Widerworten eine geladene Waffe in den Mund, danach gestalten sich enge Frauenbeziehungen mittels eines Bonnie und Clyde-Verhältnisses, das sich über absolute Kompromisslosigkeit bis zum Tod definiert.
Mitunter ist er zu ordentlicher Arbeit fähig, doch ohne fokussierten Punkt im Leben gerät der Verbrecher zu einem Risiko für das Volk, der sich von nichts außer sich selbst stoppen läßt, nicht einmal von der Justiz, die er hier selbst nach enormen Folterungen in einem Hochsicherheitsgefängnis per Ausbruch düpiert, um dann, und das beweist den Wahnwitz, zurückzukehren und mittels eines Hasardeurangriffs einen Massenausbruch von außen zu inszenieren, der in einem mörderischen Gefecht endet.

Damit verbunden zeigt Richet folgerichtig immer wieder den enormen Charme und die mitreißende Energie dieses Mannes auf, der ständig Frauen und auch einen Teil der Presse auf seiner Seite hatte und so romantisch verklärt wurde.
Vincent Cassel ist genau der Richtige für so eine Rolle, ein brodelndes Energiebündel mit der Potentialskala vom glücklichen Daddy bis zum rabiaten Amokläufer. Zwar erfahren wir nicht, was ihn zu dem gemacht hat, was er ist, doch gerade diese rätselhafte Komplexität bringt der Franzose in seiner Darstellung gut unter.

So ist „Public Enemy No.1“ zwar das filmische Portrait einer historischen Figur, jedoch ohne den Versuch, diese Figur auf das Elementarste zu durchleuchten. Stattdessen konzentriert sich Richet verstärkt darauf, das Leben anhand der Ereignisse nachzuzeichnen, so daß man ein individuelles Verständnis für diesen Mann entwickeln kann, was allerdings schwer fällt, da Mesrine so ziemlich gar keine wirklich sympathischen Charakterzüge zeigt und auch optisch in Cassels Kantigkeit und seinem heute geschmacklosen Oberlippenbart niemanden ansprechen wird.
Liebhaber des französischen Kinos gibt es hierzulande leider viel zu wenige und die Machart, die auf die geschlossenen und intensiven Filme der 70er und 80er Jahre zielt, lassen wenig Spielraum für mehr als ein interessiertes Arthauspublikum, für die emotionales Kino mehr sein darf, als konfektionierte Ware, die auch ein simpel an Unterhaltung interessiertes Publikum sofort versteht. Allerdings ist die Zweiteilung des Films ein nicht geringer Nachteil, denn geschlossen kann man den Film so nicht nennen, mehr eine zweistündige, gewalttätige Overtüre, die zur Schöpfung des Mannes führt, der schließlich den Staat zu einer Art illegalen Verzweiflungstat trieb, wie schon die Eingangsszene suggeriert. (7/10)

Details
Ähnliche Filme