Review
von Alex Kiensch
In den 60er- und 70er-Jahren gehörte Jacques Mesrine zu den meistgesuchten Verbrechern Frankreichs. Überfälle, Entführungen und Morde gingen auf sein Konto. Diese zweiteilige, französisch-kanadisch-italienische Co-Produktion zeichnet das rastlose, von Erniedrigungen und Gewalt geprägte Leben dieses berühmt-berüchtigten Mannes als knallharten Thriller nach.
Eindeutiger Höhepunkt dieses biografisch orientierten Gangsterfilms ist dabei der Hauptdarsteller Vincent Cassel. Mit ungeheurer Intensität verkörpert er von der ersten Szene an den egozentrischen, von Geld und Gewalt besessenen Mesrine, der durch seinen Einsatz im Algerienkrieg traumatisiert ist und nach seiner Rückkehr nach Frankreich immer tiefer in eine Spirale aus Rücksichtslosigkeit, Verbrechen und Gewalt eintaucht. Cassels Mimik und Gestik, seine Körperhaltung und seine wuchtige physische Leinwandpräsenz erzeugen ein derart glaubhaftes Bild seiner Figur, dass man nicht eine Sekunde zweifelt, dem echten Mesrine gegenüber zu stehen. Eine tief beeindruckende darstellerische Leistung, die das bewegte Leben eines moralisch komplexen Mannes auferstehen lässt.
Das Drehbuch indes hat im ersten Teil offensichtlich einige Schwierigkeiten, eben dieses bewegte Leben zu einem runden Gangster-Thriller zusammenzufügen. Anfangs werden die einzelnen Stationen auf Mesrines Weg in die Kriminalität noch ausführlich dargestellt oder die offen gelassenen Lücken erzeugen einen erzählerisch raffinierten Effekt - so vereinbart Mesrine mit zwei Komplizen einen Banküberfall, bei dem angeblich nichts schief gehen kann und, Schnitt, wird er zwei Jahre später aus dem Gefängnis entlassen. Mit fortlaufendem Film nimmt der sprunghafte Charakter der episodenhaften Erzählung allerdings immer mehr zu, bis schließlich einzelne Szenen nur noch wie aneinander gereihte Bebilderungen von Fakten wirken. Hier zerfasert der Film zeitweilig zur bloßen Nacherzählung historischer Begebenheiten, ohne künstlerisch eigenständige Ziele zu verfolgen.
Diese erzählerische Schwäche überwindet er aber im letzten Drittel wieder, wenn er Mesrines Gefangenschaft in einem Hochsicherheitsgefängnis darstellt (wobei wie nebenbei auch die menschenverachtenden Methoden, mit denen in kanadischen Gefängnissen die Insassen behandelt wurden, aufgezeigt werden), seine Flucht und den anschließenden spektakulären Versuch, seine Mitgefangenen zu befreien. Hier entwickelt der Film ein hohes Tempo und reichlich Action.
Das alles wird formal äußerst souverän inszeniert. Schon die Einleitung gefällt mit der gelungenen Verwendung der Split-Screen-Technik, im weiteren Verlauf bedient man sich einer hohen Bandbreite formaler Mittel, von unaufgeregter Darstellung historischer Fakten bis hin zu subjektiv-verzerrter Kamera, um die psychischen Leiden Mesrines im Hochsicherheitsknast zu verdeutlichen. Zusammen mit den ebenfalls superben Nebendarstellern, wie etwa Gérard Depardieu, die allerdings neben Vincent Cassel allesamt chancenlos bleiben, der vielschichtigen Charakterzeichnung Mesrines und dem überzeugenden Setting (auch wenn die Einbettung der Ereignisse in die politischen Wirren jener Zeit fehlt) entsteht durch diese starke Inszenierung ein mitreißender, spannender, brutaler Thriller, der sein Hauptziel zweifellos erreicht: Er macht Lust auf den zweiten Teil.