“Futurama: Bender’s Game” ist schon im Titel ein Anachronismus auf zwei(dimensionalen) Beinen - so, wie das Rollenspiel “Dungeons & Dragons” ein Anachronismus der Fantasie ist. Genauer genommen ist dieser dritte Spielfilmableger der gewitzten US-Serie ein doppelter Anachronismus: Für das Jahr 1999 (bis 2009) produziert, handelt “Futurama” immerhin von einer Welt, die tausend Jahre später stattfindet. Die Dopplung kommt nun durch die Handlung von “Bender’s Game” zustande, die uns innerhalb dieser ausgewogenen Mischung aus Utopie und Dystopie ins Mittelalter zurückverschlägt, also vor unsere Zeit. Das ist beinahe so, als hätten die Flintstones und die Jetsons ein Crossover zu feiern. Was sie im Jahr 1987 ja auch getan haben.
Zeitreisen sind nicht gerade ein neues Thema im Groening’schen Mikrokosmos: Immerhin ist die Serienhandlung erst durch eine Quasi-Zeitreise (per Tiefkühler) möglich, beginnt Episode 1 doch immerhin im Jahr 1999, in welches auch immer wieder zurückgekehrt wird; ebenso wie in die 50er (“Roswell That Ends Well”) oder 80er Jahre (“The Luck of the Fryish”). Die Parodie auf “Dungeons & Dragons” besteht aber darin, dass “Bender’s Game” eine Zeitreise der Vorstellungskraft geworden ist, die sich lediglich durch die Eigenarten des Jahres 3008 und der in ihr lebenden Bewohner irgendwie manifestieren konnte.
Eine Hälfte “Gegenwart” (also aus unserer Sicht Zukunft) und eine Hälfte Vergangenheit - bei dieser Plotaufteilung muss man doch gleich fragen: Was ist das Bindestück? Wie kommt man von einer Geschichte über angezogene Benzinpreise (kam als Gag bereits in einer Szene von “Bender’s Game” vor) schnurstracks in die Welt der Drachen und Katakomben, wo ist da der Zusammenhang? Vermutlich stellt es sich so dar: die Preisvorstellungen der Ölgesellschaften (bzw. Dunkle-Materie-Gesellschaften) bedürfen ebenso viel Fantasie wie das Spiel mit dem magischen Würfel, und ebenso barbarisch wie jene Welt voller Stahl, Feuer und Lanzen sind sie auch. Und wenn man nur fest genug dran glaubt, dann wird es Wirklichkeit, das gilt für die Feuerspeier gleichermaßen wie für die Preise. Beides ist der Willkür ihrer Macher geschuldet...
Weit hergeholt ist es, aber wenn man’s einmal raus hat, zündet es. Man merkt schon, ein abgehobenes, um unzählige Winkel verschachteltes Denken liegt den Einfällen der Drehbuchautoren einmal mehr zugrunde. Öfter wieder als in “The Beast With a Billion Backs”, annähernd so sehr wie im Auftakt “Bender’s Big Score” setzt “Bender’s Game” darauf, gegenüber den 20-Minütern des regulären Serienformats die erzählerische Komplexität aufzurüsten. Wohl denen, die das Geflecht in seiner ganzen Fülle begreifen, denn einfach ist das nicht. Bedenkt man, dass “Futurama” als Serie einst abgesetzt wurde, weil die ihr eigene satirische Dynamik nicht begriffen wurde, sie zu “hoch” war für das bequeme Publikum, sind die Nachschläge sowas wie der Holocaust für die leichte Montagabendunterhaltung. Kann man eigentlich noch lachen, wenn man so angestrengt darüber grübeln muss, wo da eigentlich die Zusammenhänge sind?
Ja, man kann. Zwar muss man ein bisschen Nerd dazu sein, aber man kann. Das dritte Langspielabenteuer schlägt seine Vorreiter locker, wenn es darum geht, aberwitzige Gagfolgen zu produzieren. Kleine Szenen, die auf Bekanntes aus der Film- und Romanwelt abzielen, erfreuen gleich im Dreivierteltakt. In Szenen wie der “Krieg der Welten”-Persiflage (“In the end, it was not guns with bombs that defeated the aliens, but that humblest of all God's creatures, the Tyrannosaurus Rex”) wird zum Beispiel nicht nur ein thematischer Zusammenhang zum Mainplot erstellt, in einem Atemzug wird gleich noch die Pulp-Kultur abgefeiert (Dinosaurier? Hallo?), zu der letztlich auch die “Twilight Zone”-Parodie “The Scary Door” gehört, mit der die ganze Szene eingeleitet wird. Man saugt innerhalb von 80 Minuten so viel kulturelles Allgemeinwissen in sich auf, dass Spongebob neidisch werden würde; schon das einmalige Blinzeln birgt die Gefahr, irgendwo eine versteckte Anspielung zu übersehen. Fehlende Ausbildung in Filmgeschichte birgt diese Gefahr freilich in noch viel größerem Maße.
Diese ist auch vonnöten, um dem Mittelalter-Abschnitt halbwegs folgen zu können. Wenigstens die “Herr der Ringe”-Trilogie sollte man verfolgt haben, wird sich doch fast komplett an dessen Handlungsverlauf orientiert. Dass allerdings fast die komplette Mittelalterhandlung an “Die Gefährten” angelehnt ist, wandelt sich zum Problem: wie kann man etwas parodieren, indem man es fast in Echtzeit nacherzählt? Gerade die “Ringe”-Trilogie kann über das Erzählerische entlarvt werden, so hat es ein etwa 5-sekündiger Gag in “Clerks 2" bewiesen. “Bender’s Game” hat nun zu viel Zeit zur Verfügung und verwendet sie darauf, alles nachzuerzählen, anstatt Einzelfragmente der Tolkien-Saga aufzugreifen und in eine vollkommen selbst erdachte Geschichte zu integrieren. Bei der “Zauberer von Oz”-Parodie in einer der “Tales of Interests”-Episoden hatte das noch funktioniert , doch waren da auch gerade mal ein paar Minuten Zeit. Ein Schnelldurchlauf war die Folge, der schon durch sein angezogenes Tempo per se witzig war. Was die Gefährten aus dem Jahr 3008 erleben, zieht sich ein wenig. Oder würde es zumindest, wären da nicht diese unzähligen Anspielungen auf alles, was irgendwie relevant ist.
Und so ordnet sich Abenteuer Nr. 3 qualitativ irgendwo zwischen Nr. 1 und Nr. 2 ein. Nicht ganz so raffiniert und komplex wie “Bender’s Big Score”, vor allem auch leider wieder ohne dessen Gefühl, dafür wieder inspirierter als “The Beast with a Billion Backs”. Das ist Zeichentrickunterhaltung für Erwachsene - nicht wegen der Splattersequenzen (hoch ging’s her im Mittelater), vielmehr wegen der vielen doppelten Böden, die man schon erkennen muss, um “Bender’s Game” nicht als wirres Nichts ohne Sinn misszuverstehen.