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In der Vorweihnachtszeit kommt vieles zusammen, was ich hasse: ein verstopfte ÖPNV, Kitsch und Heile Welt-Stimmung, während man seinem achso geliebten Nächsten seinen eigenen Glauben ungefragt in die Kehle stopft. Um nicht komplett im familiären Festtagssog zu versacken trete ich daher allzu gerne die cineastische Festtagsflucht an. Und da ich "Stirn langsam" und "Das Leben des Brian" mittlerweile zur Neige ausgelutscht habe nutze ich die freien Tage nunmehr als Bildungsurlaub in Sachen Weihnachtskino: Kevin kann zuhause bleiben, die Eiskönigin in ihrem Schloss versauern und der olle Scrooge sich in jeder Variante des Charles Dickens - Stoffes selbst ins Knie ficken, mein Ziel ist die italienische Provinz und damit das Reich Aldo Lados. Der ist mir persönlich bisher nur als Drehbuchautor zu Enzo G. Castellaris "Der Tag der Cobra" bekannt, also höchste Zeit, mal dessen Regiekunste zu begutachten. 

Und das ausgerechnet auf heikelstem Rape & Revenge - Territorium: "Night Train - Der letzte Zug in den Tod", uns geifernden Kinoteutonen auch als "Mädchen in den Krallen teuflische Bestien" serviert, ist ein gezielter Messerstich des Regisseurs in das Gesicht der heilen Weihnachtswelt, die hier geradezu in Streifen geschnibbelt wird und zeigt, wie schnell auch dem größten Pazifisten die Moral dahinbröselt, wenn das Phänomen der Gewalt aus der gerne durchdiskutierten Theorie ausbricht und ins eigene Leben poltert. Dass Lado hier auf das Grundgerüst zurückgreift, mit dem bereits Wes Craven sein letztes Haus links baute stört dabei nicht weiter, da Lado aus seiner Variante gänzlich andere Qualitäten herauskitzelt: auch ohne Lederhandschuhe hat dieser Film einen sehr prägnanten Gelbstich. 

Kann man sich die Semesterferien besser vertreiben als auf weihnachtlicher Urlaubsreise mit der besten Freundin gen Italien? Scheinbar ja, durchs Schickeriaschocken und Raubüberfälle auf dem Viktualienmarkt, wenn man nicht gerade eine handvoll Altnazis zum Foppen oder einen Schaffner zum Verdreschen zur Hand hat. Da Lisa und Margaret für dies alles aber zu anständig, zu gebildet, zu hübsch sind bleibt es halt beim Italienurlaub bei Lisas Eltern, wobei die beiden wohl kaum mit der Präsenz der beiden Junkies Teppista und Curly gerechnet haben. Die verstecken sich nach erfolgreicher Kerbholzbearbeitung auf der Flucht vor der Münchener Polente in Richtung Österreich und begegnen dort den beiden Studentinnen.

Aber nicht nur denen: eine reiche Lady mit sadistischen Neigungen ist ebenfalls an Bord und nach einem Toilettenquickie mit Teppista der Idee nicht abgeneigt, die beiden lederbejackten Vollassis beim Belästigen der Mädchen tatkräftig zu unterstützen. Beim Orchestrieren der Gruppenvergewaltigung geht einiges schief, sprich: es endet in Mord bzw. Selbstmord und mit Leichen und Gepäckstücke, die aus dem Fenster regnen. Nunmehr mit ihren Begleitern in Italien gestrandet stößt die sadistischen Blondine, die vorhin noch ihren inneren Marquis DeSade ganz ungestört rauslassen konnte auf die Eltern eines ihrer Opfer und damit auf die unausweichlich Konsequenzen für alle Beteiligten. Zumindest die aus der Unterschicht. Ungestraften Sadismus kann sich halt nur verdachtsfrei erlauben, wer aus gutem Hause kommt.

Welche eine Tour: Lado drehte diesen Film in den 70ern in einem beengten Zug mit sackschweren, sperrigen Kameras und klobig Mikrofonen im Gepäck und abhängig von den damals noch gnadenlos pünktliche Fahrplänen der deutschen Bahn. Dass ihm unter diesen Umständen derart intensive Bilder gelungen sind ist eine Leistung, vor der der Hut zu ziehen ist. Besonders die Nachtsequenzen, aber auch der erste richtige Zugauftritt unserer Antagonisten überzeugen: Wenn Teppista und Curly in den gutbürgerliche bis intellektuellen Mikrokosmos der Bahn eindringen und sich in den Gängen lungernd mit ihrem zukünftigen Opfern beim Rumblödeln vergnügen, ehemalige Nazischergen verarschen und mit Angriffen auf Bahn beamte einen Vorgeschmack auf ihre späteren ungebremst Gewaltexzesse geben, dann fängt Lado das immer visuell ansprechend ein, ohne jedoch die Abscheulichkeit des Gezeigten in Frage zu stellen.

Sehr wohl hinterfragt wird hier die gesellschaftliche Ignoranz gegenüber Gewalt, aber auch das Streben nach faschistoider Selbstjustiz und das durchaus in zynischen Szenen: die labern den Fahrgäste, die über angemessene Vorgehensweisen diskutieren tun einen Scheißdreck, wenns ans große Schaffner klatschen geht und der vermeidlich besorgte Bürger, der die Vergewaltigung beider Mädchen bezeugt entlarvt sich selbst als ekelhafter Schaulustiger. Lisas Vater wiederrum bricht hier mit all seinen zivilisierten Prinzipien und löst das bestehende Gerechtigkeitsproblem in Eigenregie mit der Jagdflinte. Mit dem verkommenen Jungvolk ist ja nicht zu diskutieren und die scheinheilig Folterlise aus höheren Kreisen schon von Standes wegen keine potenzielle Verdächtige. Lobend möchte ich noch anmerken, dass Lisa keine 0815- Horror Opfer vom Fließband sind: die beiden sind durchaus wehrhaft und versuchen, zu entkommen, scheitern aber an der zahlenmäßig Überlegenheit des Terrortrios.

"Night Train" ist eine moralische Sackgasse, Endstation für die Ratio, ein schmerzhaftes Kammerstück über Sadismus, Voyeurismus und Vigilantentum und audiovisuelle verdammt beeindruckend. Selbst ich als zugerfahrener Pendler habe hier mitunter klaustrophobr Schübe bekommen, was ich im Kontext eines Thrillers mal positiv bewerten will. Kein Film für den weihnachtlichen Familienabend, aber ein Fest für Weihnachtshasser, Freunde atmosphärisch-düsterer Bildkompositionen und zu guter Letzt Leuten, denen die gespielte Heile Welt gehörig auf den Sack geht. 

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