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Das Wirtschaftswunder hatte der deutschen Bevölkerung in den Fünfzigern neues Selbstvertrauen eingeflößt und obwohl lustige Unterhaltungsfilme als Zerstreuung immer noch ein großer Renner war, traute man sich nach und nach auf die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit heran.
Dabei war allerdings noch nicht jeder Film so wegweisend wie Bernhard Wickis „Die Brücke“. Kurz zuvor erschien Frank Wisbars „Hunde, wollt ihr ewig leben?“, dessen Titel sich wiederum auf ein Zitat Friedrichs des Großen bezieht. Hier geht es um den Russlandfeldzug und die Schlacht bei Stalingrad, wobei Wisbar gerade in der Einführung (wie die meisten Kriegsszenen) mit Hilfe von Archivmaterial arbeitet, wohl auch der Tatsache geschuldet, dass die deutsche Filmindustrie trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs eben nicht die dicke Knete für lauter Epen Marke Hollywood hatte.
Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist Oberleutnant Wisse (Joachim Hansen), der als Offizier im Jahre 1942 zur sechsten Armee kommandiert wird und anfangs noch loyal der deutschen Führung gegenübersteht. Bald beginnen die Tatsachen des Krieges jedoch auf ihn einzuwirken…

„Hunde, wollt ihr ewig leben?“ – ein markiger Titel für einen kritisch gemeinten Film, aber genau in diesem Dilemma liegt vielleicht auch die beste Beschreibung des Films, bei dem man nie so ganz weiß, inwieweit er unbequem sein möchte oder doch nur Balsam für die geschundene deutsche Seele. Zum einen setzt sich Wisbars Film definitiv mit dem Leid und dem Sterben an der Ostfront auseinander, zeigt Verwundete und Sterbende, denen der Rückzug bzw. Ausbruch verboten wird, die von der Führung verheizt werden, deren noch unversehrte Kameraden hilflos daneben stehen, da ihnen das gleiche Schicksal droht, von den gleichen Befehlen unterjocht. Die Offiziere unterliegen teilweise der gleichen Verblendung wie der Führungsstab, während Menschen wie Wisse eben ihr Möglichstes tun, um das Schlimmste zu verhindern.
Und da liegt dann auch wiederum die Problematik: Als Kontrapunkt zu den Kriegsfilmspektakeln aus dem Ausland, in denen klischeehafte Nazis als bunte Abknallware das Deutschenbild prägten, mag „Hunde, wollt ihr ewig leben?“ nicht uninteressant gewesen sein, doch leider versteift sich Wisbars Film gleichzeitig auf ein bequemes Bild der Mitläufer und armen Getäuschten, die an der Ostfront die Quittung für ihre Naivität bekommen. Mit Wisse als idealistischer Identifikationsfigur macht der Film es sich dann doch etwas einfach, denn der lässt Gefangene frei, ist den Feinden gegenüber ehrbar und den falschen Befehlen der Regierung gegenüber kritisch bis rebellisch, nachdem er die erste Verblendung überwunden hat. Stalingrad war schlimm, aber die Schuld Hitlers und seines Stabes, so scheint die Message zu lauten.

So sind die Linien zwischen Ehrbar und Ehrlos, Feige und Mutig doch wesentlich komfortabler gezeichnet als in dem vergleichbaren, später entstandenen „Steiner – Das Eiserne Kreuz“, der noch dazu ein US-Film war. Doch trotz dieser Problematik hat „Hunde, wollt ihr ewig leben?“ auch seine Meriten: Er setzt sich mit dem Leid der Soldaten auseinander, lenkt den Blick auf die schrecklichen Erfahrungen deutscher Soldaten (wenn auch in eher gemäßigten Bildern) und verdeutlicht in seinen besten Szenen den Irrsinn des Krieges. Herausragend: In einer Feuerpause treffen sich die Soldaten der beiden Armeen in den Ruinen einer Stadt. Ein einsames Klavier steht herum, ein Soldat spielt, Angehörige beider Nationen lauschen. Danach eilt man schnell zur eigenen Seite zurück, das Kämpfen geht mit Ende der Feuerpause nahtlos weiter.
Der – gewollt oder ungewollt – authentische Touch des Films wird nicht nur durch das Archivmaterial, sondern auch durch den Einsatz echter Kriegsversehrter in den Lazarettszenen erzeugt. Tatsächlich sind diese Szenen fast schon von größerer Wirkung als die, in denen die professionellen Schauspieler agieren, da sie hin und wieder steif, etwas unnatürlich wirken. Immerhin: Joachim Hansen weiß in der Hauptrolle durchweg zu überzeugen.

„Hunde, wollt ihr ewig leben?“ ist ein durchaus achtbarer Versuch eines deutschen Kriegsfilms mit einigen denkwürdigen Momenten, jedoch für sein Thema enttäuschend nett und versöhnlich. Der Zweite Weltkrieg war zwar noch nicht lange her, aber etwas mehr Selbstkritik hätte man doch erwarten können anstelle dieser Mär vom guten Soldaten in schlechten Umständen, der den schwarzen Peter schnell an Hitler und seinen Führungsstab abgibt.

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