Um „Hunde, wollt ihr ewig leben“ einigermaßen objektiv zu bewerten und nicht von vornherein als klischeehaften Kriegsfilm abzustempeln, muss man die Zeit bedenken, in der Frank Wisbar sich dem wohl größten Desaster der deutschen Militärgeschichte annahm. Ende der Fünfziger, also noch während Deutschland sich die Wunden leckte, war dieser Film Balsam für die geschundenen, deutschen Seelen und so soll der Film in erster Linie leichte Unterhaltungskost mit einer einfachen Message und überlieferten, denkwürdigen Szenen sein.
Ich möchte jetzt nicht auf die Entstehungsgeschichte dieses grausamen Szenarios, in das die 6. Armee vor Stalingrad hineinmanövriert wurde, eingehen, denn jeder der sich halbwegs mit der deutschen Geschichte, insbesondere mit dem 2. Weltkrieg auseinander gesetzt hat (und das sollte jeder einmal), weiß, dass hier eine Vielzahl von Faktoren eine Rolle spielte. Der Wichtigste war aber wohl die Entscheidung Adolf Hitlers „seiner“ Armee einen Ausbruch zu verbieten, da er damit (ob bewusst oder unbewusst sei mal dahingestellt) das Todesurteil von vielen Tausend deutschen Soldaten unterschrieb. Auch hierauf geht der Film ein, aber dazu später mehr.
Um dem Zuschauer einen möglichst einfachen Einstieg in den Film zu ermöglichen, stilisiert Wisbar hier den jungen Oberleutnant Wisse (Joachim Hansen) zum deutschen Vorzeigeoffizier oberster Güte. Er sieht gut aus, ist nett, hilfsbereit, aber auch ein wenig naiv und von der Nazi-Ideologie verblendet – zunächst jedenfalls. Wisbar geht sogar soweit, ihn einer russischen Emigrantin aus einer Notsituation helfen zu lassen. Als es für ihn in Richtung Osten geht, steckt er noch voller Zuversicht, teilt das seinen Fahrgästen auch mit und erntet darauf erste Skepsis, die ihn nicht berührt – zunächst.
Was Wisbar inhaltlich schuldig bleibt, macht er inszenatorisch weitestgehend wett. Für eine Produktion Ende der Fünfziger ist „Hunde, wollt ihr ewig leben“ ein sehr imposanter Streifen. Insbesondere die Nachbauten des zerstörten Stalingrads, in das der Hauptcharakter später vordringt, sind ein Highlight. Aufgelockert durch authentische Archivaufnahmen der damaligen Kriegsereignisse, versucht der Film ein möglichst realistisches Bild des Grauens zu zeigen, traut sich aber nie in aller Konsequenz „draufzuhalten“. Damit meine ich keineswegs blutige, unbeschönigte Auseinandersetzungen, sondern den einzelnen Soldaten, der weiß, dass er seine Familie nie wieder sieht. Mehr als einen Blick in einen Keller voller schwer verwundeter, deutscher Soldaten - fast wie ein Kompromiss ausfallend – gesteht Wisbar dem Film nicht zu. Vielleicht wollte er den Zuschauern damals nicht mehr zumuten, auch wenn das Abheben des letzten Stalingrad verlassenden Flugzeugs ein flaues Gefühl im Zuschauermagen verursacht. Ein letzter Brief an die Heimat, bibbernde Soldaten mit dem Bild ihrer Frau in der Hand, erste Anzeichen von Kannibalismus oder kritische, innere Monologe fehlen dem Film komplett.
Stattdessen bemüht sich der Film um Entschuldigungen und Darbietung längst bekannter Missstände. Der feige Vorgesetzte versucht sich mehr als nur einmal in Sicherheit zu bringen und seine Männer zu verheizen oder im Stich zu lassen, die Heeresleitung schätzt die Lage zunächst falsch ein, kann die Versorgung nicht sicher stellen und gibt die 6. Armee schließlich auf. Aber dort wo Not und Elend regiert und Oberleutnant Wisse inzwischen die Scheuklappen entfernt worden sind, ist längst nicht so viel davon zu spüren. Zu sehr wird das Geschehen auf Wisse fokussiert, der später in den feindlichen Linien (natürlich...) die russische Emigrantin trifft, welche gerade Suppe an die kämpfende, russische Truppe ausgibt. Solche Szenen entziehen dem Film die Glaubwürdigkeit, während die präzise Darstellung beidseitig verbürgter Ereignisse, wie des dreißigminütigen Waffenstillstands zur Bergung Verwundeter, solche Mankos weitestgehend wieder wettmachen.
Fazit:
„Hunde, wollt ihr ewig leben“ ist die Rekapitulation einer traurigen Kriegstragödie, die zwar bei weitem nicht so plakativ wie „Steiner – Das Eiserne Kreuz“ oder „Stalingrad“ ausfällt, aber viele Zugeständnisse an die damalige Gesellschaft, die vom Krieg genug gesehen hat, machen musste. Wie genau man es mit der Geschichte hier nimmt sei, vor allem was Paulus Verhalten angeht, mal dahingestellt, da sich die Quellen widersprechen und man ihm hin und wieder ähnliche Charakterzüge eines Erwin Rommels andichten will. Der Gegenteil war wohl eher der Fall: Feige und Hitler-hörig – zuwenig werden diese Wesenszüge thematisiert.
Anstatt sich kritisch mit dem Thema auseinanderzusetzen, verfängt sich Regisseur Frank Wisbar in ein oft sehr melodramatisches Abenteuer des Oberleutnants Wisse, der als rechtschaffener und ehrlicher Mensch das Musterbeispiel eines deutschen Offiziers abgibt, immer für seine Männer da ist, jeder Situation gewachsen scheint und feige Vorgesetzte anprangert. Aber brauchte man dafür Stalingrad?