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Als "Mörderspiel" 1961 in die bundesrepublikanischen Kinos kam, genügte es schon mit einem Mord an einer Frau zu beginnen, um Assoziationen an Hitchcock zu wecken - eine Werbebotschaft, die eine Erwartungshaltung schuf, an der der Film zu unrecht scheiterte. Auch der gleichnamige Kriminalroman von Max Pierre Schaeffer, der dem Drehbuch als Vorlage diente, ließ vermuten, dass es in Helmut Ashleys zweitem Film - wie schon in seiner ersten Regiearbeit "Das schwarze Schaf"(1960) - um die kriminalistische Suche nach einem Mörder ging, obwohl an dessen Identität vom ersten Moment des Films an kein Zweifel besteht. Zwar versuchen behandschuhte Hände die Spuren eines Tatorts in der Anfangsszene zu beseitigen, die konsequent aus der subjektiven Sicht des Mörders aufgenommen wurde, aber dazu äußert sich die Stimme Harry Meyens aus dem Off, weshalb sein Anblick in der Rolle des Modeschöpfers Klaus Troger keine Überraschung mehr bedeutet, als die Kamera ihre Perspektive wechselt.

Dieses vom Autoren-Team um Ashley hinzugefügte Vorspiel zur eigentlichen Handlung, die während einer Party der besseren Gesellschaft in einem modernen Loft spielt, unterschied den Film nicht nur von der literarischen Vorlage, sondern auch von typischer Genre-Kost, ist gleichzeitig aber der einzige Schwachpunkt des Films. Für einen mehrfachen Frauenmörder, dem die Polizei bisher ergebnislos nachjagt, handelt Troger viel zu amateurhaft, als er am frühen Abend aus dem Haus seines letzten Opfers tritt und prompt von dem jungen Architekten Hein Kersten (Götz George) gesehen und erkannt wird. Auch das es ihm nicht gelingt den Hausschlüssel zu entsorgen, ist unglaubwürdig - Kersten hört den Klang des fallenden Schlüssels und hebt ihn wieder auf. Regisseur Ashley bezweckte mit dieser leider nicht schlüssig durchdachten Idee eine Umkehrung der traditionellen Krimi-Handlung - nicht die Suche nach dem schon feststehenden Mörder sollte im Vordergrund stehen, sondern diejenige nach den Abgründen der Wirtschaftswunder-BRD.

An dem der PIDAX-DVD beigefügtem Nachdruck der "Illustrierten Film-Bühne" wird deutlich, dass Ashleys Intention schon beim Erscheinen des Films ignoriert wurde. Weder findet in dem Werbetext der Mord zu Beginn Erwähnung, noch der Fakt, dass Klaus Troger (Harry Meyen) nur deshalb auf die Party mitkommt, um den lästigen Zeugen unauffällig erledigen zu können. Der Tote während des "Mörderspiels" ist entsprechend ein Produkt des Zufalls, da ihn Troger mit Kersten in der Dunkelheit verwechselt. Damit nahm Ashley der Handlung jeden wesentlichen Aspekt einer Kriminalhandlung, aber anstatt sich auf die Gesellschafts-Satire einzulassen, wurde Kritik an einer fehlenden Spannung geübt, die der Regisseur bewusst vermied, in dem er die Hintergründe der Taten sofort offerierte. Der Blick sollte frei bleiben auf eine prototypische Ansammlung von angeblichen Erfolgstypen, die sich unfähig zur Selbstkritik in ihren geschwätzigen Posen gefallen.

"Mörderspiel" bemühte sich weder um Differenzierungen, noch leise Zwischentöne, aber für seine so brachiale, wie amüsante Abrechnung mit den Repräsentanten der "besseren" Gesellschaft - Geschäftsmann, Rechtsanwalt, Arzt, Architekt, Schauspieler, Journalist, Modeschöpfer - stand Ashley eine große Anzahl hervorragender Filmschaffender zur Verfügung. Co-Autor Thomas Keck hatte die Dialoge zu Wolfgang Neuss' Film "Wir Kellerkinder" (1960) geschrieben und war an "Der letzte Zeuge" (1960) von Wolfgang Staudte beteiligt, in dessen gesellschaftskritischen Film "Kirmes" (1960) Götz George und Wolfgang Reichmann zuvor die Rollen der Antipoden übernommen hatten. Reichmann glänzt hier als besoffener Arzt, aber besonders der als Sympathieträger besetzte George überrascht, indem er die hohle Fassade des äußerlich so jovialen Jung-Architekten entlarvt.

Auch Hanne Wieder ("Das Mädchen Rosemarie" (1958)) und Robert Graf ("Jonas" (1957)) stehen für das moderne deutsche Nachkriegskino, während die Fellini-Darstellerin Magali Noël ("La dolce vita" (Das süße Leben, 1960)) und der französische Mime Georges Rivière ("La vergine di Norimberga" (Die Gruft der lebenden Leichen, 1963)) zum internationalen Flair der deutsch-französischen Co-Produktion beitrugen. Bemerkenswert ist auch die Beteiligung von Eberhard Schröder als Regie-Assistent, der später zu einem wichtigen Protagonisten des Erotik-Films ("Die Klosterschülerinnen" (1972)) wurde. Ebenso lässt es sich nicht übersehen, dass mit dem zweifachen Oscar-Preisträger Sven Nykvist ("Fanny und Alexander" (1972)) ein Könner hinter der Kamera stand, der eine Handlung mit originellen Einstellungen einfing, die zuletzt Kriminalhandlung sein wollte. Angesichts der egozentrischen Selbstdarsteller, die hier die Szenerie beherrschen, wird der Serienmörder zur unscheinbaren Figur. (7,5/10)

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