Review

Episode 83. "Das goldene Pflaster" [Giftschrank]

"Hör mal zu, Erwin. Die Leute, die dir so leid tun, sind zunächst mal ohne Pass hier, ohne Erlaubnis und mit gefälschten Papieren."
"Werden die jetzt abgeschoben?"
"Natürlich werden sie das."

Kurz vor der offiziellen Verabschiedung von Der Kommissar in die wohlverdiente Rente und der bereits seit einiger Zeit anhaltenden Altersmüdigkeit von sowohl Hauptdarsteller Erik Ode als auch Autor Herbert Reinecker ‚gelang‘ der jahrelang als mit zugkräftigst eingestuften Krimiserie, die auch weltweit hohe Verkaufschancen und Popularität aufwies, noch ein kleiner Coup d'état. Unbeabsichtigt allerdings. Gedreht im Jahr der Empörung, in der auch der Tatort – Episode „Tod im U-Bahnschacht“ ähnliches Schicksal des öffentlich (begrenzten) Aufruhrs und der anschließenden Wegsperrung in den so genannten ‚Giftschrank‘ ereilte, wurde die hiesige Episode namens „Das goldene Pflaster“ von der türkischen Bevölkerung bzw. einigen ihrer Vertreter (der Botschaft) als unangebracht bzw. verletzend angesehen und entsprechend kritisiert:

Als die Leiche des Vaters von Murada [ Gracia-Maria Kaus ] direkt vor ihren Unterkünften abgelegt wird, sind seine Familie und ihre Bekannten zutiefst erschrocken und erschüttert, was sie allerdings nicht daran hindert, den Toten noch einmal, diesmal auf eine nahegelegene Baustelle zu bewegen. Dennoch kommt die Münchener Polizei unter Robert Heines [ Reinhard Glemnitz ], Walter Grabert [ Günther Schramm ] und Erwin Klein [ Elmar Wepper ] bei den Ermittlungen auf die Spur der Familie, wobei die Tochter und ihr kleiner Bruder sie anschließend auch auf die erste richtige Fährte bringen können. Der Tote ist illegal in der BRD und hat weiterhin Geld an eine Schmuggelbande bezahlt, wobei die Kommissare dies über einen Mittelsmann an den Geldboten Kolschak [ Traugott Buhre ] zurückverfolgen können und bei der Observation in Wien landen. Da dort zufällig auch ihr Vorgesetzter, der eigentlich krank und in eine Kur geschriebene Kommissar Keller [ Erik Ode ] 'gastiert', arbeitet die deutsche und die österreichische Polizei bald eng miteinander und zusätzlich dem türkischen Konsulat, in Führung von Mehmed Gaffar [ Wolfgang Gasser ] zusammen.

Die Serie selber hat sich bis dato zumeist eher nicht durch Waghalsigkeit, wenn auch schon mit dem Ansprechen von als damals zeitgenössisch zu beurteilenden Problemen hervorgetan und ist getreu der Zielsetzung und Ansprüchen seines einzigen Autoren Reineckers durchaus als Zeugnis der Gesellschaft und ihrer Umstände zu sehen. So wurden auch in früheren Einheiten, bereits im ersten Jahr der Entstehung nicht nur die ‚üblichen‘ Frauenmorde als Bestandteil der Dramaturgie einer Krimiserie in Augenschein der ermittelnden Aufklärung genommen, sondern auch die (arbeitslose und herumlümmelnde und Ärger machende) Jugend aus den Augen der Mittelschicht betrachtet [Folge 3, Theodor Grädlers „Ratten der Großstadt“.] oder ein gar merkwürdiger Trupp älterer Herren als verschworene bis unheimliche Gemeinschaft mit eigenen und speziell wirkenden Ansichten in Szene gesetzt. [Folge 11, Zbyn?k Brynychs „Die Schrecklichen“] Ähnlich wie auch im damals schon zweiten ‚Baby‘ von Reinecker, der ein Jahr zuvor eher als Gegensatz denn als Ergänzung an den Start gegangenen Erfolgsserie Derrick, wechselt sich dabei die reine Frage nach dem Suchen des Täters bzw. dessen Motivation mit sozialen, auch geringfügig politischen und auf die Entstehung von Verbrechen eingehenden Themen ab; wobei beim Kommissar eine eher väterliche Figur mit drei Assistenten als Sohn-Ersatz und nicht das Gespann aus Verantwortlicher und Stellvertreter wie bei Derrick und Klein agiert.

Heutzutage aufgrund einiger seltsamer Ansichten, vor allem auch im Bereich von Maskulinität, Patriarchalität, politischer Unkorrektheit (auf heutige Sicht bezogen) und allgemein ungesunden Lebenswandels (hier wird schon frühs am Tage dem Alkohol und dem Nikotin zugesprochen und dann eigentlich auch unablässig, selbst im Dienst gesoffen und gequalmt) recht antik wirkend, was durch das beibehaltene Aufnahmeprozedere in Schwarzweiß noch zusätzlich hervorgehoben wird, ist die Serie eher in weite Ferne und im Bewusstsein nicht so nahe wie noch der Derrick, eher als Vorgänger und nicht als Ursprung dessen gerückt. [Der Alte im Anschluss ist auch nicht so stark präsent, trotz langer Laufzeit.]

Mit einem Abstand von über vier Jahrzehnten und aus der Verklärung, oft auch aus der Nostalgie und dem Begriff des „Straßenfegers“ heraus gesehen, ergibt sich dabei oft ein recht falsches Bild der Szenerie, in der das Gebotene von Episode zu Episode wechselnd und nicht über einen Kamm zu scheren ist. Es gibt die ‚normalen‘ Folgen, die im Grunde gemütlich und banal, aus der sicheren Entfernung des Ohrensessels im trauten Heim hinaus zu sichten sind. Und es gibt die ungemütlich scheinenden, in der die Entspannung suchende Zuschauer doch lieber zu einem Durbridge oder einem der früheren Wallace wechseln sollte, wenn ihm die Realität bzw. der Anspruch danach zuwider und zu dicht dran am Alltag ist. „Das goldene Pflaster“ ist im Grunde beides, wobei der Eindruck gleich zu Beginn, noch vor dem typischen Vorspann eher zur abschreckenden Sorte gehört. Ein geheimes Schleichen im Hinterhof herum, in dem von mehreren Männern im nächtlichen Dunkel eine Leiche hineingeschmuggelt, dort wie Unrat abgelegt und gleich darauf lärmiger Terror mit den umherstehenden Mülltonnen gemacht wird, um die Bevölkerung zu wecken und auch abzuschrecken.

Niedertracht, Zwiespältigkeit und Unvertrauen gleich zu Beginn, was auch folgend durchschlägt und mit dem Auftauchen der Polizei nicht wirklich besser wird. Die Ängste sind da, und müssen nicht erst geschürt werden, sondern sind Bestandteil der Gesellschaften hier; wobei man tatsächlich in der Mehrzahl sprechen muss, so wie die Unterschiede offensichtlich und die Grenzen dazwischen zu stark sind. Versteckt wird sich, die Identität unterdrückt, die Kommunikation einem einzigen überlassen, der die Landessprache und nicht nur die Heimatsprache spricht. Die Leiche wird noch einmal weggeschleppt, ist nicht mal unter Freunden und Familie erwünscht, und wird sich mit Sack und Pack von einem Zimmer in das andere, auf der Flucht vor der Obrigkeit und der Bedrohung der Entdeckung weg geschleppt.

Vieles danach ist jedoch Mottenkiste (mit geschmäcklerischen Charme), ab dem ermittlerischen Übergang in das Nachbarland Österreich auch mit reichlich Wiener Schmäh von Anno Tobak angereichert; wird die Thematik, die momentan wohl aktueller denn je ist und damals, zum Zeitpunkt des Dreh auch überaus präsent war [erst der Anwerbestopp aufgrund der Ölkrise und der Sättigung des Arbeitsmarktes, das Steigen von Asylanträgen durch den Zypernkonflikt und Zuzugssperre für sogenannte überlastete Siedlungsgebiete] mit einer naiven Dramaturgie und aus ebensolchen Blickfeldern heraus gesehen. Wenn einem gar nichts mehr einfällt, sprechen hier wie schon im Vorgänger "Traumbilder", auf die im Übrigen direkt und erst- und einmalig für die Serie eingegangen wird, die Maschinengewehre, und kommt das heile Ende (nach einem kurzen verbalen Ausbruch) mehr als abrupt. Zwischen Wagnis und Opas Kino, zwischen einer Anklage an das bestehende System und einer schlicht gestrickten Annäherung an den 'Muselmann', der noch lange nicht integriert ist, sondern am Rande der Gesellschaft überhaupt erst einmal bemerkt wird.

"Ich seh das plötzlich mit anderen Augen."
"Was?"
"Na der Bahnhof als Treffpunkt der Ausländer."
"Eine Ersatzheimat."

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