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Die 70er Jahre waren die Zeit der Politthriller. In den USA inszenierten Regisseure wie Alan J. Pakula und Sidney Pollack Filme, die einen einzelnen - zur Paranoia verdammten - Protagonisten mit der Intransparenz eines teuflischen Systems konfrontierten (ZEUGE EINER VERSCHWÖRUNG; 3 TAGE DES CONDORS). In Europa verfolgten Regisseure wie Costa-Gavras oder Damiano Damiani das Ziel, die zunehmende Verflechtung der Politik und der Justiz mit dubiosen Interessengruppen - oftmals die Mafia oder das Militär - anzuprangern (Z; DAS VERFAHREN IST EINGESTELLT, VERGESSEN SIE´S). Das publikumswirksame Genre des Thrillers wurde in diesem Zusammenhang instrumentalisiert, um gewisse politische Ideen zu transportieren. Viele dieser Werke werden von der desillusionierenden Absicht ihrer Macher flankiert, sodass nach der Sichtung eine Form von Ressentiment gegen das bestehende, korrupte System den Zuschauer ergreift.

Warum erzähle ich das, wenn diese Rezension sich mit dem Film die KILLERMAFIA beschäftigen soll? Auf den ersten Blick handelt es sich bei diesem Werk um einen weiteren Vertreter des Polizieschi-Genres. Doch mit zunehmender Spieldauer multiplizieren sich die politischen Implikationen und die standardisierten Situationen des Politthrillers. Diese Entwicklung ist umso verwunderlicher, wenn man bedenkt, dass Sergio Martino auf dem Regiestuhl saß, also ein Regisseur, der sich bis dato nur im Rahmen des reinen Unterhaltungsfilms bewegte und in diesem Kontext vortreffliche Gialli und Polizeifilme fertigstellte.

Bereits in der Exposition erhärtet sich der Verdacht, dass wir es in der Folgezeit mit einem Genre-Hybriden zu tun haben werden, der Elemente des Polizeifilms und des Politthrillers zusammenfügt. Martino beginnt die KILLERMAFIA mit einer Auflistung von (fiktionalen) Personen mit gesellschaftlicher Relevanz, die allesamt auf obskure Art und Weise aus dem Leben schieden. Nach diesem Prolog beginnt die eigentliche Handlung. Inspektor Giorgi Solmi (Luc Merenda) wird mit der Aufklärung eines vergleichsweise unspektakulären Mordes an einem kleinen Erpresser beauftragt. Die vorgefundenen Indizien unterstreichen den Verdacht, dass eine junge Prostituierte den Mann getötet haben soll. Doch diesem trivialen Ablauf der Dinge möchte der Kommissar kein Vertrauen schenken und so kommt es zur Auseinandersetzung mit dem sturen Staatsanwalt Mannino (Mel Ferrer), für den die Prostituierte eindeutig schuldig ist. Im Zuge seiner Nachforschungen verstrickt sich der aufrichtige Kommissar immer weiter in einen Abgrund voller Lügen und Intrigen, der die hohen Tiere an der Spitze betrifft: Es geht um Tonbänder, die der Ermordete anfertige, um vordergründig ehrenhafte Bourgeois zu erpressen.

Mit Bravour übernimmt die KILLERMAFIA ein zentrales Motiv des Politthrillers. Der Film konstruiert eine omnipräsente, depersonalisierte Bedrohung und versetzt den Kommissar in eine feindliche und undurschaubare Umwelt. Selbstverständlich kommt es von Zeit zu Zeit zu einer konkreten Bedrohung durch eine Person, doch diese kurzen Manifestierungen, diese Kristallisationspunkte der Gefahr werden sofort relativiert, indem die Agressoren als kleine und entbehrliche Rädchen einer opaken Maschinerie der Dissimulation erscheinen. Der Kampf des Kommissars gleicht einer ausweglosen Sisyphusarbeit, da diese geheimnisvolle Macht den langsamen Fortschritten des Ordnungshüters immer voraneilt und sie durchkreuzt: Wichtige Zeugen werden skrupellos ermordet, um die Anonymität der Drahtzieher zu gewährleisten.

Was bleibt in alle diesen politischen Verstrickungen vom eigentlichen Polizeifilm übrig? Ein kleiner Torso bleibt übrig, der an eine Art Rahmengebung erinnert. Die bekannten Film Polizieschi Mimen wie Luc Merenda oder Tomas Milian sind in diesem Zusammenhang ebenso irreführend wie der Titel DIE KILLERMAFIA. Wir haben es hier keinesfalls mit einem unpolitischen, brachialen und gradlinigem Film à la Umberto Lenzi zu tun, sondern mit einem Versuch zwei verwandte aber keinesfalls kongruente Genres anzunähern.

Dieses waghalsige Unternehmen Sergio Martinos kann durchaus als gelungen angesehen werden, obwohl gewisse Mängel auch nach der Sichtung persistieren. Beispielsweise kann man sich nicht des Eindrucks entledigen, dass DIE KILLERMAFIA ein rein epigonales Machwerk ist, also der Versuch, auf der Welle der sehr erfolgreichen Politthriller mitzuschwimmen, um die ein oder andere Lire zu verdienen. An dieser Stelle kommt das Klischee des bösen, nachahmenden Exploitation-Italieners wieder zum Vorschein, der versucht mithilfe aktuell publikumswirksamer Filme Profit zu machen. Ferner fehlen für einen stabilen Politthriller die starken Charaktere. Zugegeben, Luc Meranda spielt seinen Part echt überzeugend, doch seine ostentative Aufrichtigkeit wirkt an mehreren Stellen befremdlich.

DIE KILLERMAFIA wird Fans des italienischen Genreskinos trotz kleiner Schwächen mit Sicherheit nicht enttäuschen. Man sollte jedoch immer im Hinterkopf behalten, dass man es mit einem recht ungewöhnlichen Genrevertreter zu tun hat. Und zugegeben: Selbstverständlich gestalten sich direkte Vergleiche zwischen ganz großen Meisterwerken wie Z und die KILLERMAFIA schwierig und hinken ein wenig.

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