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Ob es Altersweisheit ist oder die Erkenntnis, mit subtilen Gestaltungselementen sowieso immer nur die Gleichen zu erreichen, bleibt Spekulation, aber der Fakt, dass noch nie ein Film von Clint Eastwood so viele Zuschauer an einem Startwochende in den USA erreichte, verdeutlicht, dass er diesmal einen anderen Weg wählte, seine "Botschaft" (die bei Eastwood immer zu einem guten Film gehört) unters Volk zu bringen.

"Gran Torino" stellt wieder den "alten" Clint Eastwood in den Mittelpunkt, der seit der "Dirty Harry"-Reihe für eine Person steht, die cool und überlegt Probleme löst, zu der die Executive nicht in der Lage ist. Das er dabei selbstverständlich zur Waffe griff, verlieh Eastwood lange Zeit den Ruf des eisenharten Konservativen, der auf gute amerikanische Art aufzuräumen verstand. Erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten, in denen sich Eastwood verstärkt als Regisseur betätigte, wurde dessen künstlerische Kompetenz deutlich und sein humanistisches Denken, dass sich nicht in irgendwelche Klischees pressen liess. Der Rückgriff auf seinen früh erworbenen Ruf ist einerseits eine Auseinandersetzung mit dem von ihm mitgeschaffenenen Prototyp des Mannes, der das Gesetz in seine eigenen Hände nimmt, andererseits nutzt er diesen, um hintergründig ein Denken zu vermitteln, dass genau vom gegenteiligen Standpunkt ausgeht.

Wenn Actionfilme wie zuletzt "96 Hours" ihre Fassade dazu nutzten, Vorurteile zu bestätigen, lässt "Gran Torino" den rassistischen, starrsinnigen Alten von der Leine, um genau diese zu überwinden. Das funktioniert, weil Clint Eastwood die größtmöglichen Sympathien gehören und er bei aller kritikwürdigen Verhaltensweise gegenüber den aus Asien stammenden Nachbarn immer cool bleibt. Im Gegenteil wird er mit seinen ständigen Beleidigungen und Vorurteilen vordergründig sehr vielen Zuschauern aus dem Herzen sprechen. Das fördert "Gran Torino" noch dadurch, dass sich die Story in realistischer Form entwickelt und Walt Kowalski die Veränderungen in seinem Viertel, in dem er schon viele Jahrzehnte wohnt, in einer Art erlebt, wie sie in den USA (und nicht nur dort) üblich sind.

Aus der ehemals bürgerlichen Gegend mit gepflegten Einfamilienhäusern ist ein etwas heruntergekommener Stadtteil geworden, in dem Jugendgangs ihr Unwesen treiben. Kowalskis Söhne sind mit ihren Familien schon lange weggezogen und nachdem seine Frau gestorben ist, wirkt er, wenn er abends Bier trinkend auf der Veranda sitzt, wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. Für seine neuen Nachbarn, die weder ihre Häuser noch die Vorgärten pflegen, hat er nur Verachtung übrig. Als dann auch noch der Nachbarsohn Thao (Bee Vang) seinen 1972er Ford "Gran Torino" stehlen will, wird seine Meinung über die Einwanderer noch bestätigt.

Geschickt bettet Eastwood seine Story aber auch in die Veränderungen innerhalb der amerikanischen Gesellschaft ein. Seine Kinder wollen ihn am liebsten in einem Altersruhesitz sehen, denken schon einmal über die Verteilung des Erbes nach und sind Kowalski letztlich nicht weniger fremd als seine Nachbarn. Wenn man einmal die ständigen rassistischen Bemerkungen ausser Acht läßt, wird deutlich, dass Kowalski seine eigene Familie in letzter Konsequenz nicht besser behandelt und - wie auch den sehr jungen Priester (Christopher Carley), der sich um ihn bemüht - mit deutlichen Worten abkanzelt. Genau hier liegt die schmale Grenze zwischen gerechtfertigter Kritik und Vorurteil, die Eastwood fast unmerklich zieht, denn während viele seiner Reaktionen aus nachvollziehbaren Gründen stattfinden, basiert seine Meinung über die Nachbarn aus Unwissen.

"Gran Torino" gestaltet die Hauptfigur bewusst plakativ und schafft damit eine unmittelbare Identifikation mit Kowalski, die sich noch dadurch verstärkt, dass er der Einzige ist, der den Jugendgangs Einhalt gebieten kann. Trotz seines Alters wirkt er immer härter und konsequenter als die jungen Männer, die genau das von sich behaupten. Aber er verändert sich, als die Nachbarn, nachdem er aus eigennützigen Gründen Thao gegenüber einer Gang geholfen hatte, sich ihm unweigerlich nähern. Vor allem Sue (Ahney Her), die Tochter der Nachbarfamilie findet Zugang zu ihm, und so wie Kowalski beginnt nachzudenken, zwingt Eastwood automatisch auch den Betrachter dazu, seine Augen zu öffnen.

"Gran Torino" gelingt über seine gesamte Laufzeit ein Gleichgewicht zwischen spektakulären Szenen mit einem coolen Eastwood und leisen Tönen, die in ihrer Wirkung nie penetrant, deshalb aber um so wirkungsvoller sind. Der Film wird nicht jeden Betrachter dazu bringen, seine Vorurteile zu überwinden oder zu begreifen, dass mit Gewalt keine Lösungen zu erzielen sind, aber er erreicht ein großes Publikum, schafft eine Identifikation mit einer widersprüchlichen Hauptfigur und vermittelt hintergründig seine humanistischen Gedanken. Der Film ist die grossartige Verschmelzung beliebter Genre-Elemente mit einem ernsten Thema, dass sich im Schlussbild manifestiert, wenn der "Gran Torino" mit seinem Fahrer am Horizont verschwindet (9/10).

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