Clint Eastwood spielt einen frustrierten Koreakrieg-Veteranen, der seine verzogenen Enkelkinder hasst, den Kontakt zu seinen Söhnen quasi verloren hat und nach dem Tod seiner Frau ein relativ einsames Leben fristet. Als dann auch noch Asiaten in seine Nachbarschaft ziehen, die er seit dem Korea-Krieg abgrundtief hasst, scheint das Desaster perfekt. Mit der Zeit beginnt der Rassist seine Vorurteile jedoch abzubauen und baut ein immer besser werdendes Verhältnis zu seinen Nachbarn auf, gerät dabei jedoch in einen Bandenkrieg.
Clint Eastwood ist definitiv das, was man, ohne zu übertreiben, einen Leinwandgiganten nennen kann. Durch Sergio Leones legendäre "Dollar-Trilogie" bekannt geworden, hat er die Entwicklung des Films beeinflusst wie kaum ein anderer. Mit "Dirty Harry" schuf er einen Anti-Helden, an dem sich dutzende weitere Charaktere der Filmgeschichte orientieren sollten und auch darüber hinaus gelangen ihm einige Kultfilme und Rollen. Als Regisseur, Produzent und Darsteller zeigte er sein Talent in "Million Dollar Baby" und "Erbarmungslos", die ihm jeweils zwei Oscars einbrachten, mit "Mystic River", "Perfect World" und "Letters from Iwo Jima" wären weitere Glanzleistungen von Eastwood zu nennen und erst dieses Jahr war sein Drama "Der fremde Sohn" für mehrere Oscars nominiert. Seit 2004 hatte sich der Altmeister jedoch selbst nicht mehr vor der Kamera gezeigt, was sich nun mit "Gran Torino", der möglicherweise Eastwoods letzte Rolle sein könnte, ändert. Und auch dieses Werk ist eine erneute Kostprobe von Eastwoods Können.
Allein darstellerisch ist der Film das Ansehen schon wert. Eastwood könnte als grimmiger und kantiger Rassist kaum besser besetzte sein. Der nunmehr 79-jährige besticht dabei vor allem durch sein mimikarmes Spiel, der gesammelte Hass eines Lebens, die Verbitterung über das, was er im Krieg getan hat, über das, was aus ihm geworden ist, über einfach alles, was ihn umgibt, über jeden, den er kennt, all dies spiegelt sich in Eastwoods kauzigem, grimmigen, beinahe furchteinflössenden Gesichtsausdruck wieder, den er allerhöchstens mal zu einem angedeuteten Lächeln verzieht, bzw. noch stärker intensiviert, wenn der Hass seiner Figur noch weiter geschürt wird. Von der ersten bis zur letzten Minute hängt man als Zuschauer an den Lippen des Veteranen, den Eastwood so intensiv darstellt, den er trotz seiner unglaublich missgelaunten Art, doch sympathisch auf die Leinwand bringt, dass er dabei eine nahezu erdrückend große Leinwandpräsenz erzeugt. Hinzu kommt noch eine gewisse Eigenironie, die man dem Altmeister hier anmerkt und die, zugegebenermaßen überaus amüsanten Gags, die Eastwood immer mal wieder vom Stapel lässt. Dies ist einmal mehr Eastwood wie er leibt und lebt, nach außen hin mimikarm, nach innen brodelnd und enorm gespannt. Die übrigen Darsteller können sich jedoch ebenfalls sehen lassen, auch wenn sie neben Eastwood definitiv die zweite Geige spielen, so überzeugt Bee Vang als zurückhaltender Außenseiter, für den der kantige Nachbar eine Art Vaterfigur darstellt, Ahney Her ist als Nachbarin, die den Kontakt zum vereinsamten Witwer sucht enorm sympathisch, genauso, wie Christopher Carley als unerfahrener, aber enorm engagierter Pater.
Aber auch inszenatorisch muss sich dieses Werk nicht hinter "Million Dollar Baby" oder "Erbarmungslos" verstecken. Die Umsetzung des Stoffs ist dabei ebenfalls unverkennbar von Eastwood. Die Handlung wird gradlinig erzählt, bleibt dabei zu jedem Zeitpunkt überschaubar und auf wenige Personen konzentriert, ist aber gerade deshalb enorm intensiv, womit "Gran Torino" bis zum Finale konstant an Fahrt aufnimmt und trotz des behäbigen Erzähltempos zunehmend Spannung erzeugt. Eastwood konzentriert sich dabei voll und ganz auf die Entwicklung der Charaktere, auf die Annäherung zwischen dem verbitterten Rassisten und der asiatischen Familie, statt ein größeres Handlungskonstrukt aufzuspannen. Dabei setzt Eastwood erneut auf spärliche, aber enorm effektive inszenatorische Mittel. Die Filmmusik ist weitestgehend unauffällig, aber das, was zu hören ist, ist auf jeden Fall treffsicher gewählt und stimmig in den Film integriert, Action-Szenen gibt es im Grunde gar nicht, aber die hätten dem ruhigen Drama sowieso geschadet. Die Gags, die eingebracht werden, sind knallhart und enorm rassistisch, entkräften aber gleichzeitig die Klischees, die angeführt werden und werden darüber hinaus so beiläufig gebracht, dass sie dem Drama nicht schaden. Wenn man dem Film überhaupt einen Fehler ankreiden will ist es der, dass der Konflikt mit der asiatischen Gang wegen einer reinen Lappalie zustande kommt und der Film hier ein wenig Glaubwürdigkeit einbüßt und, dass der eine oder andere Dialog zwischen der Hauptfigur und dem Pater über Leben und Tod dann doch etwas platt daherkommen.
Des Weiteren ist es sehr angenehm, dass Eastwood am Ende nicht mit erhobenem Zeigefinger für Aufgeschlossenheit gegenüber fremden Kulturen eintritt, nicht die gewohnten Floskeln gegen Rassismus bringt und den Zuschauer stattdessen mit dem überaus gelungenen und hochdramatischen Ende allein lässt. An der Stelle, an der andere Regisseure in die Rührseligkeit abgeglitten wären, lässt Eastwood den Zuschauer mit dem Abspann allein und lässt einige Fragen offen, überhaupt ist "Gran Torino" ein Film, der zum Nachdenken anregt, der einer gewissen Reifezeit bedarf. Die Charaktere sind glaubwürdig genug gestrickt, um eine Identifikation zuzulassen, auch wenn sich der Wandel der Hauptfigur vielleicht etwas zu schnell vollzieht, und damit verstört das Ende definitiv, "Gran Torino" ist damit ein rundum gelungenes Drama und einer der besten Filme des Kinojahres 2008.
Fazit:
"Gran Torino" ist absolut gradlinig erzählt und steigert die Spannung nahezu ohne dramaturgische Brüche bis zum verstörenden Finale, das einige Fragen aufwirft. Dabei ist der Film sowohl unter darstellerischen, als auch unter inszenatorischen Gesichtspunkten absolut makellos, virtuos und versiert und damit neben "Million Dollar Baby" und "Erbarmungslos" eine der besten Regie- und Schauspielleistungen von Clint Eastwood, die nicht mit erhobenem Zeigefinger für Toleranz eintritt und ihre Botschaften angenehm subtil vermittelt. Das einzige, was einen wirklich trübenden Beigeschmack verursacht ist die Ahnung, dass dies die letzte Rolle des Meisters gewesen sein könnte, auch wenn noch einige Regiearbeiten anstehen.
93%