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"Wieviele Sumpfratten passen denn noch da rein?"

Als Schauspieler hatte sich Hollywood-Legende Clint Eastwood in den letzten Jahren rar gemacht und dafür ganz der Regie verschrieben, um Werke wie das epische Antikriegs-Doppelpack "Flags of our Fathers" und "Letters from Iwo Jima“ auf die Beine zu stellen. Mit dem eigenproduzierten "Gran Torino“ meldet er sich nach 4 Jahren seit seiner letzten Rolle in "Million Dollar Baby" nun auch wieder vor der Kamera eindrucksvoll zurück.

Nach dem Tod seiner Frau lebt der ehemalige Kriegsveteran Walt Kowalski (Clint Eastwood) allein mit seinem Hund. Geprägt von einem entfremdeten Weltbild und rassistischen Vorurteilen meidet er die eingewanderten Nachbarn asiatischer Herkunft. Selbst in der Beziehung zu seinem Sohn Steve (Brian Howe) und dessen Frau Karen (Geraldine Hughes) mangelt es an Verständnis.
Als es an einem Abend zwischen den Nachbarn und einer Gang zu einer Auseinandersetzung kommt, greift Walt mittels Gewehr ein und verscheucht die Bande. Als er dann auch die Nachbarstochter Sue (Ahney Her) aus einer brenzligen Situation rettet, erhält er von den Nachbarn nicht nur ungewollte Achtung sondern auch eine Einladung zu einer Familienfeier. Obwohl ihm die Kultur fremd bleibt und er seine zynischen Bemerkungen nicht zurückhält, freundet er sich mit dem Nachbarsjungen Thao (Bee Vang) an. Aber die Gang die auch Thao auflauert lässt nicht locker und schon bald eskaliert die Situation.

Eastwood war schon immer Anhänger des klassischen Kinos. Während die meisten Hollywoodproduktionen immer mehr unter neumodischem Effektfeuerwerk ersticken, wählt der eingesessene Regisseur ein Szenario und Themen, die völligst ohne Effekthascherei auskommen. Vielmehr obliegt "Gran Torino" der Verbindung zwischen klassischer Hollywood-Unterhaltung und dem Anspruch, bestimmte sozialkritische Fragen zu stellen.
Die Geschichte will zweifellos einen Kommentar abgeben. Themen wie Fremdenhass, Zivilcourage und den Verhältnissen zwischen Gangs auf der Straße lassen auf einen unbequemen Film schließen. Da "Gran Torino" den Schwerpunkt auf massenkompatible Unterhaltung legt und wirklich unangenehme Fragen vermeidet, handelt es sich hier wunderlicherweise um leichte Kost, die ganz auf die selbstreferenzielle Figur des Hauptdarstellers zugeschnitten ist.

Dieses Konzept funktioniert im Rahmen einer grimmigen Komödie zumindest in der ersten Hälfte recht gut. Kowalskys rassistische Kommentare den asiatischen Nachbarn gegenüber sind ebenso unkorrekt wie amüsant, da die Szenen sehr deutlich auf Situationskomik abzielen. Die Tatsache, dass er sich sogar über das ausländische Auto seines ältesten Sohnes entzürnen kann, spricht dabei für sich selbst. Die Enkelin, die erst in der Kirche bei der Beerdigung von Kowalskys Frau ungeniert SMS-Nachrichten tippt und den Großvater später fragt, ob sie nach seinem Tod dessen titelgebenden Oldtimer haben könnte, wird von ihm mit bösen Blicken und verächtlichem Ausspucken zurechtgewiesen. Auch der kommentarlose Rausschmiss des Sohnes, nachdem dieser den Umzug in ein Altenwohnheim nahelegt hat, ist im Rahmen einer Komödie inszeniert und wird von einer recht unaufdringlichen Kritik am Umgang zwischen jung und alt getragen. All das funktioniert recht gut ohne dabei zu schwermütig zu werden.
Im weiteren Verlauf des Films aber, wenn der grimmige Humor von den sozialkritischen Untertönen immer stärker verdrängt wird, Kowalsky sich plötzlich zu einer Heldenfigur wandelt und alles schließlich in einem pathetischen Showdown endet, stellt sich "Gran Torino" als unglaubwürdiges und etwas aufdringliches Lehrstück heraus. So wird beispielsweise in der Darstellung der gegnerischen Gangmitglieder, die sozusagen der eigentliche Motor der Geschichte sind, absolut oberflächlich verfahren. Auch die Lehrerfigur, die Walt Kowalsky dem Nachbarsjungen Thao gegenüber einnimmt, ist im Grunde fragwürdig, da dieser zunächst genau die rassistischen Sprüche lernt, die Kowalskys Weltsicht ein Leben lang geprägt hat. Im Grunde werden hiermit die amerikanischen Werte entschuldigt, die vorher gefährlich abstoßend präsentiert wurden.

Wie zu erkennen ist, legt "Gran Torino" seinen Schwerpunkt auf ein dialoglastiges Milieudrama, das durch die teils heftige Aussprache recht authentisch wirkt. Allerdings kämpft es trotz der Unterhaltsamkeit mit Längen, besonders im mittleren Bereich. Denn die ständige Wiederholung einiger Elemente bremst den Film immer wieder aus und lässt erst sehr spät Spannung aufkommen.
Für den Showdown benutzt Eastwood ebenfalls gern gesehene Mittel des klassischen Films. So bereitet sich Kowalsky auf diesen vor, macht sich schick und plant seine Vorgehensweise durch. Allerdings ohne Einsicht für den Zuschauer, denn dieser soll im Finale überascht werden. Ob dieses dann überascht oder überhaupt zündet sei jedem selbst überlassen. Freunde des Vergeltungskinos sollten ihre Erwartungen auf jeden Fall zurückschrauben.

Aus technischer Sicht gibt es weder etwas zu bemängeln, noch herausragende Leistungen. Letztere gibts dafür umso mehr im darstellerischen Bereich.
Zu Eastwoods Stärken gehört es unbestritten, kauzige Figuren mit vordergründig anstößigen Überzeugungen zu verkörpern und sie dem Zuschauer zutiefst glaubwürdig zu präsentieren. Die Figur des Kowalski ist somit für ihn maßgeschneidert. Mit sensationeller Präsenz und unvergleichlichem mimischem Charisma brilliert Eastwood als verbitterter, unablässig die fantasievollsten Rassismen auf seine Umwelt loslassender knorriger Kriegsveteran und legt den Streifen als höchst gelungene One-Man-Show an.
Gleichfalls überdeckt er damit sämtliche anderen Darsteller. Während die Neulinge Bee Vang und Ahney Her durch ihre Rollen vergleichsweise viel Zeit bekommen haben, gucken Geraldine Hughes ("Rocky Balboa") und Brian Howe ("Das streben nach Glück", "Die Chaoscamper") in die Röhre. Für solch kurze Momente wie sie auf der Leinwand zu sehen sind, Bedarf es eigentlich keiner namhaften Darsteller.

"Gran Torino“ ist ein Film der vor allem durch dessen Hauptdarsteller Clint Eastwood lebt und dadurch beinahe zur Charakterstudie wird. Die Gratwanderung zwischen Drama und zynischem Witz gelingt leider nicht durchgehend, denn dafür wiederholen sich einige Elemente zu häufig und die Ernsthaftigkeit der Themen geht viel zu schnell verloren. "Gran Torino" ist definitiv kein schlechter Film, hat aber nicht die Kraft wie zuletzt "Million Dollar Baby" oder "Letters from Iwo Jima".
Da für mich persönlich das Finale zu absehbar und nicht zufriedenstellend ausgefallen ist, gibts einen Punkt Abzug für einen Film, der vor allem einem klassisch geneigtem Publikum Freude bereiten sollte.

6 / 10

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