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Walt Kowalski (der ganz großartige und einmalige Clint Eastwood) ist ein alter, mürrischer, ehemaliger Ford-Mitarbeiter der im Korea-Krieg diente und sogar eine Medaille als Soldat erhalten hat. Er ist zudem auch noch scheinbar ein Rassist, der mit ausländerfeindlichen Beschimpfungen nur um sich wirft. Er wohnt nach dem Tod seiner Frau allein in seinem Haus in einem über die Jahre hinweg immer ärmer gewordenen Viertel, das nun hauptsächlich von Ausländern bewohnt ist. Seine Familie interessiert sich nur für seinen Besitz, sein Sohn will, dass er in ein Seniorenheim zieht, damit er das Haus erbt und seine Enkelin möchte Walts ganzen Stolz erben - ein alter, von Walt liebevoll gepflegter Ford Gran Torino. Zwar versucht Walt ab und zu Kontakt mit seiner Familie aufzunehmen, doch die sind stets nur an seinen materiellen Dingen interessiert.

Eines Tages zieht eine Hmong Familie in das Nachbarshaus ein, was Walt natürlich nicht passt. Der junge, introvertierte Thao von nebenan versucht mehr oder weniger widerwillig Walts Gran Torino zu stehlen um eine Mutprobe zu bestehen und in eine kleine asiatische Gang zu kommen, dessen Anführer sein Cousin ist. Allerdings wird er zur Mutprobe und zum Beitritt eher gezwungen und Thao selbst will eigentlich nichts mit dieser Gang zu tun haben. Walt kann den Diebstahl jedoch verhindern und jagt den Jungen fort. Und nicht nur das, als eines Nachts Thao weiterhin von der Gang belästigt wird, obwohl er weiterhin nichts mit ihnen zu tun haben will und ein Streit entfacht, jagt Walt die Gang mit seinem Gewehr fort und das eigentlich nur, weil durch den Streit auch sein Vorgarten verwüstet wurde. Indirekt rettet er damit auch den Jungen und die gesamte Hmong Nachbarschaft bedankt sich mit Geschenken bei ihm, die Walt jedoch in den Müll schmeisst. Später rettet er auch noch die Nachbarstocher Sue vor 3 Schwarzen (Möchtegern-) Gangstern. Sie steigt in sein Auto und beide kommen ins Gespräch. Walt macht indirekt deutlich, dass er nichts von Ausländern, Schwarzen und ganz besonders Asiaten hält, dennoch kann die junge, selbstbewusste Sue das Eis ein wenig brechen. Und auch in der Nachbarschaft wird langsam aber sicher integriert. Er freundet sich nach einiger Zeit sogar mit Thao an, der für seinen Diebstahlversuch von seiner Familie eine Woche Arbeit für Walt aufgebrummt bekommen hat. Doch schon bald muss Walt erkennen, dass er Dinge in Lauf gesetzt hat, die er nicht mehr stoppen kann...

Erstaunlicherweise findet Walt die Familie bei den Hmong und mit Thao eine Art Sohn- oder Enkelersatz. Obwohl er anfangs als im Grunde überzeugter Rassist gezeigt wird, der Menschen anderer Rassen permanent mit kreativen Beschimpfungen anredet, lässt sich Walt auf die Nachbarsfamilie und insbesondere Thao ein. Auch weil er dort überraschenderweise die Nähe und das Interesse an seiner Person findet, die er bei seiner eigenen Familie seit dem Tod seiner Frau vermisst. Viele seiner Vorurteile zerschlagen sich von Zeit zu Zeit, wobei man sich auch fragen kann, ob er diese Vorurteile überhaupt von Anfang an gehabt hat oder lediglich als Schutzwall nach dem Tod seiner Frau aufgebaut worden sind. Im Laufe des Films werden die zahlreichen, kreativen Beleidigungen und "Spitznamen" Walts von anderen Charakteren und auch dem Zuschauer nicht mehr als solche aufgefasst. Wenn er seinen Frisör als "Spaghetti-Fresser" bezeichnet und sich ständig neue Bezeichnungen für Thao und andere Hmong einfallen lässt, ist es nicht mehr ein Zeichen seiner rassisstischen Haltung, seiner Verachtung oder seines fehlenden Respekts, sondern eher ein Zeichen seiner Toleranz und Akzeptanz. Im Falle von Thao sogar ein Zeichen der Freundschaft. Häufig kann man als Zuschauer aufgrund der äußerst originellen Beschimpfungen von Walt das Lachen oder Schmunzeln nicht halten, selbst wenn man sich bewusst ist, dass es sich hier um rassistische Beleidigungen handelt, die aber weder Walt im späteren Verlauf des Films so meint, noch von den betreffenden Personen so aufgefasst werden.

Freilich ist das ein ganz, ganz schmaler Grat auf dem Clint Eastwood hier wandert, aber ein so meisterhafter Regisseur weiß immer den richtigen Ton einzuschlagen.

Vielleicht auch, weil es eine wirkliche Herzensangelegenheit für Eastwood ist und er sich enorm Mühe gibt - bei jeder einzelnen Szene. Es ist sicherlich einer, wenn nicht gar der persönlichste Film seiner Karriere. Die Figur des Walt Kowalski hat enorm viel von seinen bekannten Rollen, zB dem Blonden aus den Leone Western und ganz besonders von Harry Callahan. Und ein wenig von ihm selbst ist auch drin. So muss und kann man den Film nicht nur als Film über Rassismus verstehen, denn die Geschichte ist weitaus vielschichtiger und die Charaktere, im speziellen Walt selbst, viel komplexer als es den Anschein macht. Ähnlich wie in ERBARMUNGSLOS gibt Eastwood ein Statement zu seinem bisherigen Schaffen ab und zerstört Stück für Stück seinen eigenen Heldenmythos. Wo er als zynischer Cop Harry Callahan zuerst die Knarre rausholte, Leute umballerte und anschließend erst Fragen stellte, bewegt er sich als Walt Kowalski auf viel dünnerem Eis. Häufig, wenn Walt in problematische Situationen gelangt, greift er unter seiner Jacke in seine Brust, holt seine Hand raus, formt sie zu einer Pistole und beginnt die Gegenüber einem nach dem anderen symbolisch abzuknallen. Aber diese Geschichte hier findet in der Realität statt und nicht in der Dirty Harry Welt. Hier kommt die von einem selbst ausgehende Gewalt gnadenlos wieder auf einen zurück. Walt kann nicht wie Harry Callahan jeden umballern, wenn er seine Probleme lösen will und das zeigt Eastwood hier, insbesondere im außerordentlich gelungenen und ernüchternden, vielleicht nicht gerade absehbaren aber zur bitteren Realität passenden Schluss, klar auf.

Doch das würde alles nicht so gut klappen, wenn der Hauptcharakter, an dem das gesamte Konstrukt hängt, nicht so stark gespielt wäre. Und hier zeigt Eastwood noch mal sein ganzes Können. Ob blinde Wut, Hass, Freude, Trauer, all die verschiedenen Emotionen bringt Eastwood erstklassig rüber. Immer mit ein wenig Melancholie versehen, wohl wissend, dass es wohl sein letzter Auftritt vor der Kamera gewesen ist, aber auch der Humor bleibt, wie bereits oben geschrieben, nicht auf der Strecke, denn knallige, höchst amüsante und völlig unkorrekte Oneliner raushauen kann Clint immer noch am besten. Aber auch bei der restlichen Besetzung hat Eastwood exzellente Arbeit geleistet, denn der Suppportcast ist gespickt mit unbekannten, unverbrauchten, frischen Gesichtern, die allesamt ihre Arbeit solide bis sehr gut erledigen. Großes Lob gebührt hier vor allem Bee Vang, dem Darsteller des Thao und Ahney Her, die Darstellerin der Sue. Beide blühen an der Seite von Eastwood auf, beherrschen ihre Charaktere mit Leichtigkeit und sind sehr authentisch in ihren Rollen.

Es fällt mir hier nicht schwer die 10 zu zücken, insbesondere als großer Eastwood-Verehrer. Denn hier hat Clint Eastwood sein ganzes Herzblut reingesteckt, was man dem Film auch über die gesamte Länge anmerkt und was ihn auch so ungeheuer sympathisch macht. Zudem bietet der Film weit mehr als nur eine Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus. Und wenn am Ende, so viel sei verraten, Eastwood selbst die ersten Strophen des Abspannliedes singt, weiß man, das der Film was besonderes ist.

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