Alle großen Preise seines Jahrgangs abgeräumt, inklusive 8 Oscars, ein Film, der wie die Angelsachsen sagen "Beine bekommen hat", denn läuft und läuft und läuft. Noch in seiner 20. Woche in den US-Kinos konnte er seine Einspielsumme erhöhen.
Dann noch die Tatsache, dass Danny Boyle Regie führt, das Regiewunderkind Großbritanniens.
Ein Märchen von einem Film, das selbst ein Märchen durchgeht.
Ich wiederhole: 8 Oscars!
Dieser Film muß super sein!
Dieser Film muß super sein?
Auf der formalen und erzählerischen Ebene ist dieser Film dermaßen virtuos inszeniert, dass einem tatsächlich die Spucke wegbleiben könnte. Der Anfang legt ein unheimlich hohes Tempo vor, welches etwas suggeriert, was der Film auch einzuhalten versucht.
Die verschachtelte Erzählebene ist ebenso schön wie betörend.
Und die Armut des Films ist manchmal dermaßen authentisch, dass einem der Atem stockt.
Also ist wirklich alles super?
Ist wirklich alles super?
Fangen wir mal bei der Charakterisierung des älteren Bruders des Protagonisten an? Achtung SPOILER:
Klar, er liebt seinen jüngeren Bruder und tut ihm auch nie was schlechtes, zumindest nicht so, dass er es böse mit seinem jüngeren Bruder meinen würde.
Aber schon im Kindesalter wird sein Haß/ seine Eifersucht auf die Protagonistin dermaßen verzerrt potenziert dargestellt, dass es fast wie eine Karikatur erscheint.
Auch ist nie glaubhaft, auch wenn er spitz auf sie sein soll, warum er sie seinem Bruder wieder entreißt.
Dementsprechend ist natürlich auch die plötzliche Einsicht und sein Martyrium am ende total unglaubwürdig.
Man mag jetzt meinen Märchen, und dafür muß man nicht glaubwürdig sein.
Aber an anderen Eckpunkten der Story gibt es mehr als genug realistische Motive und Ebenen. Von daher ist der Bruder-Charakter ein bißchen zu eindimensional dargestellt.
Auf der anderen Seite ist der Showmaster, ebenfalls total schmierig von der Charakterisierung, absolut richtig dargestellt und hier ist jegfliche Entscheidung und Konsequenz in sich schlüssig und richtig.
Von daher wiegt dieser schwelende Bruderkonflikt in seiner simplifizierten Darstellung umso schwerer.
Kommen wir zum Protagonisten: Viele werden meinen, eine Entdeckung. Aber es war enorm anstrengend diesem Knilch leiden und suchen zuzusehen, zu keinstem Zeitpunkt gelang es ihm, auch nur Sympathien bei mir zu wecken. Mag ein persönliches Problem sein, von daher steht dies in keinster Relation zur wertung, so lange der Gesamteindruck stimmt.
Tut er das?
Stimmt der Gesamteindruck?
Die Story ist fantastisch und fesselnd, solange die Kinder klein sind und sich durchschlagen müssen, auch als sie beim Taj Mahal anfangen Touristen auszurauben hat er etwas Fesselndes und trotz jeder Dramatik glaubt man immer wieder an ein Happy End und fiebert mit diesen Kiddies mit.
Doch spätestens wenn die beiden Brüder das Mädchen wieder finden, fangen - jetzt da sich endlich die Liebesgeschichte entwickeln wird (alle Frauen im Publikum haben nur hierauf gewartet) - die Längen im Film an.
Denn nun ist der Teejunge im Mittelpunkt und hat nichts anderes im Sinn als SIE zu finden. In der Multi-Millionen-Metropole Mumbai (oder abgekürzt 4M)!!!
Sein Bruder scheint ihm egal zu sein.
Wie man allerdings zwischen den Zeilen ersehen kann, sind beide Brüder sich natürlich nicht egal. Ich denke mal, da ist die Vorlage differenzierter als der Film, der es sich hierbei viel zu einfach macht. In vielerlei Hinsicht.
Kommen wir zum Ende: Erneute SPOILER:
1. Es ist überhaupt nicht nötig, dass der Protagonist die letzte Frage richtig beantwortet, ist dem typischen Happy End geschuldet. Wäre weitaus wirkungsvoller gewesen, hätte er verloren.
2. Man sieht aus Meilen Entfernung, wie die letzte Frage lauten wird.
3. Der letzte Tanz ist dermaßen ungelenk, dass einem das Zuschauen alleine schon weh tut.
Alles in allem fährt Danny Boyle trotz der rasanten Erzählstruktur am Anfang und sehr vieler ausgefallener optischer und inhaltlicher Raffinesse die sichere Schiene (er beläßt die Hauptdarstellerin jungfräulich bis zu einem gewissen Punkt), gibt seinem Protagonisten einen ehrlichen, soliden Charakter trotz aller Rückschlaäge im Leben, und gibt dem Zuschauer ein dermaßen überbordendes und märchenhaftes Ende, dass einem fast über werden könnte.
Es ist tatsächlich ein kleines Wunder, dass so ein Film überhaupt ins Oscar-Rennen darf und noch ein größeres, dass er gewinnen kann.
Verdient hat er all die Lorbeeren zu keinem Zeitpunkt.
Denn letztlich ist Slumdog Millionaire lediglich gute Unterhaltung mit etwas Anspruch, der sich in der Mitte ziemlich zäh zieht und am Ende nicht wirklich überzeugen kann.
Der Anfang jedoch ist Kino der magischsten Sorte.
Und genau hier ist Danny Boyle in seinem Element: Jedes Mal ist sein Anfang weitaus stärker und vielversprechender als es am Ende werden kann (28 Tage später, Sunshine, Liebe lieber ungewöhnlich usw.)
Nichtsdestotrotz, dies ist sein bester Film seit Trainspotting und hat das Herz am rechten Fleck. Nicht mehr nicht weniger.
Also: Ein Meisterwerk? Nein!
Ein guter Film? Kommt auf den Betrachtungswinkel an!
Sehenswert? Vor allem wegen der ersten Hälfte allemal.
Ach ja, noch was: die musikalische Untermalung ist natürlich auch ganz gut gelungen.
7 Punkte