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Wenn ein Film wie „Slumdog Millionär“ eine ganze Reihe von Auszeichnungen und acht Oscars gewinnt, dann ist das eine gewaltige Hypothek. Ein „Bester Film“ des Jahres muß den Test der Zeit bestehen können und das fällt nicht einmal Oscargewinnern leicht, von denen viele heute eher als damalige Sieger müde belächelt werden.
Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn nicht der ganze Planet sofort in Jubelgeschrei ausbricht, wenn die US-Filmindustrie einen britischen Film kührt, der sich mit Problemen Indiens auseinandersetzt, obwohl die Kombination an sich schon mal unwahrscheinlich ist.

Ergo fallen jetzt gern die Leichenschänder über den Corpus her: Elendstourismus habe Danny Boyle begangen, keine Ahnung von der Materie hätte er besessen, einen Staat an sich beleidigt und die angesprochenen Konflikte und Probleme des Landes und seiner Bevölkerung verschönt und auf Spur gebürstet.
Das alles sind diskutable Themen, aber damit entkräften sie den Film als solchen nicht voll und ganz.

Natürlich ist „Slumdog“ ein Hollywood-Filmportrait in einem indischen Rahmen, die Story vom Underdog, der mit Hilfe des Schicksals oder seiner Lebenserfahrung ein großes Spiel (wenn auch in einer TV-Show) gewinnt, weil er die Liebe seines Lebens auf sich aufmerksam machen will und sich mit Geschick und Glück durchsetzt, nachdem ihm ein Schicksal beschert war, daß nicht nur in einer Szene an Charles Dickens „Oliver Twist“ gemahnt, wenn auch ohne den reichen Mann, der die wahre Herkunft aus der Gosse rettet.
Aber wer schon mal einen typischen Bollywoodfilm gesehen hat, weiß, daß neben der totalen Unterhaltung und dem schönen Schein bunter Kostüme kaum eine Filmindustrie noch verlogener daherkommt, um mit der gesamten Gefühlpalette und ausladenden Gesangs- und Tanznummern von den wahren Zuständen in den Millionenmetropolen abzulenken, die in Dreck, Armut und auch Verbrechen versinken. Hierzulande leuchten bei Horden von Frauen aller Altersklassen die Augen, wenn die Pracht über den Plasmafernseher flimmert, auf der anderen Seite der Welt ist es eine Ablenkung vor dem wahren Leben, leichte Kost, die das Volk bei Laune halten soll. Kennen wir in Deutschland auch, Indien ist nur nicht im offenen Krieg.

Danny Boyle ist sicherlich kein Anprangerer schlimmer Zustände und kritisiert hier auch nur tendenziell das System, aber was soll er als Europäer auch machen – er kann sich kaum dafür entschuldigen, eine gute Geschichte erzählen zu wollen. Und der Lebensweg des bettelarmen Jamal vom plötzlichen Waisenkind zum ausgebildeten Bettler, eigenverantwortlichen Subunternehmer zum Teejungen und Bürohelfershelfer ist nun mal der eigentliche Stoff, aus dem die Träume sind. Eingesponnen darin ist eine zeitlose Liebesgeschichte aus Kindertagen, die stets ins Nirgendwo führt: mal bleibt die Angebetete bei den schurkischen Waisenfürsorgern zurück, dann entwickelt sie sich zur Prostituierten, schläft mit dem Bruder, verschwindet und taucht als Gespielin eines Gangsterbosses wieder auf. Der Bruder wiederum beißt und schießt sich seinen Weg nach oben frei, wo Jamal nur durch Fleiß und Geduld auffällt und eine gewisse emotionale Beharrlichkeit.

Doyle breitet einen gewaltigen Bilderbogen dieses riesigen Landes vor dem Publikum aus und reißt viele Themen an, ohne sich jetzt entscheidend in einem zu verbeißen und genau das wurde ihm beispielsweise angekreidet. Die Armut in den Slums ist nicht dreckig genug (was nicht eben stimmt), die Bettlergangster nicht brutal genug und überhaupt müßte die Welt viel böser sein, aber letztendlich haben die Hauptfiguren nie ein schönes Leben, der eine wird kriminell, sie wird sexuell ausgenutzt und unser Protagonist kämpft sich notgedrungen durch die unteren Schichten, die ihm zugänglich sind.

Natürlich: Boyle setzt auf Schauwerte, aber er zieht sie in eine zeitliche Entwicklung mit ein, so sitzt „Slumdog Millionär“ zwischen den Stühlen von realistischem Indiendrama und klebrigem Holly/Bollywoodkitsch, zu viel Love Story und zu viel Feel-Good-Stimmung, hier soll niemand mit einem schlechten Gefühl nach Hause gehen.
Das ist richtig, aber die Masse packt man nur mit Außergewöhnlichem und genau so ist der Rahmen der Geschichte geraten, in der Jamal bei der indischen Ausgabe von „Wer wird Millionär“ sich durch die Fragerunden arbeitet, indem er sie mit Punkten in seinem Leben verknüpfen kann.
Da kann man natürlich mosern, hier käme wieder Schicksal ins Spiel, aber es ist eine gewisse erzählerische Magie, die Geschichten erst groß werden läßt. Und daß er der ständigen Arroganz und Überheblichkeit des Moderators ausgesetzt ist, der selbst niederen Ständen entstammt, macht die Sache auch nicht leichter.

Wenn man über die Mischung aus Schicksalsstory und reelle Bezüge wirklich meckern möchte, so kann man unzufrieden sein , mit der finalen Montage, in der sich das Schicksal der drei Hauptfiguren schließlich erfüllt, die dann ein bißchen zu sehr bemühten Kinoträumen ähnelt und zumindest im Falle von Jamals Bruder nicht eben recht nachvollziehbar ist, bei dem Weg, den dieser bis dato genommen hatte.

Ja, „Slumdog“ ist eine Art Kompromissfilm, ein goldener Mittelweg, der den Erfolg garantieren sollte, der dazu aber weltweit funktionieren mußte. Drei Viertel des Films funktioniert dies aber trotzdem sehr gut, stehen Schönheit und häßliche Fratze in Konjunktion, wagen Liebe und Tod ein elegant ausbalanciertes Tänzchen.
Ein Mann will nach oben und dazu muß er raus aus der Scheiße (wortwörtlich) –gegen diese universelle Ehrgeizbotschaft und dem Wunsch nach persönlichem Glück ist kein Kraut gewachsen. Hartnäckige Zyniker dürfen gern aussäen, aber gegen windschiefe Banalitäten wie „A Beautiful Mind“ oder der Unterhaltung geschuldete Gewaltstories wie „The Departed“ muß sich „Slumdog Millionär“ nicht verstecken, dazu reißt er zu sehr mit – wenn man ihn läßt. (8/10)

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