Die angemessene Darstellung eines Slums im Film gleicht ein wenig der Quadratur des Kreises. Luis Buñuel 1950 in "Die Vergessenen" über die Slums von Mexico City und Pasolini in "Accattone", der sich 1960 den Barackenbauten am Rand von Rom widmete, näherten sich dem Thema nahezu dokumentarisch, erreichten damit aber nur ein aufgeklärtes Publikum - ganz abgesehen davon, dass beide Regisseure als bekennende Linke unmittelbar in der Kritik der jeweiligen Länder standen. Auffällig an ihrer jeweiligen Umsetzung ist die Freudlosigkeit des hier dargestellten Geschehens, die keinen Zweifel an ihrer absoluten Ernsthaftigkeit zuließ.
Anders näherte sich Vittorio de Sica der Thematik in seinem "Das Wunder von Mailand" von 1951. Zwar siedelte er seine Handlung ebenfalls unter den Bewohnern eines Slums an, konzentrierte sich neben den dokumentarisch festgehaltenen Missständen aber auf die trotzdem vorhandene Lebensfreude und die daraus entstehende Solidarität unter den gesellschaftlich Benachteiligten, die in einem märchenhaften Marsch in den Himmel gipfelte. Diese Umsetzung wurde nicht nur von einem deutlich größeren Publikum angenommen, sondern stand auch weniger in der Kritik der italienischen Regierung, obwohl die Diskrepanz zwischen den realen Missständen und einer völlig unrealen Rettung mehr als deutlich war. An De Sicas Kritik an den Zuständen konnte es keinen Zweifel geben, aber trotzdem entließ er sein Publikum mit einem positiven Gefühl, so irrational es auch erzeugt worden war.
Regisseur Danny Boyles Umsetzung ähnelt in Grundzügen De Sicas Vorgehensweise, auch wenn er wie Buñuel und Pasolini Laiendarsteller verwendete und nicht weniger dokumentarisch die Zustände in den Slums von Mumbai mit der Kamera einfing.
Während diese das freudlose Dasein in absoluter Armut und die Ausweglosigkeit daraus betonten, versucht "Slumdog Millionaire" das "normale" Leben innerhalb "unnormaler" Verhältnisse einzufangen. Die beiden Brüder Jamal und Salim begehen Streiche, laufen vor der Polizei weg und versuchen ein paar Rupien zu verdienen, während ihre Mutter sich um sie kümmert und sie mit gepflegten Schuluniformen zum Unterricht schickt. Ähnlich wie De Sica beschreibt Boyle eine Situation, die zwischen dem Wunsch nach Normalität und ständiger Gefahr pendelt. Bei einem Angriff hinduistischer Glaubensanhänger auf Bewohner muslimischen Glaubens wird die Mutter der beiden Jungen getötet und ihr eigentliches Martyrium beginnt...
Lebensfreude innerhalb menschenunwürdiger Verhältnisse zu zeigen, birgt immer die Gefahr einer pittoresken Verharmlosung, die schreckliche Zustände schön verpackt zum kurzfristigen Schauern auf die Leinwand bringt - vor allem da Boyle seine Handlung mit schnellen Schnitten und waghalsigen Kamerafahrten in eine sehr aktuelle Optik packt. Diesem Vorwurf setzten sich Buñuel und Pasolini nicht aus und auch De Sica blieb trotz fantastischer Storyelemente in seiner Gestaltung sehr realistisch und zurückhaltend. Boyle muss diese Gefahr ebenfalls bewusst gewesen sein, denn die alltägliche Brutalität und damit ständige Lebensgefahr für seine Protagonisten werden von ihm stark betont, um so gar nicht den Eindruck entstehen zu lassen, über Müllberge springende Kinder und das mit Scheiße verschmierte Einholen eines Autogramms wären prägende Momente.
Das Leben in den Slums realistisch für die Leinwand einzufangen ist letztlich unmöglich, aber so gerechtfertigt die harsche Kritik eines Pasolini an den Zuständen damals war, die bewusst keinen positiven Aspekt aufzeigen wollte, so nachvollziehbar ist auch Boyles Vorgehensweise. Das er vor dem allgemeinen Erfolg des Films stark in der Kritik Indiens stand, beweist, dass er durchaus einen Nerv getroffen hatte - auch "Accattone" erhielt erst nach dem Gewinn eines Festivalpreises seine Anerkennung. Wie De Sica in "Das Wunder von Mailand" erzählt Boyle eine Geschichte, die zwischen fast unerträglicher Realität und einem wunderbaren Märchen pendelt. Das dieser Gegensatz nicht so stark auffällt, liegt letztlich in einer Globalisierung, die über alle Grenzen hinweg ein Fernsehquiz wie "Wer wir Millionär" verbreitet hat.
Dadurch entsteht für den westlichen Zuschauer der Eindruck, eine solche Geschichte, bei der ein ungebildeter Slumbewohner ("Slumdog") den Höchstpreis bei diesem Quiz gewinnt, wäre tatsächlich möglich. Übertragen auf die realen indischen Verhältnisse ist diese Geschichte nicht wahrscheinlicher als De Sicas Gang in den Himmel. Nur diesem Missverständnis ist es zu verdanken, dass verschiedentlich darüber nachgedacht wird, warum der zuerst folternde Polizist den 18jährigen Jamal (Dev Patel) doch glaubt und ihn wieder freilässt, warum sein Bruder Salim (Madhur Mittal) plötzlich umdenkt und warum die Liebesgeschichte zwischen Jamal und der schönen Latika (Freida Pinto) die schlimmsten Phasen überdauert. Boyle erzählt hier ein Märchen, dessen Schönheit und Glück die tatsächlichen Missstände erst verdeutlicht und diese gleichzeitig so erträglich macht, dass man bereit ist, sie sich anzusehen.
Gerade in den weniger auffälligen Momenten werden die realen Verhältnisse besonders erfahrbar. So schrecklich die Ausbeutung der Kinder als Bettler durch skrupellose Verbrecher ist, so deutlich wird die Nichtachtung des menschlichen Lebens, wenn die Brüder vom Zug geworfen werden, als sie einen Fladen stehlen wollen, oder wenn auf Jamal brutal eingetreten wird, als er in Verdacht gerät, bei einem Autodiebstahl beteiligt zu sein. Die Ausführenden dieser Taten sind weder Slumbewohner noch Verbrecher, sondern normale indische Bürger. Auch das Folterverhör der Polizei steht in keinem Verhältnis zu den Jamal vorgeworfenen Taten, für die es nicht den geringsten Beweis gibt.
Das man "Slumdog Millionär" auch wahlweise als "Feelgood-Movie" oder die realen Verhältnisse verharmlosendes Werk ansehen kann, liegt nicht in der Schuld der Macher, sondern letztlich im Auge des jeweiligen Betrachters. "Slumdog Millionär" ist ein Film mit einer aktuellen Ästhetik, mitreißend und sicherlich manchmal auch plakativ, aber er wandelt im Geist eines Vittorio de Sica und bietet uns ein wunderschönes Happy-End an, dessen Unwahrscheinlichkeit erst die realen Verhältnisse ins Bewusstsein bringt (9/10).