"Geld und Frauen. Dafür macht man die meisten Fehler in seinem Leben."
Jamal Malik (Dev Patel), ein in den indischen Slums aufgewachsenener, 18-jähriger junger Mann, sitzt in der Endrunde der Fernsehsendung "Wer wird Millionär?". Vielen ist unklar, woher ein in den niederen Verhältnissen Aufgewachsener die größtenteils überaus anspruchsvollen Fragen der Quizsendung beantworten kann. So muss er sich selbst vor der Polizei rechtfertigen, die ihn für einen Betrüger hält. Unter Androhung von Folter erzählt Jamal von seinen Erlebnissen in Kindheit und Jugend, seinem in verbrecherischen Verhältnissen befindenden Bruder Salim (Madhur Mittal) sowie seiner großen Liebe Latika (Freida Pinto), durch die er überhaupt erst der Sendung beitrat.
Mit "Slumdog Millionär" entführt der Regisseur Danny Boyle ("Sunshine", "28 Days Later") den Zuschauer auf eine ca. zweistündige, ungewohnte Reise nach Indien. Sind die Filme des Bollywood-Genres in westlichen Nationen eher einer kleinen Fangemeinde vorenthalten, die sich fast gar nicht in den großen Kinosälen finden lassen, startet der Regisseur mit dem Film den Versuch, beide Welten miteinander zu verbinden. Direkt vorweg sei gesagt, dass die Mischung westlicher Elemente mit dem Thema Bollywood wider erwarten enorm gut funktioniert. Ob das daraus entstandene moderne Märchen allerdings zeitlose Oscar Referenzen hat, ist eher fraglich.
Die Handlung des Films könnte man als haarsträubend bezeichnen. Die Geschichte eines Jungen aus den Slums, der am Ende Dank der TV-Show "Wer wird Millionär“ zu eben diesem wird, der sein Leben lang seine verloren gegangene Liebe sucht, eine parallele Brüdergeschichte von dem guten Jamal, der sich ein reines Herz bewahrt hat, und dem bösen Salim, der zum brutalen Handlanger eines Gangsterbosses wird, ist sicher alles andere als neu und jenseits realistischer Vorstellungen. Ein Märchen also, eine Fantasie des Kinos über den Weg vom Tellerwäscher zum Millionär, über ewige Liebe und das Schicksal, dem man folgen muss? Ein Traum-Film, der mit der Realität nichts zu tun hat? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht.
Zumindest macht Boyle in der Darstellung der Armut keinen Hehl um eine schwere Bürde. Der Überlebenskampf der Kinder thematisiert die tägliche Armut mit Diebstahl, betteln sowie den Versuchen ehrlicher Arbeit aus vermutlich gestohlenem Gut. Religiöse Fanatiker und geldgierige Menschenhändler verfolgen die Aufwachsenden, um sie gewinnbringend einzusetzen und schrecken gar vor Verstümmelung nicht zurück. Die einzige Chance ist Flucht oder der Beistand eines noch mächtigeren Verbrechersyndikates. Und obwohl sich die Themen nun ernst und hoch dramatisch anhören, mischt "Slumdog Millionär" die Verfolgungen auch mit komödiantisch leichtfertiger Materie, die zum schmunzeln animiert.
Zu Beginn fällt der Einstieg alles andere als leicht aus. Neben dem befremdlichen Stil des indischen Kinos sind es gerade die wild zusammengefügten Schnipsel aus vergangenem und Gegenwart, die in den ersten Minuten zur Verwirrung führen. Diese Wirrungen lösen sich glücklicherweise recht schnell, hinterlassen aber einen faden Nachgeschmack, der auch bei später vorkommenden Ungereimtheiten erneut auftritt. So ist nicht immer ganz klar, woher die sich die durch die Armut schlagenden Jungs diverse Hilfsmittel und Werkzeuge, wie beispielsweise einen Fotoapparat, haben. Gestohlen könnte man mutmaßen. Bei den Mutmaßungen bleibt es dann aber auch. Plötzliche Zeitsprünge machen das Folgen der Handlung noch schwerer, gleichfalls der missende Spannungsbogen.
Nachdem auch Bollywood-Fremdlinge spätestens nach einer Stunde in das Thema vollends eingestiegen sind offenbart "Slumdog Millionär" plötzlich andere Mängel. Die zweite Hälfte der Handlung reißt nicht mehr so mit wie die erste. Ohne große Überraschungen verläuft die spätere Hälfte, ist absehbar bis zum Ende hin und gibt sich besonders da als allzu unwirklich.
Am Rande muss man allerdings bemerken, dass "Slumdog Millionär" nicht mit den üblichen Bolly- / Hollywood Klischees ins Bett steigt. So präsentiert sich die obligatorische Romanze originell und schlüssig, versucht allerdings parallel Sympathie durch ein allzu süß geratenes Charakterdesign und dem Mitleidsschema zu erhaschen.
Boyle erzählt im stets richtigen Rhythmus, mal schnell und dynamisch, mal ruhig und romantisch. Er benutzt die Schauplätze, die Indien bietet, um ein vielschichtiges Bild des Landes zu zeichnen, setzt den Taj Mahal gegen Slums, zeigt Zuglinien, die Lebensadern Indiens, ebenso wie den künstlichen Glamour eines TV-Studios. Erschlagen von der opulenten Optik und den Klängen der Gegend wird die Geschichte in farbenfrohen Bildern eingefangen, die das Lebensgefühl und die Kultur präzise übertragen.
Durch den Wechsel zwischen gestellter Frage der TV-Show und der Antwort im zugehörigen Lebensabschnitt, kommen zur späteren Laufzeit keine Fragezeichen mehr auf. Die Handlung betritt einen tempo- sowie ereignissreicheren Grund und setzt seine dramatischen Momente emotional treffend um.
Schauspielerisch sind vor allem die Kinderdarsteller zu loben, denn was Boyle aus den indischen Rackern an Charisma zutage holt, ist schlichtweg beeindruckend. Auch der bislang völlig unbekannte Hauptdarsteller Dev Patel überzeugt durch sein pfiffiges Auftreten des älteren Jamal und seinen spitzbübischen Sprüchen im Spiel. Da bleibt der dessen Bruder spielende Madhur Mittal weit zurück. Der ansehlichen Freida Pinto dagegen bleiben wirkliche Momente verwehrt. Allgemein betreffend finden die Darsteller einen guten, aber nicht umwerfend Ton.
Danny Boyle wirft in "Slumdog Millionär" tragische, lustige und stille Szenen geschickt durcheinander, ohne aber je den Faden zu verlieren oder gar mit deprimierenden Szenen die Stimmung zu drücken. Das lebensnahe Überlebensporträt hat zwar einige Tragikmomente, ist aber vorherrschend ein Gute-Laune-Film, gerade deswegen auch nicht so kraftvoll wie andere Dramen. Gelungen ist die Mischung aus westlichem Kino und Bollywood-Elementen, für die Neulinge allerdings trotzdem eine Einarbeitungszeit benötigen. Kritikpunkte sind ebenso plötzliche Handlungs- und Zeitsprünge sowie das beinahe zuckersüße Figurendesign. Boyle erhält hierfür einen nicht angemessenen Oscar, den er für andere Filme eindeutig verdient hätte.
7 / 10