Regisseur Danny Boyle gelingt mit dem 2008 veröffentlichten Liebesdrama „Slumdog Millionär“ und in Zusammenarbeit mit Co-Regisseur Loveleen Tandan tatsächlich das Kunststück, mit einer zunächst absurd anmutenden Geschichte sein Publikum nicht nur in den Bann zu ziehen und vorzüglich zu unterhalten, sondern es darüber hinaus auch noch für die sozialen Probleme eines Landes wie Indien zu sensibilisieren. Dies geschieht durch die neugierig machende Ausgangssituation, in der ein einheimisches Ghettokind in der indischen Ausgabe des TV-Formats „Wer wird Millionär?“ sitzt und die Chance seines Lebens hat. Die Geschichten aus seinem Leben, die er erzählen muss, um glaubhaft zu versichern, bei den richtigen Antworten auf die Fragen des überheblichen Moderators nicht betrogen zu haben, werden in vielen kleinen Episoden häppchenweise und appetitlich serviert und decken nach bester Hollywood-Manier ein breites Spektrum großer Emotionen ab. Nebenbei erfährt der Zuschauer viel Schockierendes über das Leben in Indiens unterster Bevölkerungsschicht, allerdings nie, ohne das Gezeigte durch faszinierende Exotik, sympathische Charaktere, Humor und eine prachtvolle Inszenierung inkl. begeisternder musikalischer Untermalung (eine Art Folk-/Pop-Mischung?) zugänglich und leichter verdaulich zu gestalten. Im Mittelpunkt steht die große, bis in die Kindheitstage zurückreichende, unerfüllte Liebe, die Jamal selbst in den ausweglosesten Situationen antreibt und motiviert. Eben dieser Hoffnungsschimmer, durch Beharrlichkeit allen Widerständen zum Trotz sein Ziel zu erreichen, stellt die positive Aussage des Films dar, die so neu nicht ist und hier wie ein modernes Märchen wirkt. Die Hauptdarsteller, allen voran Dev Patel als unbedarfter Sympathieträger Jamal überzeugen, wobei darüber hinaus die hervorragenden Leistungen der Kinderdarsteller herauszuheben sind. „Slumdog Millionär“ unterhält fesselnd, hält so manchen fiesen Magenschwinger bereit und ist über weite Strecken viel mehr authentisches Sozialdrama als Romantik, um im Finale dann allerdings doch noch den Kübel Kitsch über der Geschichte auszuschütten. Das ist mir persönlich zu dick auftragen und vermutlich ein Zugeständnis an die Sehgewohnheiten des Mainstreams, evtl. aber auch eine Art Bollywood-Satire? Letztlich haben Danny Boyle, Loveleen Tandan und die Autoren des Drehbuchs mit „Slumdog Millionär“ aber ein innovatives, inspirierendes Stück Kino geschaffen, das nicht zu Unrecht zahlreiche Auszeichnungen eingeheimst hat. Wie nachhaltig der Eindruck des Films auf die westlichen Zuschauer wirklich war, wird die Zeit zeigen müssen.