Als Lucy Hill (Renée Zellweger) bei der Direktorenkonferenz ihrer Firma eintrifft, sitzen die männlichen Kollegen schon am Konferenztisch. Mit vielsagenden Blicken reagieren sie auf die Kollegin, was sich auch in ihrem weiteren Verhalten äussert, als der Firmenchef in die Runde hinein fragt, wer die schwierige Aufgabe übernimmt, eine entfernt gelegene Firma zu modernisieren und dabei die Hälfte der Belegschaft zu entlassen. Bei so viel Zurückhaltung bleibt der ehrgeizigen Lucy Hill nichts anderes übrig, als sich selbst für diesen Job zu melden und man erkennt in den aufatmenden Gesichtern der Kollegen, dass alles nach Plan lief.
"New in town" befindet sich von Beginn an auf einem in Hollywood sehr vertrauten Terrain - der Dekonstruktion einer erfolgreichen Geschäftsfrau. Ob in "Zufällig verheiratet" oder zuletzt in "(Traum)job gesucht", jedes Mal musste die ehrgeizige Protagonistin lernen, dass Frauen, die im Job erfolgreich sein wollen, keiner wirklich mag und keine Beziehung haben. Sie alle erfahren deshalb schlussendlich, dass das wahre Glück in den Armen eines liebenden Mannes liegt, der selbstverständlich für genügend Haushaltseinkommen garantieren kann, damit das mit dem Shoppen auch nicht zu kurz kommt. Einzig in "Selbst ist die Braut" gelang es Sandra Bullock diesem Teufelskreis zu entkommen, in dem sie zwar einen Bräutigam und Sympathien gewann, aber nicht an Kompetenz verlor.
Bei "New in town" scheint schon die zweite Szene die ersten Eindrücke zu bestätigen, als Lucy Hill, den Anblick der sonst vermummten Menschen ignorierend, bei Minusgraden mit Stöckelschuhen und dünnen Designer-Klamotten vor die Tür des Flughafens tritt. An einer solchen Konstellation wird schnell die übliche manipulative Vorgehensweise Hollywoods deutlich, die einerseits Professionalität demonstriert, aber dann keinerlei Hemmungen hat, billigste Klischees aufzuwerfen, die jeder Realität entbehren. Sollte Lucy Hill auch nur ein wenig gerechtfertigt in ihre Führungsposition geraten sein, was Hollywood mit seinem Blick auf die verbissene, einsame Frau zuvor betont hat, ist es nicht erklärbar, dass diese vor einer mehrere tausend Kilometer weiten Reise, weder mit ihrer zukünftigen Assistentin telefoniert hat, noch einen Blick ins Internet geworfen hat, abgesehen davon, dass es zum Allgemeinwissen gehören müsste, dass in Minnesota die Winter lang und kalt sind. Hier soll eine Frau auf Teufel komm raus zur Idiotin gemacht werden.
Angesichts dieses Beginns wandelt sich die größte Schwäche des Film in seine relative Stärke - seine Unentschiedenheit. In "New in town" werden bei genauem Hinsehen eine Menge kontroverser Themen angesprochen, ohne sie jemals zu konkretisieren. Warum die männlichen Kollegen zu Beginn auf Lucy Hill so reagierten, kommt gar nicht mehr zur Sprache, so wie sie schnell lernt, sich den Gegebenheiten vor Ort anzupassen. Die Ureinwohner der Kleinstadt in Minnesota wirken zuerst wie die üblichen Deppen vom Land, doch so sympathische Darsteller wie Siobhan Fallon als Lucys etwas einfältig wirkende Sekretärin und J.K. Simmons als Vorarbeiter der Firma verdeutlichen schnell, wer das Herz am rechten Fleck hat.
Am diffusesten ist der Film aber ausgerechnet in dem Bereich, der die Story überhaupt vorantreibt - seine politische Relevanz. Die Art, mit der hier ein Konzern einfach eine funktionierende Firma in einem sozial ausgewogenen System zerstören will, ist prinzipiell Kritik am Kapitalismus, so wie die Idee, die Firma dadurch zu retten, indem die Arbeiter selbst sie erwerben, sozialistisches Gedankengut zumindest streift. Doch das Ganze wird mit den üblichen menschelnden Mechanismen so überzuckert, damit hier Niemand auf dumme Gedanken kommt. In der Figur des Gewerkschaftsvertreters wird das letztendlich deutlich.
Von Ted Mitchell viril und für einen ganz kurzen Augenblick auch prollig (damit Lucy schockiert wird) gespielt, hat der Mann trotz allen Selbstbewusstseins nichts zu sagen. Zwar soll sich Lucy zu Beginn, als sie noch die Interessen des Konzerns vertritt, mit diesem gut stellen, aber man versteht gar nicht, warum, denn erstens funktioniert es nicht und zweitens interessiert es auch Keinen, als man sich zur Schließung der Firma entscheidet. Selbst die (zeitweise) Entlassung des Vorarbeiters kann der Gewerkschaftler nicht verhindern. Und als es dann in die andere Richtung geht, kann der arme Mann auch nur motivierend daneben stehen. Kein Wunder, dass man ihn zum Love-Interest für Lucy aufbaut, denn damit bekommt er endlich eine anständige Funktion.
"New in town" ist Hollywood - Konfektionsware, mit einer vorhersehbaren Story, der üblichen Propagierung wahrer Werte und dem gewohnten Plädoyer, selbst anzupacken, wenn Andere einen im Stich lassen. Angesichts dieser Tatsache ist es beruhigend, dass der Film nicht besonders witzig sein will, indem er schnell aufhört, sich über Frauen und Hinterwäldler lustig zu machen, das er die weibliche Hauptperson nicht komplett degradiert, sondern sie als Führungskraft erhält, und das die obligatorische Liebesgeschichte recht dezent und ohne die Aussicht auf Selbstaufgabe integriert wird. Man muss nehmen, was man kriegen kann, weshalb "New in town" zwar nicht gut, aber immerhin leidlich unterhaltend geworden ist (4/10).