Keine Ahnung, was schlimmer ist.
Daß Nazis scheiße waren oder das sich ins Internet erbrechende "Publikum", das vor Lachen in sein Palettenbier reihert, wenn endlich Nazi-Zombies mit einer Kettensäge zerhäckselt werden, weil das ja per se schon lustig sein muß.
Daß Skandinavien sich jetzt mit Horrorfilmen vom Reißbrett freischwimmt, wo die Gore-Industrie dank verbesserter PC-Technik größere Blutmassen einer breiten Zuschauerschaft kostengünstiger zugänglich machen kann, ist ja an sich nicht das Schlimmste. Der Slasher ist schon seit einiger Zeit in der verschneiten Ewigkeit des hohen Nordens angekommen, aber etwas draus zu machen, dazu gehört schon größere Kunst. Oder etwas mehr Talent.
"Dead Snow" hat den o.a. Vorteil, daß die Aussicht auf Nazi-Zombies an sich schon einen Grölreflex auslöst, was auch den Griff zur Brieftasche erleichtert, wenn man sowieso den Spaßfaktor auf eine niedrige Leine hängt. Ein wenig mehr Kreativität und Zielbewußtsein hätten den Film dann aber wirklich lustig machen können.
Das wesentliche Problem an "Dead Snow" ist nämlich, daß es eigentlich keinen anderen Grund für die Anwesenheit von Nazi-Zombies in diesem Film gibt, als das sie ein passables Feindbild für Jedermann abgeben, ansonsten hätte man auch nackte Statisten mit "Plot Device"-Schildern um den Hals oder Baumarkmitarbeiter in Blaumännern (das wäre mal bizarr gewesen, die Rache von IKEA) losschicken können, sie hätten die gleiche Funktion in dem Vehikel Handlung hier gehabt.
Ansonsten ist den Norwegern für "Dead Snow" nicht viel (erste Hälfte) oder zu viel (zweite Hälfte) eingefallen, ohne das sie mit diesem Potential irgendwas anzufangen wußten.
Die erste halbe Stunde kann einen dann in den gesegneten Schlummer aus 1001 DVD-Billig-Produktion versetzen: bei Nacht und Eis wird eine holde Maid in der Bergwelt von Unbekannten gemeuchelt, dann treten die übrigen sieben Standardopfer aka Medizinstudenten ihren Osterurlaub in der abgelegenen Hütte ohne Handyempfang an. Die machen dann erst mal so richtig den Kindergarten unsicher, trinken glatt Bier, machen Schneeballschlachten oder lassen sich auf einem Gummireifen den Berg runter rutschen, sind schon kreative Schweinigels.
Was keiner für möglich hält: einer der sieben ist ein gar mächtiger Filmfan, trägt ein Braindead-Shirt und ist ganz schön dicke - findet aber in der einzigen nicht vergebenen Uschi sofort eine läufige Anhängerin (was schon mal irre logisch und unkonventionell ist). Im stets offenen Proviantverschlag findet sich (einfach so) eine Kiste mit Goldstücken aus der seligen Nazibesatzerzeit und dann steht Karl, der Schweigsame in der Tür, nuckelt Kaffee und Pils und läßt im sedierten Nuschelton (gesehen auf norwegisch mit englischen Untertiteln) die geniale Backstory vom Stapel, nachdem die fiesen Nazis anno 45 von der aufgebrachten Bevölkerung in die Berge gejagt wurden, weil sie so goldgierig waren.
Wenn man dann so richtig bettschwer ist, passiert doch noch was. Trotz aller Warnungen zeltet Karl nämlich lonely an ground zero und ist töfte überrascht, als man ihn blutigst zerhäkelt; anschließend geht Moppelchen nächtens kacken und läßt sich Sekunden nach dem Abwischen von seiner Else auf dem Topf zureiten. Ab da empfiehlt sich ob solcher reifer Skriptleistungen natürlich der Konsum von noch mehr Bier, denn die flink agilen Zombies hetzen von nun an ums Gehölz, ziehen Else in die Latrine, winken mit abgehackten Köppen und quetschen Hirne aus.
Was also nach "Evid Dead Snow" schnuppert (daß das Zombies sind, weiß man bis dato eigentlich nur vom Cover), kommt dann bei Tagesanbruch zu voller Blüte: einer düst los und darf die Zombiehöhle finden und mit seinem Snow Mobile ordentlich Dampf machen, die anderen verwandeln sich ex und hopp in ein Quartett viriler Volldeppen, die sich die Schutzhütte unter dem eigenen Arsch abfackeln.
Originell ist eigentlich daran nur noch, daß nicht einer der Survivors gleich nach "final girl" oder "final boy" schreit, aber auch das hat seinen Grund.
Ab da muß es dann eine Splatterkomödie sein, denn die Eingeweide hängen in den Bäumen fest und die Zombies kommen in Massen über die Piste gerannt, angeführt von Oberst Herzog mit dem finalen Unterbiß. Zwischendurch verstümmelt man sich selbst, stellt sich mal doof und mal schlau an und die beiden größten Hirnis finden schließlich Axt und Kettensäge und gehen die Leichenkompanie frontal an.
Nur: die Gagmaschine läuft immer wieder leer, weil der Film gleichzeitg betroffener Ernsthorror und Splatterspaß sein soll, die Figuren sind uneinheitlich und das Timing und der Spannungsaufbau machen allesamt wilde Bocksprünge, was insofern schade ist, weil die Charaktere nicht ganz so flach, doof und nervig scheinen, wie in analogen US-Produkten.
Also: splattert dann ganz irre und ganz viele Nazis werden auch geschrotet bis zum finalen Schlußgag, den Sam Raimi letztes Jahr aber zufällig besser hinbekommen hat und die schöne, menschenleere, isolierte Landschaft wird leider nicht so beklemmend ausgenutzt, wie sie es verdient hätte. Daß untote Nazis hier wie gesagt ohne sonderlichen historischen Zusammenhang als rumhechelnde Grunzwitzbolde verniedlicht werden, ist übrigens eine kaum akzeptable Banalisierung.
Am Ende bleibt ein komischer Zwitter von einem Film, der mehreres auf einmal sein will, aber nicht wirklich ist, obwohl seinem Publikum das alles wohl vergleichsweise egal ist, solange es nur schön matscht. Mir persönlich reicht das leider nicht, da wäre ich zu einer ernsten Story mit fiesen Ecken und Kanten oder einer durchgängigen Alberei schon eher zugetan gewesen. Aber wen interessiert das schon - hier werden immerhin Nazi-Zombies gekillt. Ganz viele. Ganz ehrlich! (4/10)